Dancing With The Elephant

    • Dancing With The Elephant

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      Conversations about Michael Jackson, his art and social change
      http://dancingwiththeelephant.wordpress.com

      Blog zwischen Willa Stillwater (Autorin des Buches „M Poetica“) und Joie Collins (Gründungsteammitglied des MJFC)

      Why Dance with an Elephant?
      11/08/2011

      Joie: So, “Dancing with the Elephant”. Ziemlich merkwürdiger Titel für einen Blog über Michael Jackson, oder? Okay, nicht wirklich. Nicht, wenn ihr einmal verstanden habt, wo meine Freundin und ich herkommen und wie es zu diesem Blog kam.

      Mein Name ist Joie Collins und ich bin eine der Personen, die sich der MJFC (Michael Jackson Fan Club) Website widmen und sie mit aus der Taufe gehoben haben. Unnötig zu sagen, dass ich ein riesiger Michael Fan bin und dies auch schon bin seit ich ein kleines Kind war und die Jackson 5 bei einem Auftritt in Soul Train gesehen habe. Was ich für MJFC tue, mache ich schon eine sehr lange Zeit, und ich liebe es! Es macht mich sehr zufrieden, wenn ich in die New Page der Website schaue und die Business Mails der Seite beantworte. Kürzlich hatte ich das große Vergnügen, Dr. Willa Stillwater kennenzulernen, als ich zustimmte, ihr neues Buch lesen „M Poetica“ , um ihr mein ehrliches Urteil aus der Sicht eines Fans abzugeben.

      Ich bin nicht sicher, was genau sie mich gefragt hat. Wie ihr wisst, nehmen wir MJ Fans unsere Meinung sehr genau! Und wie ihr euch denken könnt, rief meine „ehrliche Reaktion aus dem Bauch heraus“ eine sofortige hitzige Debatte hervor. Willa und ich gingen zurück und vor und zurück und vor über verschiedene Themen, die in ihrem Buch angesprochen werden. Ich erzählte ihr über all die Dinge, die ich darin liebe, aber ich konnte mich auch nicht zurückhalten zu den Dingen, die ich hasse. Und sie konterte mit all den Gründen, warum sie es geschrieben hat auf die Art, wie sie es geschrieben hat, und ich erklärte ihr, warum ich auf meine Art fühlte und warum die meisten Fans mit mir einer Meinung sein würden. Dies ging so einige Wochen, und schließlich begannen sie und ich zu verstehen, dass wir auf etwas ganz Spezielles gestoßen waren.

      Was wir realisierten, ist, dass wir während unserer Debatten tatsächlich einige ziemlich interessante Diskussionen über Michael Jackson, über seine Kunst und seine Musik hatten. Wir sprachen offen und ehrlich, hatten reale, tiefgehende Gespräche über die Arbeit des größten Entertainers aller Zeiten. Und sogar wenn wir nicht einer Meinung waren, was ausreichend passierte, kamen wir beide wieder an einen erleuchtenden Punkt der Unterhaltung, der uns wieder eine neue Sichtweise auf den King of Pop bot, als wir bis dahin hatten. Also dachten wir uns, warum führen wir diese Diskussion nicht in einem größeren Maßstab fort? Und warum laden wir nicht euch alle ein, Zeugen dieser Unterhaltung zu sein und auch teilzunehmen?

      Aber ich habe immer noch nicht den Namen erklärt, richtig? Okay, wir wollten beide einen Namen, mit dem wir etwas anfangen können und der auch eine relevante Bedeutung für Michael selbst hat. Wir wissen alle, welches Gefühl Michael für die majestätischen Elefanten hatte. Er liebte sie! Gypsy und Babar waren unter seinen Lieblingstieren im Zoo auf Neverland. Er schrieb sogar einen wundervollen Essay über Elefanten in seinem Buch Dancing The Dream, der heißt „So the Elephants March“. Darin spricht er über die Lehren, die die Elefanten den Menschen über die Jahrhunderte versucht haben nahezubringen. Er schreibt „Aber die wichtigste Botschaft der Elefanten liegt in ihrer Bewegung. Weil sie wissen, zu leben heißt sich bewegen. Mit jeder Morgendämmerung, Generation für Generation marschiert die Herde weiter, eine große Menge Leben, die niemals fällt, eine nicht aufzuhaltende Kraft des Friedens.“ Ich denke, dieser letzte Teil beschreibt Michael ziemlich gut. „Eine nicht aufzuhaltende Kraft des Friedens.“ In vielerlei Hinsicht war es das, was er selbst war.

      Für mich sind die Elefanten nicht nur faszinierende Tiere, sondern sie symbolisieren auch ein „sensibles Thema“. Eine schwierige Unterhaltung, die die Leute lieber vermeiden würden. Ein Beispiel: Ich bin eine farbige Amerikanerin (ich mag nicht den Begriff Afro-Amerikaner, denn niemand, weder ich, noch meine Eltern, noch meine Groß- und Urgroßeltern waren jemals in Afrika) und mein Ehemann ist Weißer. Er und ich sprechen oft über verschiedene Rassenthemen, und es ist wundervoll, denn wir können das in einer so offenen und ehrlichen Art und Weise tun ohne die Angst , jemanden zu beleidigen oder die Gefühle des anderen zu verletzen. Wir sind jetzt 10 ½ Jahre verheiratet und wir beeinflussen uns jeweils in der Familie, seiner und meiner, alle haben unsere Beziehung immer sehr unterstützt. Während unserer Gespräche über die Unterschiede zwischen schwarzen und weißen Familien, ist eines der Dinge, die ich oft zu meinem Mann sage, dass meiner Meinung nach weiße Familien dazu tendieren „den Elefanten im Zimmer“ zu ignorieren, es also vorziehen den unbequemen Themen auszuweichen, während schwarze Familien so viel Aufmerksamkeit wie möglich auf das heikle Thema lenken. Oft wickeln sie Weihnachtslichter um den Elefanten und setzen dann große blinkende Pfeile, um darauf zu zeigen. Natürlich ist das eine Verallgemeinerung, aber so wisst ihr, was ich meine. Der Punkt ist, manchmal wissen die Leute (aller Rassen) nicht genau, wie sie mit einem unangenehmen Thema umgehen sollen, stattdessen „meiden sie den Elefanten im Zimmer“.

      Gut, ich denke, wir werden alle zustimmen, wenn man auf Michael Jackson kommt, können eine Menge unangenehmer Themen zur Sprache kommen. Sogar in einem Blog, der sich auf seine Kunst konzentriert. Und Willa und ich werden diese Elefanten nicht meiden. Stattdessen haben wir beschlossen, mit ihnen zu tanzen!

      Es geht weiter ...
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      Emily Dickinson

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Lilly ()

    • Willa: Joie, ich liebe deine Beschreibung des Elefanten im Zimmer. Ich liebe es einfach! Es erzeugt da diesen kleinen Film in meinem Kopf von einem Haufen Leute, die in einem Zimmer sitzen mit einem Elefanten, den niemand eingeladen hat, und jeder fühlt sich unwohl und peinlich berührt und weiß nicht, wie er sich verhalten soll. Schließlich geht irgend jemand einfach zu dem Elefanten, begrüßt ihn und lädt ihn zum Tanz ein – und sie finden nun alle heraus, dass er im Grunde gar nicht so unheimlich ist. Plötzlich wird aus der peinlichen Situation etwas Angenehmes, und vielleicht wird daraus sogar eine Party. Ich liebe einfach dieses Bild von dem Tanz mit dem Elefanten!

      Ich denke auch, dass es von entscheidender Wichtigkeit ist, offen auszusprechen, dass der Elefant im Raum ist, wenn man versucht, Michael Jackson mit seinen schmerzbehafteten Themen zu interpretieren, speziell die Rassenvorurteile betreffend, was so wesentlich für seine Arbeit war – angefangen bei relativ geradlinigen Hymnen wie Black or White bis hin zu komplizierteren Dingen wie die sich verändernde Farbe seiner Haut. Ich denke, du kannst ihn nicht verstehen und das was er tat und wie wichtig es ist, wenn du das Thema Rasse aus dem Bild herausnimmst oder es an die Seite schiebst. Die Konfrontation mit Vorurteilen war in der einen oder anderen Form das Herzstück jeder Sache, die er tat, sowohl als Künstler als auch als kulturelle Person.

      Weil wir uns nicht ehrlich den Elefanten im Zimmer eingestehen, denke ich nicht, dass wir überhaupt begonnen haben, zu erkennen, welche bahnbrechenden Ereignisse er herbeigeführt hat. Ich bin weiß, und ich wuchs im Süden (der USA) auf, in einem sehr rassistischen Ort. Dennoch, als Teenager, war meine Definition von ultimativer Sexyness Michael Jackson, ein junger farbiger Mann. Das ist ziemlich erstaunlich, wenn du darüber nachdenkst. Und da waren Millionen von Mädchen in der ganzen Welt, die genauso fühlten wie ich. Es gibt da eine ganze Generation von uns, deren Vorstellungen über Rasse und Sexualität – darüber was sexy ist und was nicht – durch ihn geprägt wurde. Das ist gewaltig. Er war ein Teen Idol, unser erstes schwarzes Teen Idol, und die Auswirkungen dadurch sind tiefgehend und machtvoll und umfassend, aber niemand spricht wirklich darüber oder was das kulturell bedeutet.

      Du weißt, jedes Mal, wenn er sein Shirt auf der Bühne zerriss, wie in Dirty Diana oder Come together, und er uns seine dunkle Brust zeigte und wie schön und sexy das war, forderte er heraus, wie - speziell das weiße - Amerika seinen Körper „lesen“ sollte. Aber er tat das auf eine solch interessante Art. Er war schön und sexy, aber er immer auch ein aufrichtiger Mensch – teilweise denke ich, weil er den Mut hatte, sich selbst verletzlich sein zu lassen und uns diese Seite von sich auch sehen ließ. Er war nicht einfach ein Kerl von den Chippendales. Er war sexy, aber er wurde niemals zu einem Hochglanz-Sexobjekt, weil wir immer die Menschlichkeit in ihm sehen konnten. Ich sehe ihn an in Dirty Diana oben auf der Bühne mit seiner nackten Brust und den Schultern, und er ist so sexy, dass ich es kaum aushalte, aber er sieht auch so verletzlich aus. Ich weiß nicht, ob ich in Ohnmacht fallen oder ihm eine Suppe machen soll.

      Joie: In Ohnmacht fallen oder ihm eine Suppe machen! Ich liebe die Art, wie du die Dinge manchmal siehst!

      Willa: Siehst du, du weißt, was ich meine! Du fühlst einfach manchmal den Drang, für ihn sorgen zu müssen, und ich glaube, diese Verletzlichkeit war auch sehr bedeutsam. Dies war während der 1980er Jahre, als in den Innenstädten die Gewalt der Gangs ausbrach und die vorherrschenden Berichte in den Medien waren, dass junge farbige Männer furchterregend und fremd und gefährlich seien. Das wurde uns erzählt – in Nachrichten und Spielfilmen und sogar Werbespots – aber dann war da Michael Jackson, und er hat diese dominanten Berichte fast im Alleingang zurückgedrängt und eine ganz andere Sicht geboten. Er war ein junger farbiger Mann, aber er war süß und lustig und klug und sexy und verletzlich. Er gab uns ein anderes Bild von dem, was es bedeutet ein junger Schwarzer in Amerika zu sein, und für mich schien seine Sichtweise die ehrlichere, menschlichere und glaubwürdigere als die Stereotype des Unheimlichen zu sein.

      Joie: Ich stimme dir komplett zu. Er bot uns ein anderes Bild davon, was es hieß ein junger farbiger Mann in Amerika zu sein und bis heute sind die farbigen Amerikaner stolz darauf. Und ich könnte jetzt das Thema wechseln, aber bevor ich das tue, warum erklärst du nicht, was der Titel für dich bedeutet.

      Willa: Also „Dancing With the Elephant“ sagt mir etwas über Kunst und ihre Deutung. Für mich bedeutet Interpretation nicht, passiv zu betrachten sondern mich aktiv damit zu beschäftigen, damit zu „tanzen“, mich selbst dafür zu öffnen und mich emotional einzubringen.

      Dies erinnert mich an ein Volksmärchen, das ich sehr mag, über sechs blinde Männer, die versuchen, einen Elefanten zu beschreiben und zu verstehen. Der erste kommt zu dem Elefanten und er berührt zufällig den Rüssel. Er fühlt den Rüssel des Elefanten, bemerkt wie stark und doch flexibel dieser ist und erklärt, dass der Elefant wie eine riesige Schlange sei, wie eine Python oder Boa Constrictor. Der zweite blinde Mann macht einen Schritt vorwärts und berührt eines der Beine des Elefanten. Er fühlt rundherum, bemerkt die runde Form und wie robust es ist und sagt, nein ein Elefant sei mehr wie eine Säule oder ein Pfeiler. Der Dritte kommt nach vorn und stößt an die Seite des Elefanten. Er streicht mit der Hand die gewaltige Körperseite entlang und sagt, die anderen beiden würden falsch liegen: Ein Elefant ist wie eine Wand. Dann kommt der Vierte, greift den Schwanz des Elefanten und sagt, nein, ein Elefant ist wie ein Seil. Der Fünfte fühlt, wie das Ohr vor- und zurückflattert und sagt, ein Elefant ist wie ein Fächer. Der Sechste greift nach dem Stoßzahn und meint, ein Elefant ist wie ein Spieß.

      Jeder der blinden Männer gibt eine genaue Beschreibung des Erscheinungsbildes des Elefanten ab, den er gerade für sich erfährt, aber keiner von ihnen begreift das ganze Tier. Sie nehmen lediglich Stücke und Teile wahr. Nur wenn sie ihre Erfahrungen teilen und ihre Meinungen austauschen werden sie jemals fähig sein, eine Vorstellung von dem Elefanten zu entwickeln und beginnen abschätzen zu können, was für ein wahrhaft prachtvolles Tier das ist.

      Ich liebe diese Geschichte von den sechs blinden Männern und denke, dass es speziell bedeutend ist, Meinungen auszutauschen, Sichtweisen und Erfahrungen zu teilen, wenn man versucht so etwas Kompliziertes und Subjektives wie ein Kunstwerk zu verstehen, speziell bei einem Künstler, der so experimentell ist wie Michael Jackson, der so viele Grenzen verschoben und so viele vorgefaßte Meinungen und allgemein anerkannte Sichtweisen herausgefordert hat.

      Beispielsweise haben Joie und ich hin- und herdiskutiert, wie wir die sich verändernde Farbe von Michaels Haut interpretieren sollen. Sie machte keine Scherze, als sie darüber sprach, wie erhitzt unsere Debatten waren. Ich sah es als eine brillante künstlerische Entscheidung, die tiefgreifend beeinflusst hat, wie speziell das Weiße Amerika Rassenunterschiede erlebt. Joie sah es als qualvolle emotionale Entscheidung, mit der er jahrelang gekämpft hat. Meine Diskussionen mit Joie haben meine Interpretation nicht grundlegend geändert, aber sie haben mich ungeheuer beeinflusst. Ihre Gedanken haben mein Verständnis für diesen Aspekt seiner Arbeit vertieft und verkompliziert und es tatsächlich gewaltiger und bedeutungsschwerer für mich gemacht beim Verstehen dessen, wie schwierig diese Entscheidung für ihn gewesen sein muss, und wie schmerzhaft es wohl war, so missverstanden zu werden.

      Joie: Also, Willa und ich hoffen mit diesem Blog einige wirklich in die Tiefe gehende Gespräche über Michael Jackson und seinen kulturellen Einfluss zu führen. Wir haben die Absicht, dies wöchentlich zu tun, schließt euch uns an.

      Willa: Unser Ziel ist, eine stichhaltige Diskussion entstehen zu lassen, in der wir alle Gedanken teilen können und nicht immer einer Meinung sein werden, aber in einer respektvollen Art und Weise, die zu einem tieferen Verständnis seiner Arbeit führt. Wenn ihr uns gern kontaktieren wollt mit Fragen oder zukünftigen Themenwünschen für den Blog, hier ist unsere E-Mail-Adresse:Dancing.with.the.elephant@gmail.com

      Joie: Sagt uns was ihr denkt. Wir wollen es hören!
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    • Du weißt, jedes Mal, wenn er sein Shirt auf der Bühne zerriss, wie in Dirty Diana oder Come together, und er uns seine dunkle Brust zeigte und wie schön und sexy das war, forderte er heraus, wie - speziell das weiße - Amerika seinen Körper „lesen“ sollte. Aber er tat das auf eine solch interessante Art. Er war schön und sexy, aber er immer auch ein aufrichtiger Mensch – teilweise denke ich, weil er den Mut hatte, sich selbst verletzlich sein zu lassen und uns diese Seite von sich auch sehen ließ. Er war nicht einfach ein Kerl von den Chippendales. Er war sexy, aber er wurde niemals zu einem Hochglanz-Sexobjekt, weil wir immer die Menschlichkeit in ihm sehen konnten. Ich sehe ihn an in Dirty Diana oben auf der Bühne mit seiner nackten Brust und den Schultern, und er ist so sexy, dass ich es kaum aushalte, aber er sieht auch so verletzlich aus. Ich weiß nicht, ob ich in Ohnmacht fallen oder ihm eine Suppe machen soll.

      :daumen: ..wow..das ist ja mal gut..das verspricht ein interessanter blog zu werden..hab ich gleich mal gespeichert..Danke fürs finden und übersetzen.. :Tova:
    • Hi, :doppelv:
      ich habe es noch nicht gelesen, aber muss einen Satz aus Majas Zitat zitieren :D :

      Ich sehe ihn an in Dirty Diana oben auf der Bühne mit seiner nackten Brust und den Schultern, und er ist so sexy, dass ich es kaum aushalte, aber er sieht auch so verletzlich aus. Ich weiß nicht, ob ich in Ohnmacht fallen oder ihm eine Suppe machen soll.
      :abroll: GENAU DAS IST ES!! Ein wunderbarer (und extrem amüsanter :lachen: ) Satz für die gegensätzliche Vielfalt die Michael in einem auslöst. :umfall:
      :herz: Sky*
    • Gedanken zu My Baby
      14/08/2011

      Willa: Wie Joie letzte Woche erwähnt hat, ist dieser Blog aus einer langen Serie von E-Mails entstanden, die zwischen uns hin- und hergingen. Wir hatten eine wunderbare Zeit, in der wir Gedanken austauschten und Notizen verglichen über Michael Jacksons Arbeit, und wir haben es sehr genossen, mit jemandem zu reden, der seine Arbeiten kennt und sich genauso für ihn interessiert wie wir. Eine Sache, die wir im Verlauf unserer E-Mails entdeckt haben ist, dass wir beide fasziniert sind von My Baby, und das schon seit einer langen Zeit.

      Joie: Ihr wisst alle, wer sie ist; ihr habt gehört, wie Michael über sie seit Jahren singt. Sie ist vermutlich das Mädchen seiner Träume, die Frau, die ihn kennt und liebt und sich wirklich um ihn sorgt. Sie ist auch die Frau, die ständig von anderen wieder und wieder verletzt wird, von „bösen Mädchen“, die sich selbst in Michaels Umlaufbahn werfen wie in Billie Jean, Dirty Diana und Dangerous.

      Willa: Sie ist eine sehr wichtige Figur in Michael Jacksons Werken, taucht auf jedem Album auf von Triumph und Thriller in den frühen 1980ern bis zu Invincible in 2001. Und, wie Joie sagt, sie wird fast immer verletzt oder bedroht in irgendeiner Art. Tatsächlich ist es so, dass wir sie oft in Tränen aufgelöst weggehen sehen.

      Joie: Was meine Aufmerksamkeit an ihr fesselt, vermute ich, ist die Tatsache, dass Michael über sie singt, als wäre sie jemand, den es schon sehr lange in seinem Leben gibt. Sogar obwohl ihr Erscheinen in den Songs, die ich bereits erwähnte – und auch in anderen – für gewöhnlich kurz ist, bekommen wir das Gefühl, dass sie unglaublich wichtig für ihn ist. Er liebt sie und er möchte sie eindeutig beschützen vor den ‚gemeinen Frauen‘ (wicked women), über die er in Heartbreak Hotel (a.k.a. This Place Hotel) singt. Wir sehen ihn ständig, wie er sich darüber ärgert, dass sie irgendwie verletzt würde von den „bösen Mädchen“ und dass sie sie von ihm vertreiben.

      Jemand versucht immer
      My Baby zum Weinen zu bringen
      Redend, kreischend, lügend,
      sagend, du willst irgendwie etwas anfangen.

      Someone’s always tryin‘
      To start My Baby cryin‘
      Talking, sqealing, lying,
      Saying you just want to be startin’ somethin’


      Es ist fast, als ob er eine Beziehung beschreibt, die bereits ihren Anteil an Hochs und Tiefs hatte. Sie sind durch solche Situationen bereits vorher gegangen und jedes Mal endet es damit, dass My Baby verletzt wird. Wenigstens in den frühen Jahren ihrer Beziehung – in den 1980ern und 90ern. Aber ab 2001 in Heaven can wait ist es ganz klar eine andere Beziehung. Hier sehen wir, dass My Baby ihn nicht nur liebt und für ihn sorgt, sondern ihm auch vertraut; sie glaubt an ihn. Ihre Beziehung ist fest und niemand kann sich mehr zwischen sie stellen. Zusammen sind sie eine Kraft, mit der man rechnen muss, und es ist die größte Liebesaffäre, die jeder von beiden jemals erlebt hat. Er liebt sie so tief, dass er sie nicht für einen Moment verlassen will – nicht mal für den Himmel!

      Oh nein, ich kann nicht ohne My Baby sein.
      Ich will nicht gehen, ohne sie werde ich verrückt.
      Oh nein, ich schätze, der Himmel wird warten.

      Oh no, can’t be without My Baby.
      Won’t go, without her I’ll go crazy.
      Oh no, guess Heaven will be waiting.


      Es ist wirklich interessant für mich, dass ihre Verbindung sich über die Zeit verändert. Die Art, wie er über sie schreibt, wächst und reift über die Jahre, als ob es eine reale Beziehung wäre. Wir sehen die anfängliche Verliebtheit in Songs wie The way you make me feel und Streetwalker, und wir beobachten, wie sie wächst und erblüht in Songs wie Black or White und Fly away. Und dann sehen wir den Höhepunkt ihrer Liebe in dem wunderschönen Heaven can wait.

      Willa: Wie Joie sagt, in den frühen Alben wird sie von anderen Frauen bedroht. My Baby scheint eine private Person zu sein, die den Protagonist kennt und sich um ihn sorgt, obwohl sie das Rampenlicht scheut und sich irgendwie nicht wohlfühlt mit seinem Ruhm. Er liebt sie und versucht sie, zu beschützen, aber sie wird wiederholt verletzt von einer anderen Frau, die sie vertreiben und ihren Platz einnehmen will. Diese zweite Frau kennt ihn aber nicht wirklich oder kümmert sich nicht wirklich um ihn, sondern sie ist viel frecher als My Baby und fühlt sich genau genommen angezogen vom Ruhm, dem Ruhm des Protagonisten – tatsächlich ist sie eine Art Abenteurerin. Der Protagonist erkennt all das und misstraut ihr. Aber zur gleichen Zeit fühlt er sich seltsam angezogen von dieser anderen, kühnen Frau.

      Joie: Und diese Beziehung zu dieser anderen Frau ist genauso interessant wie seine Beziehung mit My Baby. Es ist fast so, als ob er die eine nicht ohne die andere haben kann. Als wären sie sozusagen zwei Seiten derselben Münze.

      Willa: Ich stimme dir zu. Der immer wiederkehrende Konflikt zwischen diesen Frauen ist sehr interessant. Da geht offensichtlich etwas sehr Wichtiges vor sich – etwas, das Michael Jackson über Jahre erkundet und womit er gerungen hat. Ich denke, das ist ein Grund dafür, dass ich anfing, zu sehen, dass My Baby mehr repräsentiert als nur eine romantische Beziehung. Für mich repräsentieren My Baby und die andere Frau seine schüchterne Seite gegenüber seiner öffentlichen Seite oder sein Privatleben gegenüber seinem Leben in der Öffentlichkeit mit dem Eindringen der Medien und dem intensiven öffentlichen Interesse, den Drohungen, sein Privatleben zu zerstören, genauso wie die dreiste andere Frau damit droht, My Baby zu vertreiben. Oder diese zwei Frau könnten einerseits seine Muse repräsentieren – die mythische Frau, die ganz leise über Jahrhunderte Künstler zur Kreativität inspiriert hat – und andererseits das Publikum und die Kritiker, die forderten, dass er ein weiteres Thriller erschafft oder dass er wieder und wieder für den Rest seines Lebens Billie Jean singen sollte. Aber es ist keine entweder/oder-Situation. Während ich diese anderen Interpretationen sehe, sehe ich immer noch My Baby als eine Frau, die ihn kennt, für ihn sorgt und ihn emotional unterstützt.

      Joie: My Baby ist faszinierend auf so vielen Ebenen, und als Willa und ich entdeckten, dass wir uns beide für sie – und ihr Verderben – interessierten, waren wir wirklich überrascht. Ich denke, es war zu dem Zeitpunkt, dass wir wirklich ernsthaft darüber redeten, einen Blog miteinander zu starten, weil wir neugierig waren, ob wir die zwei einzigen Leute da draußen sind, die sich Fragen zu diesem speziellen Thema stellen. So beabsichtigen wir, uns My Baby in den kommenden Wochen genauer anzusehen. Wir planen, uns bei verschiedenen Songs in die Tiefe zu gehen, um zu sehen, wie sie dargestellt wird und darüber zu sprechen, was/wer sie ist und was Michael uns durch sie sagen wollte.

      Willa: Und nochmal, unser Ziel ist es, einen Ort zu schaffen, wo eine Gemeinschaft von Leuten zusammenkommen und ihre Interpretationen von Michael Jacksons Arbeit und was sie für sie zu verschiedenen Zeiten bedeutet hat, teilen kann – denn Interpretationen entwickeln sich über die Zeit. Und es ist okay, wenn wir nicht übereinstimmen – sogar leidenschaftlich nicht übereinstimmen – solange wir es mit Respekt tun. Um ehrlich zu sein, zeitweise stimme ich nicht mal mit mir selbst überein! Manchmal sehe ich My Baby als eine Person, manchmal sehe ich sie symbolisch für etwas, und ganz oft sehe ich beides in ihr. Und ich mag diese Zweideutigkeit. Für mich ist das eins der Dinge, die Michael Jacksons Arbeiten so reichhaltig machen – dass es so viele verschiedenen Dinge zu verschiedenen Zeiten für verschiedene Leute bedeuten kann.
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    • Willkommen im Heartbreak Hotel
      20/08/2011

      Willa: Zum ersten Mal treffen wir My Baby im Heartbreak Hotel (oder This Place Hotel), das Michael Jackson geschrieben und für das The Jacksons’ 1980 Triumph Album aufgenommen hat. Und es scheint ein sehr wichtiger Song für ihn gewesen zu sein: Er sang ihn mit seinen Brüdern auf der Triumph und der Victory Tour, und es war der einzige Song der Jacksons, den er auf seiner Bad Tour sang.

      Heartbreak Hotel beginnt mit einer Referenz an einen traumatischen Verlust, der sich „vor zehn Jahren an diesem Tag“ ereignete:

      (Ich) lebe in Sünde
      An diesem Tag vor zehn Jahren sehnte sich mein Herz danach
      Ich versprach, ich würde niemals wieder zurückkehren
      Wo My Baby mir das Herz brach und mich sehnsüchtig zurückließ


      Live in sin
      Ten years ago on this day my heart was yearning
      I promised I would never ever be returning
      Where My Baby broke my heart and left me yearning


      Es ist wichtig sich in Erinnerung zu rufen, dass es vor zehn Jahren war, als Michael Jackson das erste Mal zu einer öffentlichen Person auf der nationalen Bühne wurde: I Want You Back wurde 1970 der erste Nummer Eins Hit der Jackson 5.

      Der Protagonist und My Baby betreten das Heartbreak Hotel zusammen. Es ist ein öffentlicher Ort, wo sie sich einer Menge starrender Gesichter gegenübersehen. Und während die starrenden Menschen Fremde sind, scheinen sie ihn zu kennen: „Sie lächelten mit Augen, die mich ansahen, als würden sie mich kennen.“ (They smiled with eyes that looked as if they knew me.) Aber sie kennen ihn nicht wirklich, und er kennt sie nicht. Es ist eine ziemlich genaue Beschreibung des Lebens eines Prominenten. Diese Strophe endet damit, dass Jackson singt „Das macht mir Angst.“ (This is scaring me.)

      Er und My Baby gehen zusammen nach oben und betreten das Hotelzimmer, aber dort sind schon zwei Frauen. Eine von ihnen kommt näher und sagt „Dies ist der Ort / Du sagtest man würde dich mittags hier treffen.“ Es ist nicht wahr, aber My Baby glaubt ihr – glaubt, diese Fremde ist seine Geliebte – und Jackson singt „Die Hoffnung ist tot.“ (Hope is dead.) Er macht weiter mit der Beschreibung, wie My Baby verletzt wird, denn sie versteht die Situation nicht, aber es endet mit „Jemand ist so böse meine Seele zu verletzen.“ (Someone’s evil to hurt my soul.) Also verletzt diese Lüge nicht nur My Baby; sie verletzt auch „meine Seele“. Die zwei sind so eng verbunden, es ist, als ob My Baby seine Seele ist. Die Strophe endet mit diesen Zeilen:

      Das macht mir Angst
      Dann hat mir der Mann von nebenan erzählt
      Er war hier unter Tränen fünfzehn Jahre lang
      Das macht mir Angst

      This is scaring me
      Then The Man next door had told
      He’s been here in tears for fifteen years
      This is scaring me


      Wer ist dieser Mann? Könnte es vielleicht Elvis sein? Immerhin beginnt Elvis seinen Song „Heartbreak Hotel“ (welcher sein erster Nummer Eins Hit war) mit diesen Zeilen:

      Seit My Baby mich verlassen hat
      Fand ich einen neuen Ort zum Wohnen
      Es ist da unten am Ende der „Lonely Street“Im Heartbreak Hotel

      Offensichtlich lebt also Elvis dort. Nun hat Michael Jackson im Zimmer nebenan eingecheckt, und er ist in derselben Situation, in der Elvis vor Jahren war.

      Dieser „Mann von nebenan“ sagt „Er war hier unter Tränen fünfzehn Jahre lang“, also seit 1965 – gerade als Elvis’ Karriere begann bergab zu gehen und seine Berühmtheit eine hässliche Wendung nahm. Elvis war der King in den 1950ern und frühen 60ern, aber dann kam die britische Invasion von 1964 bis 1966. Plötzlich kletterten die Beatles und Rolling Stones in die Pop Charts und Elvis wurde immer mehr als überholt und irrelevant gesehen, wurde sogar zu einem Objekt des Spottes.

      Also beschreiben in diesen zwei Songs mit demselben Namen Elvis und Michael Jackson eine Situation, die emotional niederschmetternd für beide ist. Wie dem auch sei, während Elvis ganz klar über einen romantischen Verlust singt, ist Jacksons Song sehr viel komplizierter, und mehrdeutig. Ist es nur eine zerbrochene Romanze oder mehr als das? Jacksons Heartbreak Hotel endet mit diesen Zeilen:

      Jemand hat mein Herz erdolcht
      Dies ist das Heartbreak Hotel
      Heute vor zehn Jahren
      Wurde mein Geist verletzt
      Du hast My Baby’s Herz gebrochen
      Dies ist das Heartbreak Hotel
      Herzlich Willkommen am Schauplatz

      Someone’s stabbing my heart
      This is Heartbreak Hotel
      Ten years ago today
      Hurting my mind
      You break My Baby’s heart
      This is Heartbreak Hotel
      Just welcome to the scene

      „Herzlich Willkommen am Schauplatz“ ist ein ziemlich merkwürdiges Ende für einen Song über eine verlorene Liebe. Also noch mal, da scheint mehr vor sich zu gehen, als dass eine Romanze zerbrochen ist. Und wieder noch mal, er und My Baby sind verbunden: Sein Herz ist verletzt, ihr Herz ist verletzt, seine Seele ist verletzt. Sie teilen denselben Schmerz. Er fühlt, was sie fühlt, als wäre sie ein Teil von ihm.

      Joie: Wow! Ich bin mir nicht sicher, ob ich diese offensichtliche Verbindung zu Elvis gesehen hätte, aber ich muss sagen, es macht auf eine verrückte Art Sinn.

      Willa: Ich weiß. Es hört sich verrückt an, oder? Ich hatte auch nicht erwartet, an einen Berührungspunkt mit Elvis zu kommen und offensichtlich könnte „der Mann von nebenan“ eine Menge anderer Dinge bedeuten, aber plötzlich sprang der Gedanke in meinen Kopf und ich nahm ihn mit, um zu sehen, wohin er mich bringt. Ich denke jede Interpretation – sogar eine sich verrückt anhörende Interpretation – ist gültig, solange sie durch Belege aus dem Text unterstützt werden kann, und es gibt da ziemlich viele Hinweise, die dies unterstützen. Und es macht eine Menge Sinn, wenn du diesen Song als etwas siehst, das über Berühmtheit spricht, welches ein sehr wichtiges Thema für Michael Jackson war.

      Joie: Gut, ich stimme dir zu für eine Minute und sage, dass wenn dies für Michaels Teil beabsichtigt war, dann ist es tatsächlich brillant. Jedoch, als die Jacksons sich entschieden, den Namen des Songs in This Place Hotel zu ändern, sagte Michael, dass er mit Elvis’ Song nicht vertraut sei. Während ich zustimmen muss, dass die Symbolik in beiden Songs gut zusammen funktioniert, bin ich skeptisch, dass es eine reale Verbindung zwischen den beiden gibt.

      (Es geht weiter ...)
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    • Aber ich mag, was du über My Baby zu sagen hast, dass sie möglicherweise seine eigene Seele repräsentiert. Und diese Zeile am Ende, wo er sagt „Wurde mein Geist verletzt“ (Hurting my mind). Es ist, als ob My Baby ihn selbst repräsentiert: seine Psyche. Sein Geist, sein Herz, seine Seele – sein inneres Selbst, das er vor dem Blick der Öffentlichkeit schützen will. Wie ich letzte Woche schon sagte, Michael singt über My Baby, als ob sie jemand sehr Wichtiges für ihn ist und in seinem Leben seit einer langen Zeit ist, und ich denke, dieser Gedanke, dass sie ein Symbol für sein inneres Selbst ist, hat eine Menge Gewicht. In Wanna Be Startin’ Something sagt Michael

      Jemand versucht immer
      My Baby zum Weinen zu bringen
      Redend, kreischend, lügend,
      Sagend, du willst irgendwie etwas anfangen.

      Someone’s always trying‘
      To start My Baby cryin‘.
      Talking, sqealing, lying,
      Saying you just want to be startin’ somethin’.


      Wenn wir diese Strophe unter diesen Bedingungen ansehen, dann ist sehr leicht zu sehen, dass My Baby eine Umschreibung für sein inneres Selbst sein kann. Jemand versucht immer ihn zu verletzen. Er singt auch

      Billie Jean redet ständig
      Wenn niemand anderes spricht
      Erzählt Lügen und sucht die Gesellschaft,
      So nannten sie ihren Mund einen Motor

      Billie Jean is always talkin’
      When nobody else is talkin’
      Telling lies and rubbing shoulders
      So they called her mouth a motor


      Wenn wir bei dieser Theorie bleiben, dann können wir folgern, dass Billie Jean - und all die anderen “bösen Mädchen”, die ihm auf seinem Weg begegnen – sein öffentliches Leben mit seinem gesamten Gepäck (den Lügen, den Medien, den Paparazzi etc.), das dazugehört, repräsentieren.

      Willa: Das sehe ich auch so, und ich mag die Textstelle, auf die du Bezug genommen hast „Billie Jean is always talkin’“ - genauso wie die Medien immer reden. Von einem sehr jungen Alter an wurde Michael Jackson mit ständigen Kommentaren und Spekulationen über sein Privatleben konfrontiert. Und der Mund der Medien ist nicht nur „ein Motor“. Er ist eine Industrie.

      Joie: Eine Industrie, mit der er kämpfte für den Rest seiner Karriere. Aber darüber reden wir mehr das nächste Mal, wenn wir die „bösen Mädchen“ in dieser Dreiecksgeschichte etwas näher unter die Lupe nehmen.

      Willa: Genau. Und in diesem Dreier-Konflikt zwischen My Baby, den aufdringlichen Frauen, die sie verletzen und dem Protagonisten, der sich selbst gefangen sieht zwischen den beiden, die sich entwickeln – entwickelt sich auch Michael Jacksons Beziehung zu den Medien. Wir sehen dieses Szenario, dass My Baby ständig verletzt wird von aggressiven, unehrlichen Frauen wieder- und wiederkehren: z.B. in Billie Jean und Wanna Be Startin’ Something auf Thriller, in Dirty Diana auf Bad, und im Titelsong auf Dangerous. Und dann verschwindet sie. My Baby wird nicht ein einziges Mal auf dem HIStory Album erwähnt, welches das erste Album nach den Belästigungsvorwürfen 1993 war. Es ist, als ob sein öffentliches Leben so vergiftet war, dass sie komplett vor Blicken versteckt wurde. Oder vielleicht auch nicht. Vielleicht erschien sie doch, aber auf eine unerwartete Art und an einem unerwarteten Ort – in einem Video zu einem Song, den er nicht selbst schrieb, You are not alone. Der Song beginnt mit einer Geschichte über verlorene Liebe:

      Ein weiterer Tag ging vorbei
      Ich bin immer noch ganz allein
      Wie kann das sein
      Du bist nicht hier bei mir
      Du hast niemals Goodbye gesagt
      Jemand soll mir sagen Warum
      Du gehen musstest
      Und meine Welt so kalt hinterlassen hast

      Another day has gone
      I’m still all alone
      How could this be
      You’re not here with me
      You never said goodbye
      Someone tell me Why
      Did you have to go
      And leave my world so cold


      Jedoch beginnt das Video mit einer Menge von Reportern und Fotografen, die ihn bedrängen, als er mit gesenktem Kopf vorbeigeht. Es ist exakt dieselbe Situation, über die er wiederholt auf früheren Alben sang: Diese aufdringlichen Leute behaupten, sie würden ihn kennen und erzählen Lügen über ihn, und My Baby hat ihn verlassen. Nur dieses Mal erzählt er die Geschichte mit sichtbaren Hinweisen.

      Er ist am Boden zerstört, untröstlich, fühlt sich traurig und allein. Dann hört er eine Stimme. Wir wissen nicht, wessen Stimme das ist, aber sie flüstert zu ihm und dies ist, was sie ihm erzählt:

      Du bist nicht allein
      Ich bin hier bei dir
      Obwohl du weit weg bist
      Bin ich da, um bei dir zu bleiben
      Du bist nicht allein
      Ich bin hier bei dir
      Obwohl wir weit voneinder entfernt sind
      Wirst du immer in meinem Herzen sein
      Aber du bist nicht allein

      You are not alone
      I am here with you
      Though you’re far away
      I am here to stay
      You are not alone
      I am here with you
      Though we’re far apart
      You’re always in my heart
      But You are not alone


      Wessen Stimme ist das? Der Text sagt das nicht, aber noch einmal, es gibt sichtbare Hinweise. Die Szene, in der er vor einem Meer aggressiver Reporter entlang geht wechselt sich ab mit einer anderen Szene, weit weg von den Medien: Es ist die Kulisse von Maxfield Parrish’s Daybreak, einem wundervollen Gemälde über Ruhe und Wiedergeburt.

      (Es geht weiter ...)
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      • mp_daybreak.jpg

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      The truth must dazzle gradually
      Or every man be blind
      Emily Dickinson

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    • Er ist glücklich und teilt einen intimen Augenblick mit einer Frau. Und es ist nicht irgendeine Frau. Es ist seine Frau, Lisa Marie Presley, die Tochter von Elvis Presley. Als Elvis’ öffentliches Leben auseinanderfiel und er zur Zielscheibe der Kritiker und sogar von der Presse lächerlich gemacht wurde, war an seiner Seite ein kleines Mädchen und brachte etwas Freude in sein Leben. Nun ist Michael Jackson in derselben Situation, in der Elvis vorher war. Und das kleine Mädchen wurde erwachsen und hat ihn geheiratet, und sie steht ihm bei während einer der schlimmsten Zeiten seines Lebens und bringt etwas Freude in sein Leben. Ich fühle mich ziemlich unwohl darüber zu reden, denn dies sind reale Menschen und versuche sehr, mich weitestgehend aus dem Privatleben eines Künstlers herauszuhalten. Aber diese realen Menschen symbolisieren auch bestimmte Dinge. Und das Symbol des Bildes mit Lisa Marie Presley ist so eindrucksvoll für mich.

      Joie: Gut, ich stimme dir absolut darin zu, dass die zarte kleine Stimme in You are not alone definitiv die von My Baby ist. Aber ich kann dir nicht darin zustimmen, dass es irgendetwas mit Lisa Marie Presley im buchstäblichen Sinn zu tun haben soll. Im Abstrakten als visueller Hinweis, definitiv ja. Die Nachstellung von Daybreak für dieses Video war meiner Meinung nach eine geniale Wahl, denn es fängt meisterhaft den intimen, privaten Ort ein, an den Michael uns versucht mitzunehmen, und dass er uns durch seine Frau ein visuelles Abbild von My Baby zeigen will macht auf perfekte Art Sinn für mich. Nach alldem, wenn My Baby eine reale Person wäre, dann würde sie sicherlich die Person sein, die ihm am nächsten war und ihn auf sehr intime Art kannte – wie es eine Ehefrau tut.

      Wie dem auch sei, er sagt wiederholt, dass „etwas in sein Ohr flüstert“. Nicht jemand, sondern etwas. Diese zarte kleine Stimme. Seine eigentliche Seele. Sein inneres Selbst. Der Teil von ihm, den er gehegt und versucht hat, über die Jahre zu schützen und rein zu halten. Fern von all den „bösen Mädchen“ und den bösen Medien, die My Baby so lange bedroht haben. Und was sagt diese Stimme zu ihm? „Du bist nicht allein.“ Sogar obwohl er sich wie die einsamste Person auf der Erdoberfläche fühlen dürfte – welches das bei ihm hervorgerufene Gefühl sein dürfte, das er hat, als er allein vor diesen Fotografen steht, vor den wunderschönen Naturszenarien und auf der Bühne in dem verlassenen Theater – ist er nicht allein. Er hat immer noch seine Seele und sie ist in Ordnung und stark. Sie ist vielleicht ein wenig zerschrammt und angeschlagen, aber sie ist noch da. Und er kann sie noch fühlen, sie ruft ihn, erzählt ihm, dass das was er durchgemacht hat zwar ein Albtraum war, aber er ist da durchgegangen und auf der anderen Seite herausgekommen, und da ist immer noch Hoffnung für eine strahlende Zukunft.

      Sogar obwohl Michael diesen speziellen Song nicht selbst geschrieben hat, glaube ich, dass der Text ihn auf einem gewissen Level angesprochen und etwas Bestimmtes für ihn zum Ausdruck gebracht haben muss – ein Gefühl oder einen Gedanken, den er nachempfinden und mit dem er sich identifizieren kann. Und ich denke, dass dieses Etwas My Baby war.

      Willa: Joie, das ist wundervoll. Ich tappte im Dunkeln, versuchte zu erfassen, was diese immer wiederkehrende Szene symbolisiert und warum sie so bewegend für mich ist, aber ich kam nicht drauf. Und du hast das Gefühl, das ich beim Ansehen dieses Videos habe, wunderschön in Worten eingefangen. Ich denke, es ist maßgeblich, dass die Frau in dieser Szene Lisa Marie Presley ist. Es würde nicht dieselbe Bedeutungstiefe haben, wenn es irgendeine gecastete Schauspielerin gewesen wäre, die nicht ihre Geschichte hat. Aber ich liebe die Art, wie du die Diskussion zurück zum Gedanken von My Baby als Teil von ihm selbst gebracht hast – als etwas, das immer für ihn da sein wird, ob es seine Seele oder sein Herz oder seine Muse ist. Wie du so schön beschreibst ist dieses Video eine Bestätigung dafür, dass da etwas in ihm ist, das ihn unterstützen wird, ganz egal was ihn bedroht in der Außenwelt. Wir werden diese Serie von My Baby nächste Woche abschließen, wenn wir uns näher mit einigen der Bedrohungen befassen.
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    • ..ich finde das total interessant, diese Interpretation von "my baby"..hab ich mir noch nie irgendwelche Gedanken drüber gemacht, aber es kommt wirklich oft vor in Michaels Texten..und dass es was anderes bedeuten könnte, als einfach nur ein unbestimmtes my baby...wär ich nie drauf gekommen, spannend, es mal so zu sehen.
    • Eine Berührung, ein Kuss, ein Liebesflüstern
      27/08/2011

      Du wirst mich niemals zum Bleiben bewegen
      Also nimm dein Gewicht von mir
      Ich kenne jede deiner Bewegungen
      Also willst du mich nicht einfach sein lassen
      Ich bin hier schon oft gewesen
      Aber ich zu verblendet, um zu sehen
      Dass du jeden Mann verführst
      Dieses Mal wirst du mich nicht verführen

      You’ll never make me stay
      So take your weight off of me
      I know your every move
      So won’t you just let me be
      I’ve been here times before
      But I was too blind to see
      That you seduce every man
      This time you won’t seduce me


      Joie: Mit diesen Worten beginnt das Spiel der Verführung, das Dirty Diana heißt. Und es ist offensichtlich eins, das sie schon seit einiger Zeit spielen. Er kennt „jede ihrer Bewegungen“, er „ist hier schon oft gewesen“. Aber dieses Mal ist es anders. Dieses Mal hat er endlich seine Augen geöffnet und sieht sie als das, was sie wirklich ist, und er will da nicht nochmal durchgehen.

      Sie sagt, das ist ok
      Hey Baby, mach‘ was dir gefällt
      Ich hab die Sachen, die du willst
      Ich bin das, was du brauchst
      Sie sah mir tief in die Augen
      Sie berührt mich um anzufangen
      Sie sagt es gibt kein Zurück
      Sie hat mich in ihrem Herzen gefangen

      She‘ saying that’s ok
      Hey Baby do what you please
      I have the stuff that you want
      I am the thing that you need
      She looked me deep in the eyes
      She’s touchin’ me so to start
      She says there’s no turnin’ back
      She trapped me in her heart


      Sie will ihn, und sie ist nicht gewillt ein “Nein” als Antwort gelten zu lassen. Sie neckt ihn, erzählt ihm, dass sie genau weiß, was er will und was er braucht. Dann berührt sie ihn anzüglich und sagt „Es gibt kein Zurück“. Er ist gefangen von dieser wunderschönen, rücksichtslosen Verführerin, und er ist zerrissen. Auf der einen Seite ist da My Baby, die Frau die er liebt und die zu Hause auf ihn wartet. Aber direkt vor ihm steht diese böse Versuchung und erzählt ihm, dass sie bereit ist. Er möchte treu sein. Aber er fühlt sich so seltsam angezogen von dieser anderen Frau. Sie ist wild und aufregend und unberechenbar, und er mag das. Aber er mag auch die Tatsache, dass My Baby in seinem Leben ist, jemand der ihn kennt und liebt und sich um ihn kümmert. Er fühlt dieses gleiche Dilemma in Dangerous:

      Sie kam schrittweise auf mich zu
      Mit den Augen des Begehrens
      Ich fühlte mich gefangen in ihrem
      Netz der Sünde
      Eine Berührung, ein Kuss
      in Liebesflüstern
      Ich war am Punkt
      Ohne Wiederkehr

      She came at me in sections
      With the eyes of desire
      I fell trapped into her
      Web of sin
      A touch, a kis
      A whisper of love
      I was at the point
      Of no return


      Also noch mal, er fühlt sich gefangen. Aber dieses Mal ist es ein bisschen dunkler. Das erste Mal singt er „Sie hat mich in ihrem Herzen gefangen“. Das zweite Mal ist er „gefangen in ihrem Netz der Sünde“. Das Bad Album wurde 1988 veröffentlich, als Michael noch ein ziemlich junger, unerfahrener Mann war, Dangerous wurde einige Jahre später 1991 veröffentlicht, und ein paar Jahre können einen großen Unterschied ausmachen. So, im Jahr 1988 war er ein wenig naiv und dann völlig überrascht, als Diana ihm den Telefonhörer aus der Hand nimmt und My Baby erzählt, er würde nicht nach Hause kommen „weil er mit mir schläft“. Aber 1991 ist er nicht mehr so naiv und er weiß genau, wo er hinein gerät.

      Ihr Mund war
      Weicher als Öl
      Aber ihr innerer Geist
      Ist scharf wie
      Ein zweischneidiges Schwert
      Aber ich liebte es
      Denn es ist gefährlich

      Her mouth was
      Smoother than oil
      But her inner spirit
      Is as sharp as
      A two-edged sword
      But I loved it
      ‘Cause it’s dangerous


      Er weiß, dass es falsch ist. Er weiß, dass er es nicht tun sollte. Aber er kann sich nicht helfen; er fühlt sich auf unerklärliche Weise von ihr angezogen. Aber wer ist sie wirklich? Und wenn wir My Baby als jemanden sehen, der einen Part seiner Psyche oder sein inneres Selbst repräsentiert, wer sind dann diese anderen Frauen, die sie ständig bedrohen und versuchen, sich zwischen sie zu stellen? Könnten diese Frauen möglicherweise einen anderen Teil seiner Psyche darstellen? Vielleicht den Teil von ihm, der um den Ruhm wirbt, die Seite von ihm, die sich zur Unterhaltung, zum Kreieren, zur Bühne hingezogen fühlt. Jener Teil von ihm, der es liebt, vor einer Kamera zu stehen oder auf der Bühne vor 80.000 Menschen aufzutreten. Ist es möglich, dass diese „gefährlichen“ Frauen den Ruhm selbst repräsentieren und dass Michael Jackson sich of von ihm verführt fühlte? Gezwungen mit ihr loszugehen anstatt nach Hause zu My Baby. Gezwungen seine Karriere zu verfolgen, statt diesen geheimen Teil von sich selbst, den er versuchte sicher vor dem Rampenlicht zu verstecken, zu hegen.

      Ruhm ist der Traum von vielen, die Hoffnung von Millionen. Aber alles hat seinen Preis und oft wünschen sich diejenigen, die ihn gefunden haben, es wäre anders. Ruhm ist wild und aufregend und unvorhersehbar – genauso wie die Versuchung in Dirty Diana und Dangerous. Aber Ruhm kann auch brutal und unfreundlich und schmerzhaft sein für jene, die ihn erlangen. Frag’ einfach My Baby.

      Willa: Wow, Joie. Du hast mich offiziell umgehauen. Ich habe nie die Möglichkeit in Erwägung gezogen, dass diese verführerischen, bedrohlichen Frauen der Ruhm selbst sein könnten, oder der Teil von ihm, der sich zum Ruhm hingezogen fühlt. Aber jetzt wo du es sagst, macht es perfekten Sinn. Es machte niemals Sinn für mich, dass er sich zu einer grausamen Person hingezogen fühlt, zu jemandem dessen „innerer Geist so scharf wie ein zweischneidiges Schwert“ ist. Aber Ruhm ist grausam, und er weiß das, aber er fühlt sich trotzdem zu ihm hingezogen. Das macht auf perfekte Art Sinn. Es erklärt auch, warum er dem nicht entkommen kann – warum diese verführerischen Frauen immer und wieder zurückkehren, Album für Album, und My Baby bedrohen. Er kann dem nicht entfliehen, weil es ebenso ein Teil von ihm ist, genauso wie My Baby der Teil von ihm ist, der immer wieder vom Ruhm angezogen wird.Es erklärt auch, warum diese komplizierte Dreiecksgeschichte, in die er jahrelang verwickelt ist, nach den falschen Anschuldigungen im Jahr 1993 plötzlich verschwindet und er entdeckte, wie grausam Ruhm wirklich sein kann. Dies war eine so einschneidende Erfahrung für ihn, dass ihn der Ruhm nicht länger anzog. Der Bann war gebrochen, und nun konnte er den Ruhm als das sehen, was er wirklich ist. Er erkennt ihn noch an und respektiert seine Macht – vielleicht mehr als vorher – aber er fühlt sich nicht mehr auf diese naive Art von ihm angezogen, und er lässt nicht mehr zu, dass My Baby bedroht wird.

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    • Joie: Nein, er lässt ihn My Baby nicht mehr bedrohen. Es ist, als ob er von diesem Punkt (1993) an viel größere Anstrengungen auf sich nimmt, die zwei getrennt zu halten, und er trifft die bewusste Entscheidung, sich auf My Baby zu fokussieren, sich mehr um sein Privatleben zu kümmern. Er heiratet und versucht, eine Familie zu gründen. Es funktioniert nicht beim ersten Mal, aber er versucht es weiter. Er wird Vater. Er unternimmt aktive Schritte, ein glückliches Privatleben aufzubauen, My Baby ein wenig zu verwöhnen.

      Und ich habe niemals vorher darüber nachgedacht! Jahrelang habe ich gedacht, dass die bedrohlichen Frauen sich auf die Medien, die Regenbogenpresse, die Paparazzi usw. beziehen. Es war so, bis ich mit diesem Blog begann und mit der genauen Analyse von Dirty Diana und Dangerous, dass es mich wie ein Blitzschlag traf. Der Ruhm ist die dreiste, bedrohliche Präsenz in dieser Dreiergruppe. Ich denke, das macht so alles sehr viel Sinn.

      Willa: Ich stimme dir zu, und ich bin so fasziniert von diesem Gedanken. Ich möchte gern noch einmal zurückgehen und jenen frühen Songs noch einmal zuhören mit dieser Interpretation im Kopf, und sehen, ob es neues Licht auf diesen permanenten Konflikt zwischen dem Protagonisten, My Baby und die Frauen, die sie bedrohen, wirft. Aber dieser Konflikt verschwindet nach 1993. Nach dem Horror dieser Erfahrung lässt er nicht länger die Anziehungskraft des Ruhmes My Baby bedrohen. Sie ist immer noch irgendwie zerbrechlich und muss beschützt werden, aber die Bedrohungen sind nun andere.

      Wir werden mit einer dieser Bedrohungen in Ghosts vertraut gemacht, dem ersten Song, der Bezug auf My Baby nimmt, nachdem der Skandal 1993 ausbrach. Wie das Video klarmacht, spricht er eine bedrohliche Person an – eine Person, die viele Kritiker als einen Repräsentanten für den Bezirksstaatsanwalt Tom Sneddon sahen, den Mann, der die Ermittlungen gegen Jackson führte. Der Protagonist steht dieser Person gegenüber und fordert Antworten, fragt ihn wiederholt

      Und wer gab die das Recht, meine Familie zu erschüttern?
      Und wer gab dir das Recht, My Baby zu erschüttern?
      Sie braucht mic
      Und wer gab dir das Recht meinen Stammbaum zu schütteln?

      And who gave you the right to shake my family?
      And who gave you the right to shake My Baby?
      She needs me
      And who gave you the right to shake my family tree?


      So, noch einmal, My Baby ist in Gefahr, aber dieses Mal ist es keine Verführung, die sie verletzt. Es ist die Polizei. Und dieses Mal wird der Protagonist nicht zerrissen von widerstreitenden Impulsen. Er weiß, auf welcher Seite er ist, und er tut alles, was in seiner Macht steht, um sie zu verteidigen und zu beschützen. Er spricht ganz klar eine Autoritätsperson an in dieser Szene, und ganz wichtig, er stellt den Urgrund dieser Autorität in Frage. Wiederholt fragt er diesen Mann „Wer gab dir das Recht …?“ Warum hast du die Berechtigung, diese Macht das Leben einer anderen Person zu erschüttern? Woher kommt diese Macht? Was gibt dir das Recht, einen anderen Menschen auf diese Art zu behandeln?Diese Abfolge von Fragen wird drei Mal im Ablauf von Ghosts wiederholt, aber beim dritten Mal wird es erweitert und eine neue Frage wird fast unmerklich inmitten der übrigen Fragen platziert:

      Und wer gab die das Recht, meine Familie zu erschüttern?
      Und wer gab dir das Recht, My Baby zu erschüttern?
      Sie braucht mich
      Und wer gab dir das Recht meinen Stammbaum zu schütteln?
      Und wer gab dir das Recht bei mir einzudringen,
      mich zu sehen?
      Und wer gab die das Recht, meine Familie zu erschüttern?
      Und wer gab dir das Recht, My Baby zu erschüttern?
      Sie braucht mich
      Und wer gab dir das Recht meinen Stammbaum zu schütteln?

      And who gave you the right to shake my family?
      And who gave you the right to shake My Baby?
      She needs me
      And who gave you the right to shake my family tree?
      And who gave you the right to take intrusion,
      To see me?
      And who gave you the right to shake my family?
      And who gave you the right to shake My Baby?
      She needs me
      And who gave you the right to shake my family tree?


      Diese neue Frage lautet „Und wer gab dir das Recht bei mir einzudringen, mich zu sehen?“ Ich denke, dies ist eine ganz eindeutige Referenz an die Leibesvisitation, die am 20. Dezember 1993 durchgeführt wurde – eine Prozedur, die von Tom Sneddon angeordnet war – bei der die intimsten Körperteile Michael Jacksons von der Polizei fotografiert und auf Video aufgenommen wurden.

      Mein Empfinden sagt mir, dass er die Leibesvisitation wie eine – von der Polizei erlaubte - Vergewaltigung erlebte, und ich gebrauche dieses Wort nicht leichtfertig. Zum Beispiel sagt er in They don’t care about us

      Ich bin das Opfer der Brutalität der Polizei

      Du nimmst mir meinen Stolz

      I am the victim of police brutality

      You’re raping me of my pride

      Und in Privacy bezieht er sich auf “diese kalte Winternacht, als mir mein Stolz entrissen wurde.“ Der unmittelbare Kontext suggeriert, dass er über den Tod von Prinzessin Diana sprechen würde, während sie von den Paparazzi gejagt wurde, aber sie starb im August. Die Leibesvisitation fand im Dezember statt. Und wenn wir den weiteren Kontext dieser Lyrics betrachten, dann erkennen wir, dass er wiederholt seine und ihre Erfahrungen gegenüberstellt.

      Ich bin nicht sicher, vielleicht ist es übertrieben, wie tiefgreifend die Vorgänge von 1993 Michael Jackson beeinflusst haben. Seine Weltsicht hat sich nach dieser Zeit schwerwiegend verschoben, und eine dieser Verschiebungen betrifft die Art und Weise, in der er die Institutionen der Macht sah, wie die Polizei oder die Presse. Er war immer sehr besorgt um Ungerechtigkeit und Diskriminierung, aber vor 1993 lag sein Fokus auf gelegentlichen Ungerechtigkeiten, die innerhalb dieser Institutionen vorkamen. Nach 1993 sind die Institutionen selbst im Blickpunkt und was ihnen das Recht gibt, in den intimsten Winkel des Lebens einer Person einzudringen – dem Ort, an dem My Baby weilt.

      (Es geht weiter...)
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    • Joie: Willa, ich denke genauso wie du, dass er die Leibesvisitation als Vergewaltigung sah und tief von ihr getroffen war. Es ist, als ob er nach den Vorkommnissen von 1993 und dem ganzen Kampf darum eine andere Person in Beziehung zu seinem Ruhm geworden ist. Und ich denke du hast recht, wenn du sagst, dass My Baby noch zerbrechlich ist und Schutz bracht, aber dass die Bedrohungen nun ganz andere sind. Tatsächlich scheinen sich die Bedrohungen ihr gegenüber nach den Anschuldigungen in etwas Bedrohliches verwandelt zu haben. Wenn man einfach auf den Text von Ghosts achtet, wird das klar. Und die Lyrics von Heaven can wait sind ebenso finster und auch etwas traurig.

      Du bist schön
      Jeder Moment mit dir ist einfach wundervoll
      Diese Liebe, die ich für dich empfinde, Mädchen, es ist unglaublich
      Ich weiß nicht, was ich tun würde, wenn ich nicht bei dir sein könnte
      Die Welt könnte nicht so weitermachen jede Nacht, Ich bete
      Wenn Gott zu mir kommen würde, bevor ich aufwache
      Würde ich nicht gehen wollen, wenn ich dein Gesicht nicht sehen kann
      Dich nicht fest halten kann
      Welchen Sinn hätte der Himmel
      Wenn die Engel mich holen wollten,
      Ich würde Nein zu ihnen sagen


      You’re beautiful
      Each moment spent with you is simply wonderful
      This love I have for you girl, it’s incredible
      I don’t know what I’d do, if I can’t be with you
      The world could not go on so every night I pray
      If the Lord should come for me before I wake
      I wouldn’t wanna go if I can’t see your face
      Can’t hold you close
      What good would Heaven be
      If the angels came for me
      I’d tell them no


      Oberflächlich gesehen ist es ein schöner Song darüber, wie er diese Frau liebt – My Baby – so sehr, dass er sie für nichts verlassen möchte. Nicht mal für den Himmel. Aber wenn My Baby sein privates Leben darstellt, für das er so hart gearbeitet hat, um es aufzubauen und zu erhalten – ein Leben, das nun seine wertvollen Kinder, die er anbetet, beinhaltet – dann bekommt dieser Song plötzlich eine neue Bedeutung. Und wenn wir unsere Theorie fortsetzen, dass die Bedrohung für My Baby der Ruhm selbst ist, dann sind diese Lyrics wie eine Vorahnung. Fast als ob er sich darin ergeben hätte, dass letztendlich sein Ruhm der Grund für seinen Untergang sein würde und er sich demgegenüber machtlos fühlt. Am Ende des Songs bittet er „Lasst uns einfach allein. Bitte lasst uns allein.“ Es ist ein vergeblicher Versuch und er weiß das, aber er muss es irgendwie versuchen. Seine Babies – My Baby – stehen auf dem Spiel.

      Willa: Joie, meistenteils bin ich deiner Meinung, außer dass ich ihn nicht so machtlos sehe wie du. Er ist nun schwer erprobt. Wirklich, er ging zur Hölle und zurück. Und er hat überlebt, mit seiner Seele, seiner Psyche, seinem intakten Inneren, Es war schrecklich – niemand sollte da durch müssen, durch die elenden Jahre, die er ertrug. Er weiß, niemand kann My Baby von ihm trennen ohne seine Erlaubnis. Und nun fordert er den Tod selbst heraus, um ihn von diesem innersten Teil von sich selbst zu trennen. Wie er in der letzten Strophe singt, weigert er sich ohne sie zu gehen:

      Oh nein, ich kann nicht ohne My Baby sein.
      Ich will nicht gehen, ohne sie werde ich verrückt.
      Oh nein, ich schätze, der Himmel wird warten.

      Oh no, can’t be without My Baby.
      Won’t go, without her I’ll go crazy.
      Oh no, guess Heaven will be waiting.


      Er kennt jetzt seine eigene Stärke. Er mag alles andere verlieren – er kann das Schicksal nicht kontrollieren – aber er würde nicht My Baby verlieren: seine Seele, seine Psyche, seine Selbsterkenntnis, seine Kreativität.

      Joie: Nein, versteh‘ mich nicht falsch. Was ich sage ist, dass sein Appell „Lasst uns einfach allein,“ ins Leere geht. Er weiß das, ganz egal wie viel er darum bettelt, der Ruhm (oder Tod, oder die Medien, oder Sneddon) wird ihn niemals allein lassen. All diese Bedrohungen gegenüber My Baby werden niemals wirklich vorbei sein. Aber ich stimme dir zu, dass er „vollmächtig“ ist. Wie ich schon sagte, ist er nach den Geschehnissen 1993 eine völlig andere Person geworden, aber in gewisser Weise ist er auch viel stärker und viel weiser, als er es jemals zuvor war. Und er ist auch viel mehr im Reinen mit sich. Es ist, als wäre My Baby sein Anker, und endlich realisiert und respektiert er das und wird alles tun, um sie zu schützen.

      Willa: Gut, hiermit beenden wir unsere Ausführungen zu My Baby und Joie und ich können es nicht erwarten, was eure Gedanken zu diesem Abschnitt der Serie sind. So lasst uns wissen, was ihr denkt und nächste Woche haben wir ein neues Thema. Wir laden einen dieser lästigen Elefanten ein herauszukommen und zu spielen, die Diskussion sollte … ziemlich interessant werden!
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    • Und in Privacy bezieht er sich auf “diese kalte Winternacht, als mir mein Stolz entrissen wurde.“ Der unmittelbare Kontext suggeriert, dass er über den Tod von Prinzessin Diana sprechen würde, während sie von den Paparazzi gejagt wurde, aber sie starb im August. Die Leibesvisitation fand im Dezember statt. Und wenn wir den weiteren Kontext dieser Lyrics betrachten, dann erkennen wir, dass er wiederholt seine und ihre Erfahrungen gegenüberstellt.
      ..wow..auf die Idee bin ich noch garnie gekommen..und es würde so gut passen. :glupschi: Ich finde es sowieso total spannend, diese Analysen von Joie und Willa ..man sieht vieles mal von einem ganz anderen Blickwinkel und das ist immer interessant - es steckt noch soviel mehr in Michaels Kunst...und es ist nur gut, wenn man sich damit auseinandersetzt, es gibt noch genug zuentdecken..

      @lilly..Tausensdmal Danke..das du das alles übersetzt..liest sich doch gleich viel leichter so.. :hkuss: :ildm:
    • maja5809faithkeeper schrieb:

      Ich finde es sowieso total spannend, diese Analysen von Joie und Willa ..man sieht vieles mal von einem ganz anderen Blickwinkel und das ist immer interessant - es steckt noch soviel mehr in Michaels Kunst...und es ist nur gut, wenn man sich damit auseinandersetzt, es gibt noch genug zuentdecken..
      Ich finde es auch total spannend! Ich muss gestehen, dass ich die Texte (wenigstens teilweise) mitsinge und die Schlüsselstellen, auch die hier oft zitierten -zigmal gehört habe, aber noch nie so ins Detail gegangen bin . Diese My Baby - Geschichte finde ich ziemlich einleuchtend. Wer soll denn das sonst sein? Und dass Michael einfach nur platte Liebesgeschichten nachgesungen hat, passt nicht zu ihm, sondern vielmehr, dass er nichts dem Zufall überlassen hat. Ich finde das ziemlich genial von ihm - ist das nicht super intelligent? He was such a smart guy!!!!!

      maja5809faithkeeper schrieb:

      Tausensdmal Danke..das du das alles übersetzt..liest sich doch gleich viel leichter so

      Das mache ich so gern, es macht einfach so einen großen Spass, und es kommt noch mehr! Ich hoffe, die diskutieren noch lange ...

      LG Lilly
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    • Ich werde immer und immer wieder in Erstaunen versetzt, WAS alles in und mit Michaels Liedern zum Vorschein kommt! Ich bin sprachlos, mir gehts wie Maja,
      tausend Mal gehört, aber niemals kamen so tiefgehende Gedanken dabei auf! Gerade "Heartbreak Hotel". Ich habe mir nie diese intensiven Gedanken bei dem
      song gemacht. Michael war noch sooo jung, als er das Lied aufnahm!

      Ich denke, man braucht schon ein sehr großes, fundiertes Wissen über Michaels Leben, um solche Gedankengänge überhaupt zu offenbaren. Es ist unheimlich
      interessant, diesen Gedankengängen zu folgen! Ich bin sehr gespannt, welche weiteren, anderen Meinungen und Empfindungen dabei zu Tage kommen werden.
      Am allerliebsten würde ich jedoch erfahren wollen, ob Michael wirklich genau diese Gedankengänge bei der Entstehung der songs hatte, aber das wohl
      schwierig werden, denn Michael hat sehr viel in seinem Leben dokumentiert oder filmen lassen, aber eben nicht alles. :traurig2:

      Lilly: ganz ganz lieben Dank für Deine Mühen, dass wir alle hier an diesen interessanten Blickwinkeln teilhaben können!
    • Ich habe ein, wie ich finde, interessantes Interview zwischen Willa Stillwater und Joie Collins übersetzt. Das gehört zwar nicht zum Blog, passt aber meines Erachtens nach hier rein (ist ja das gleiche Thema).

      mjfanclub.net/home/index.php?...news&Itemid=82

      MJFC Interview mit Dr. Willa Stillwater (10/07/2011)

      Joie Collins war kürzlich im Chat mit Dr. Willa Stillwater, Autorin des neuen Buches „M Poetica: Michael Jacksons Kunst der Zusammenhänge und Herausforderungen“ Das Buch untersucht Michael Jacksons Kurzfilme und gewährt tieferen Einblick in einige der bedeutendsten Videos des King of Pop. Dr. Stillwater sprach über ihre Liebe zu Michael Jackson, ihr Buch und die Kontroversen darüber.

      JC: Kannst du uns ein bisschen was über deinen Hintergrund erzählen? Du hast einen Ph.D. in Englischer Literatur, ist das richtig?

      WS: Das stimmt, auf diese Weise bin ich es gewohnt über wissenschaftliche Themen zu schreiben. Ich habe auch einiges über technische Themen geschrieben, etwas Journalismus, ein wenig Romanliteratur, nur zum Spaß, und ich habe jahrelang Klassen in Schreiben und Literatur unterrichtet. Also bin ich es gewohnt zu schreiben, aber dieses Buch war eine ganz neue Sache für mich. Es ist so was wie eine „seltsame Ente“ (amerik. Slang: An odd duck is someone with a touch of eccentricity / jemand mit dem Touch der Exzentrizität), denn es gibt einen ganz nahen Blick auf Michael Jacksons visuelle Kunst frei – hauptsächlich seine Videos – aber es streift auch Themen wie Kulturgeschichte, persönliche (Lebens-) Geschichte und sogar ein wenig „Kriminalliteratur“, und das alles hatte eine ziemliche thematische Spannweite für mich. Wirklich, dieses Buch brachte mich über eine weitere Strecke, als ich jemals gehen wollte.

      JC: Würdest du dich selbst als Michael Jackson Fan beschreiben?

      WS: Definitiv ja. Ich bin gerade 50 geworden, und ich habe seine Musik genossen, seit vor 40 Jahren „Rockin’ Robin“ im Radio lief. In diesem Sinne bin ich ein Fan, aber es fühlt sich auch sehr viel persönlicher an als das. Du weißt, ich bin während der Bürgerrechtsproteste in den 60er Jahren aufgewachsen, und die lokalen Schulen wurden integriert, als ich in der dritten Klasse war, und das war in gewisser Weise sehr aufregend. Aber es war auch richtig verwirrend. Menschen wurden verletzt und getötet und von Polizeihunden angegriffen, du konntest es tatsächlich manchmal in den Nachrichten sehen, und dieser Teil war beängstigend. Es war also eine ziemlich wirre Zeit für mich als Kind, und ich weiß nicht, ob es irgendeinen Sinn macht, aber ich habe das Gefühl, Michael Jackson hat mir durch all das durchgeholfen. In meiner Vorstellung redete ich mit ihm über Dinge, die mich beunruhigten; etwas, das ich in der Schule gehört oder in den Nachrichten gesehen hatte, und er half mir, es herauszufinden und mich da durchzuarbeiten, einfach nur weil er der war, der er war – dieses freundliche, sensible Kind, bei dem ich das Gefühl hatte, mit ihm konnte ich reden. Dies klingt vielleicht ein bisschen verrückt, wenn es von einem Erwachsenen kommt, aber es war für mich als Kind wirklich wichtig, und ich fühle ihm gegenüber immer noch diese tiefe Dankbarkeit. Also ich bin ein Fan, aber es geht auch tiefer und ist persönlicher, als einfach nur seine Musik zu schätzen.

      JC: Was hat dich veranlasst, dieses Buch zu schreiben? Was hoffst du, wird es bewirken?

      WS: Ich wollte dieses Buch nicht schreiben. Ich wollte es überhaupt nicht. Es war zu persönlich. Ich fühle mich viel wohler, wenn ich über Novellen des 18. Jahrhunderts und solche Dinge schreiben kann, die ich von Weitem aus sicherer Distanz betrachten kann. Aber eine Freundin brachte mich dazu, es zu schreiben. Es ist eine lange Geschichte, aber das Ende vom Lied war, dass sie entschied, ich müsse dieses Buch schreiben, und sie war sehr hartnäckig dabei. Sie ist Lehrerin für die zweite Klasse, sie hat also eine Menge Erfahrung damit, störrische Menschen dazu zu bringen, etwas zu tun, was sie nicht unbedingt tun wollen. So drängte sie mich und schließlich fing ich an, und als ich erst einmal angefangen hatte, wurde ich richtig besessen davon und konnte nicht mehr aufhören. Je näher ich an seine (Michael Jacksons) Werke heranging, desto mehr sah ich. Seine Arbeiten sind so reichhaltig, es gibt so viel zu entdecken und zu erforschen, und es faszinierte mich einfach.

      Schrittweise, als ich tiefer und tiefer ging und mich selbst komplett für eine Weile in seine Werke versenkt hatte, realisierte ich, dass er eine völlig neue Art von Kunst und eine neue Definition von Kunst überhaupt geschaffen hatte, eine die die Grenzen dessen, was wir erwarten, was Kunst typischerweise sein sollte, ausgeweitet hat. Ich glaube, das ist einer der Gründe, warum er so entsetzlich missverstanden wurde – niemand wusste, wie er das, was tat, interpretieren sollte, weil es so neu und so anders war. Eine Sache, die mir wirklich geholfen hat ist die, dass ich einen Hintergrund in literarischer Theorie habe und das verschafft mir ein Extraset an Werkzeugen, um einige Dinge aufzubrechen, um seine Werke auf eine andere Art zu sehen. Und wenn du dich seinen Werken auf diese Art näherst, ist es einfach verblüffend. Er war wirklich wahnsinnig brillant, und er hatte so einen hohen kulturellen Einfluss. Und ich glaube ganz fest, dass er der bedeutendste Künstler unserer Zeit war; nicht nur musikalisch gesehen, genauso unter den Bedingungen visueller Kunst, „hohe/große Kunst“, Warhol-typische Werke, wie immer du es nennen willst.

      JC: Du hast für die Betrachtung von Michaels Werken eine Menge Literaturtheorie benutzt in deinem Buch und einige Verleger haben Einwände dagegen erhoben. Kannst du erklären, wie die Kontroverse um das Buch begann?

      WS: Gut, als ich sagte, mein Hintergrund sei Englische Literatur und Literaturtheorie, so bezog ich mich natürlich darauf bei der Betrachtung von Michaels Werken und ich hatte das Gefühl, dass es nötig war, einige Elemente von literarischer Theorie einzubringen, als ich das Buch schrieb, die im Detail zu helfen versuchen würden, zu erklären, was ich tat und warum. Und offensichtlich haben sich einige Verleger darüber geärgert, weil Literaturtheorie ein ziemlich spezialisiertes Fachgebiet ist. Weißt du, es gibt eine Menge wovon ich nichts verstehe wie von organischer Chemie oder Astrophysik oder klassischer Musik, einfach weil das nicht meine Fachgebiete sind. Und es wahr, dass einige der Gedanken in dem Buch ziemlich kompliziert und sogar ein bisschen beunruhigend sind, wenn du die Dinge vorher noch nicht aus diesem Blickwinkel betrachtet hast.Aber ich kann diesen Verlegern absolut nicht zustimmen. Ich hatte für dieses Buch ein allgemeines Publikum im Hinterkopf, weil ich fühle, dass diese Gedanken interessant und zugänglich für die Allgemeinheit sind. Ich denke auch, dass die Anwendung von Literaturtheorie als ein gutes Werkzeug gesehen werden kann, um Michael Jacksons Werk zu untersuchen, speziell seine Videos und visuelle Kunst; sie erlaubt einem, sie auf eine ganz neue Art zu sehen, und man entdeckt Dinge, die man niemals vorher gesehen hat, und das ist für mich so wertvoll. Es führt mich persönlich zu einem tieferen Verständnis und Wertschätzung seines Werkes, und das möchte ich mit anderen teilen.Um ehrlich zu sein, ich bin wirklich in einer gewissen Art besessen von all diesem. Es ist so wichtig für mich, diese Gedanken da herauszuholen und zu helfen, die Konversation über Michael Jackson zu verändern, größtenteils weil er so missverstanden war. Als also vier Verleger sagten, sie wären interessiert und wollten sich das Buch ansehen, war ich begeistert. Und dann lehnten alle vier Verleger ab und sagten, sie denken, es würde sich nicht verkaufen. Es war so enttäuschend. Und ihre Begründungen irritierten mich sehr, offen gesagt, besonders dieser eine Kommentar ging mir wirklich unter die Haut. Und ich wiederholte diesen Kommentar in einem Moment der Frustration, und das hätte ich nicht tun sollen, ich bereue es. Es wurde zu einer Ablenkung von der wirklichen Hauptsache, und das ist Michael Jacksons Kunst und was er dadurch bewirkt hat, und wie wichtig und erstaunlich das ist.
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    • JC: Du sprichst viel über kulturelle Erzählungen in deinem Buch. Kannst du erklären, was kulturelle Erzählungen sind und wie sie die Welt formen, in der wir leben?

      WS: Eine kulturelle Erzählung ist einfach eine Geschichte, die wir als ein Volk benutzen, um unsere Welt zu erklären und zu verstehen, und es ist meistens eine Geschichte, die wiederholt immer und immer wieder erzählt wird. Zum Beispiel gibt es über 700 Versionen der Geschichte von Cinderella auf der ganzen Welt, aber zusammen ergeben alle eine einzige große kulturelle Erzählung, obwohl verschiedene Kulturen dazu tendieren, auch verschiedene von der Hauptstory abweichende Versionen zu pflegen. Die interessante Frage dabei ist, warum ist diese Geschichte so wichtig, dass wir sie immer und immer wieder wiederholen, über Generationen? Was sagt es aus, dass es so wichtig für uns ist?

      Ein anderer prägender Aspekt einer kulturellen Erzählung ist, dass sie ziemliche weitreichende Akzeptanz genießt. Aber das bedeutet nicht notwendigerweise, dass sie wahr sind. Es kann sein, muss es aber nicht. Die biblische Geschichte der Schöpfung ist eine kulturelle Erzählung, und die Theorie der Evolution der Arten ist es auch. Dabei handelt es sich um konkurrierende kulturelle Erzählungen und sie können nicht beide wahr sein, es sei denn wir reden metaphorisch, und sogar dann sind sie im Konflikt, denn sie unterstützen jeweils verschiedene Weltanschauungen. Und sogar wenn eine kulturelle Erzählung nicht wahr ist, dann heißt es nicht, dass sie keine realen Auswirkungen hat. Rassismus ist eine kulturelle Erzählung – es ist nicht mehr als eine Geschichte, die wir als Kultur uns selbst erzählen – aber gerade weil es „nur“ eine Geschichte ist bedeutet es nicht, dass es keine realen Konsequenzen hat. Die Konsequenzen dessen, dass dieselbe Geschichte immer und immer wieder erzählt wird, sind offensichtlich sehr real.

      Eine kulturelle Erzählung, über die ich kürzlich sehr viel nachgedacht habe, ist die Geschichte des Lebens und der Karriere eines sehr berühmten Künstlers – du weißt schon, die Geschichte von „A Star is Born“. Wir haben die Geschichte eines talentierten jungen Künstlers, der entdeckt wird, schnell aufsteigt, einen beglückenden Moment auf dem Höhepunkt des Ruhmes erlebt, und dann kommt der Zusammenbruch. Und wir erzählen diese Geschichte immer wieder und wieder, von Edgar Allan Poe bis Brittney Spears. Wir erzählen einfach diese selbe Geschichte immer wieder. Und diese Geschichte ist tragisch genug, aber die wirkliche Tragik dabei ist, dass wenn der Star nicht der Drogenabhängigkeit oder etwas ähnlichem unterliegt und dadurch von selbst zusammenbricht, dann wenden wir uns gegen ihn und schießen ihn nieder. Ich weiß wirklich nicht, woher dieser kannibalistische Drang, einige unserer talentiertesten und berühmtesten Künstler zu zerstören, kommt, aber wir müssen diese Geschichte irgendwie neu schreiben, denn sie ist brutal.

      Du weißt, auf seine Art hat Charlie Chaplin die Filmindustrie Amerikas erfunden, und er war unglaublich talentiert und absolut geliebt von Millionen. Und dann im Jahr 1942 war es, glaub‘ ich, war er angeklagt, ein Kind gezeugt zu haben. Dann gab es diesen sehr schmutzigen und aufsehenerregenden Prozess, ein Vaterschaftstest bewies schlüssig, dass er nicht der Vater war – und es spielte absolut keine Rolle, nicht im Gericht und nicht in der Meinung der Öffentlichkeit. Er wurde für schuldig befunden und dazu verurteilt, Alimente zu zahlen und er wurde behandelt wie ein „moralisch Aussätziger“, wie ein Kritiker sagte, mehr oder weniger für die nächsten 30 bis 40 Jahre seines Lebens. Michael Jackson sagte einmal in einem Interview, dass er sich fühle, als wäre er Charlie Chaplin, und ich kann sehen, warum. Die Parallelen zwischen ihnen sind verblüffend auf vielerlei Weise! Und ich frage mich, wie viel davon Zufall ist, und wie viel davon wir sind, als Kultur, die beide dazu gezwungen haben, ihr Leben der schon vorher existierenden kulturellen Erzählung anzupassen. Ich sehe sie an und in einem gewissen Sinn macht es den Eindruck, als wenn der Handlungsbogen von Michael Jacksons Geschichte bereits geschrieben war, bevor er geboren wurde, und wir haben ihn sozusagen einfach da eingepasst.

      JC: Das ist eine sehr interessante Beobachtung. Ich habe dein Buch gelesen und war fasziniert von dem, was du zu sagen hast über den Plastic Surgery Skandal und wie tief sich dieser bestimmte Teil der kulturellen Erzählung in unser kollektives Bewusstsein eingegraben hat. Und wenn du es erklärst, klingt es so simpel und so offensichtlich, aber trotzdem hat es die ganze Welt irgendwie wie ein Loch verpasst. Warum glaubst du, dass wir so leicht etwas übergehen, was sich gerade direkt vor unseren Augen abspielt?

      WS: Es kommt daher, dass unsere kulturellen Erzählungen das formen, was wir glauben, und unser Glaube formt unsere Wahrnehmung. Michael Jackson nannte dies Konditionierung. Wir sind kulturell konditioniert in unserer Erwartung, dass ein Superstar zerbricht und nach einer Weile in Stücke zerfällt, und Michael Jackson wusste dies ganz genau. So gab er uns genau das, was wir erwartet haben. Wie er in Is it scary sagt „I’m gonna be exactly what you wanna see“. Zugegeben, der Plastic Surgery Gedanke war ein bisschen verdrehtes Thema – soviel ich weiß, ist kein anderer Superstar vor ihm auf genau diese Art gescheitert – aber es war ein brillanter Weg unsere Erwartungen zu reflektieren, denn diese Effekte der plastischen Chirurgie sind so sichtbar; mehr als zum Beispiel Drogenabhängigkeit. Es hebt wirklich hervor, wie sehr unsere Erwartung unsere Wahrnehmung formt. Und er war absolut brillant. Offen gesagt, wenn mir jemand erzählt hätte, er baut in seinem Keller ein nukleares U-Boot, ich hätte es vielleicht geglaubt. Er konnte so ziemlich alles tun, was er sich in den Kopf gesetzt hatte, offensichtlich.

      JC: Es ist nicht oft der Fall, dass wir ein positives Buch zu sehen bekommen, dass so auf Michaels Kunst blickt wie es deins tut. Das einzige andere Buch, das meiner Meinung nach mit „M Poetica“ vergleichbar ist, ist Joe Vogels bald erscheinendes Buch „Man in the Music“ und die Fans sind sehr aufgeregt auf das Erscheinen. Aber wo Vogel sich hauptsächlich auf die Musik fokussiert, konzentriert sich dein Buch hauptsächlich auf die Kurzfilme und Michaels visuelle Kunst. Deine Beobachtungen seine Kurzfilme sind sehr interessant und amüsant! Was hat dich dazu gebracht, tiefer in seiner visuellen Kunst zu graben als im Gegensatz dazu in der Musik.

      WS: Okay, ehrlich gesagt, wenn ich versucht hätte, ein Buch über Michael Jacksons Musik zu schreiben, dann wäre es ein ziemlich dünnes Buch geworden. Ich bin vielleicht noch fähig eine Einleitung herauszuquetschen, aber ich bin ziemlich ahnungslos in Bezug auf technische Aspekte der Musik. Das ist ein Grund, warum ich Joe Vogels Buch so sehnlich erwarte. Ich liebe sein Buch über „Earth Song“. Du weißt, ich wollte etwas ganz Besonderes am 25. Juni machen, und so verbrachte ich den Abend in seinem Buch lesend und hörte den Earth Song, und für mich war genau die perfekte Art, diesen Tag zu begehen. Und ein Grund, warum ich es so sehr mochte, ist, dass ich keinen starken Hintergrund in musikalischer Hinsicht habe. Ich kenne nicht den B-Moll Akkord von Adam’s Housecat. Und Vogel legt nicht diese Art von Details dar, aber er spricht darüber, warum sie wichtig sind – wie Michael Jackson sie benutzte, um eine Bedeutung zu vermitteln oder eine bestimmte Stimmung zu erzeugen oder die Erfahrung, seiner Musik zuzuhören, zu intensivieren, und ich liebe das! Das ist ein Aspekt von Michael Jacksons Werken, den ich selbst nicht ausarbeiten kann, weil ich nicht diese Art Hintergrund habe, so öffnet Vogels Buch eine Tür für mich und lässt mich in eine Welt sehen, zu der ich normal keinen Zugang habe.

      Ich mag auch wirklich die Tatsache, dass Vogel keine Angst davor hat, die Grenze zwischen populärer Kunst und „hoher“ Kunst zu überschreiten. Er hat kein Problem damit über Byron und Milton und Picasso und Tchaikovsky zu reden, genauso wie über Toto und Bob Dylan und Pink Floyd, und ich denke, das ist entscheidend von Bedeutung, wenn man über Michael Jacksons Werke spricht. Fast alles wurde über Michael Jackson geschrieben so weit man ihn betrachtet als einen populären Entertainer, und es stimmt, er war ein unglaublicher Entertainer. Aber wenn das alles ist, was du siehst, dann bekommst du nur eine Art Zeichenentwurf von ihm und seiner Arbeit und was sie bedeutet und nicht diese andere Schichten der Bedeutung(en). Michael Jackson hatte keine Angst, die Grenze zwischen einfacher und hoher Kunst zu überschreiten und Vogel hat auch keine Angst davor, und ich denke, das ist ein Grund, warum das Lesen von Earth Song sich so viel reicher anfühlt.
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    • JC: Also wählst du Jacksons visuelle Kunst gegenüber der Musik, weil du dich auf dem Gebiet wohler fühlst. Hast du denn einen Hintergrund in Kunstgeschichte oder im Filmstudium?

      WS: Nein, habe ich nicht, und es wäre interessant zu hören, was jemand, der Kunstgeschichte oder Film studiert hat, zu sagen hat, weil ich das Gefühl habe, es gibt noch eine Menge, was ich nicht sehe! Ich habe mich seiner visuellen Kunst eher mit den Begriffen der Erzählung angenähert, und das passte auf vielerlei Art sehr gut, weil Michael Jacksons Videos erzählerisch aufgebaut sind. Wie er in mindestens einem Interview gesagt hat, er möchte in seinen Videos eine Geschichte erzählen mit einem Anfang, einem Mittelteil und einem Ende. So näherte ich mich der erzählerischen Struktur, die er in seinen Videos und seinen Gedanken durch diese Erzählungen ausdrückt genauso wie ich mich der erzählerischen Struktur in der Literatur nähern würde.

      Ich war sehr interessiert darin, wie er seine Videos nutzt, um bestehende kulturelle Erzählungen zu verschieben oder neu zu schreiben. Zum Beispiel Beat it und Bad schreiben die West Side Story neu, die wiederum Romeo und Julia neu schrieb, das seinerseits auch wieder frühere Werke neu schrieb, und jede Neuerzählung verschiebt diese Erzählung in signifikanter Weise, um uns etwas wichtiges und anderes zu sagen über Gewalt in Gruppen oder Gangs. Smooth Criminal schreibt Girl Hunt Ballet neu, welches wiederum I, the Jury neu schrieb. Alle drei erzählen die Story einer Frau, die von einem Mann ermordet wurde, der sie vermutlich liebte, aber I, the Jury ist brutal und die grundlegende Aussage ist, dass sie es verdiente, zu sterben. Girl Hunt Ballet parodiert die Gewalt von I, the Jury, aber spielt es genau nach. Und dann dreht Smooth Criminal die Erzählung komplett um und untergräbt sie, beides durch sichtbare Hinweise und durch die Lyrics, wieder und wieder fragend „Annie, are you Ok? Will you tell us that you’re Ok?“ Also während I, the Jury uns nötigte, die Frau zu hassen und sogar den Mörder zu unterstützen, und Girl Hunt Ballet die Gleichgültigkeit ausdrückte, ermutigt uns Smooth Criminal, uns um sie zu sorgen!

      JC: In deinem Buch verbringst du einige Zeit damit, die Ereignisse von 1993 zu diskutieren. Kannst du uns erzählen, warum du meinst, dass diese Zeit in Michaels Leben wichtig ist, um sein späteres Werk zu untersuchen?

      WS: Ich hatte nicht die Absicht, da so hinein zu gehen, als ich anfing. Ich wollte einfach über seine Videos schreiben, weil sie so interessant für mich sind und weil die Gedanken, die er durch sie ausdrückt so wichtig sind. Ich habe mir nie träumen lassen, dass ich zu den Anschuldigungen und all dem gehen würde. Dazu kam, mein Sohn war 12, genau in dem Alter, in dem der kleine Junge 1993 war, also das war ein anderer Grund, das alles auf Distanz zu halten. Aber eins der Dinge, die ich mir selbst sagte, als ich das Projekt begann war, dass ich versuchen würde, der Passagier zu sein so weit es geht, und Michael Jackson den Fahrer sein zu lassen, um zu sehen, was er mir zeigen will.

      Es schien mir, dass so viele der Artikel, die ich las, mehr über die Gedanken der Kritiker aussagten als über Michael Jacksons Gedanken, und ich kann verstehen, wo sie herkommen. Ich sehe Kunstinterpretation als eine Konversation zwischen dem Künstler und dem Publikum, und es ist ziemlich einfach, wenn du allein an einem Computer sitzt und dich selbst die Unterhaltung dominieren lässt. Aber es schien mir, dass Michael Jackson begraben wurde unter dieser Flut von Meinungen, und in diesem Prozess gingen seine Sicht und seine Gedanken verloren.

      Also ich wollte mich so weit es geht zurückhalten und ihm die Führung überlassen, wenn ich könnte. Und seine späteren Werke brachten mich zurück ins Jahr 1993. Wenn du einen Schritt zurücktrittst und sein ganzes Werk betrachtest, da ist sein Werk vor 1993, und da ist sein Werk nach 1993, und dazwischen ist der Grand Canyon. Und so sehr ich versuchte, es zu ignorieren, es ist irgendwie schwer den Grand Canyon zu ignorieren.

      Und so denke ich, du kannst seine spätere Arbeit einfach nicht verstehen, wenn du nicht weißt, was passiert ist. Aber wenn du erst einmal den Hintergrund hast, wird sein späteres Werk so viel bedeutungsvoller. Zum Beispiel waren die letzten Worte, die Evan Chandler jemals zu Michael Jackson gesagt hat „Du wirst untergehen“. Er zeigte mit dem Finger auf ihn und sagte „Du wist untergehen“ (You’re going down) und diese Worte hallen während Blood on the Dance Floor wider, in beidem, dem Album und dem Video. Das ist ein Grund, warum dieses Video so erschreckend für mich ist. Hier ist Michael Jackson, dieser brillante Künstler, der den Tanz als eine spirituelle Kraft sah; eine wiederbelebende Kraft durch die Geschichte laufend, und nun ist da Blut auf dem Tanzboden und der Tanz selbst ist beschädigt worden. Stell dir vor, was das für ihn bedeutet haben muss. Und dann sind da die fortlaufend wiederholten Worte im Hintergrund, „I’m going down, Baby“, die wiederholen, was Evan Chandler zu ihm gesagt hat. Die ganze Sache ist so grauenhaft. Es erschreckt mich bis ins Mark darüber nachzudenken, durch was er damals durch musste, und wie er sich aufrecht halten musste unter den falschen Anschuldigungen.

      So begann ich zögernd, mir das anzusehen, was 1993 passierte, nur genug, so dass es mir helfen würde, seine Werke zu verstehen, aber an einem Punkt wurde ich in dem Fall selbst gefangen und fand mich selbst wirklich damit kämpfend wieder. Einerseits war mein Großvater ein Sheriff, genauso wie mein Onkel, und ich bin sehr stolz auf meine Familie und weiß, wie schwierig diese Arbeit ist. Die Leute erzählen ständig sich widersprechende Geschichten und es ist manchmal wirklich schwierig, das zu sortieren. So sah ich mir diesen Fall an und versuchte, Verständnis für die Aktionen der Ermittler zu haben, aber an einem gewissen Punkt musste ich einfach sagen, sorry, aber ihr Jungs habt diesen Fall komplett schlecht verwaltet.

      JC: Du glaubst also Michael war unschuldig?

      WS: Absolut. Mein Großvater sagte einmal zu mir „Die Menschen tun keine Dinge, die nicht in ihrem Charakter liegen.“ Und das glaube ich wirklich. Ich glaube, es gibt etwas wie den Charakter, und dass die Menschen dazu tendieren, in Übereinstimmung mit ihrem Charakter/ihrer Rolle zu handeln. Und ich spüre es bis in meine Knochen, dass Michael Jackson niemals ein Kind missbrauchen würde, denn es ist nicht sein Charakter. Wenn ich auf seine Werke schaue, sehe ich wieder und wieder diese unglaubliche Empathie. Er könnte das einfach nie tun. Es würde seinen Geist in zwei Teile brechen.

      Eine andere Sache, die mir mein Großvater erzählt hat, dass du klug sein musst bei der Gesetzesvollstreckung. Er sagte, du kannst nicht herumstolzieren mit einer Waffe und hart reden. Du musst die menschliche Natur verstehen und du musst schlau sein, denn einige Leute werden versuchen, dich auszuspielen. Sie werden versuchen, die Polizei als ein Werkzeug zu benutzen, um ihre Ex-Frau zurück zu bekommen oder ihren Nachbarn oder wen auch immer. Und es tut mir leid, aber die Polizei in diesem Fall war nicht klug, und sie haben mit sich spielen lassen. Die Geschichte des Vaters ist voller Widersprüche und absoluter Lügen, aber die Polizei ignorierte das alles und schluckte die ganze Geschichte, und sie gaben diesem Vater und seinem Anwalt alles, was sie brauchten, um Erfolg zu haben. Michael Jackson würde diesen Fall niemals beglichen haben, wenn die Polizei nicht involviert worden wäre und den Fall so behandelte, wie sie es tat. Wirklich, wenn jene Polizei absichtlich angeordnet hätte, um einem Erpresser zu helfen, dann hätten sie keinen gründlicheren Job tun können. Es ist einfach haarsträubend. Und die einzige Erklärung, auf die ich komme, warum die Polizei auf die Art handelte, wie sie es tat, ist die, dass sie niemals auch nur die Möglichkeit in Betracht zog, dass Michael Jackson unschuldig war.

      Wie auch immer, es macht mich traurig, dauernd darüber zu reden. Wie mein Großvater gesagt hätte, ich verfolgte die Frage, als wenn ich versuchen würde, Schlangen zu töten – ich schlug drauf und schlug nochmal drauf, versuchte, dieses Thema zu erledigen, damit es weg geht! Es ist einfach so offensichtlich für mich, dass er nicht diesen kleinen Jungen missbraucht hat, und alle Hinweise zeigen das klar.
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    • JC: Das stimmt. Wir alle möchten bei diesem Thema einfach weggehen können! Ich habe dein Buch aus der Hand gelegt mit dem Gefühl, dass ich einige Dinge über Kunst und Michael Jackson gelernt habe, die ich niemals vorher in Betracht gezogen habe. „M Poetica“ hat mich noch Tage später über die neuen Gedanken, die du über Michael vorgestellt hast, nachdenken lassen. Dein Buch und andere, die ähnlich sind, wie Joe Vogels „Man in the Music“ helfen dabei, das Gespräch über Michael Jackson weg von der Regenbogenpresse und den Skandalen zu lenken, und sich mehr auf Jacksons Kunst und sein Genie zu fokussieren. Kannst du uns sagen, warum es für dich so wichtig ist, das zu tun? Warum ist es wichtig für dich, dass diese Gedanken raus in die Öffentlichkeit kommen?

      WS: Nun ja, es ist deshalb wichtig, weil eine entsetzliche Ungerechtigkeit geschehen ist. Eine Ungerechtigkeit, die nicht mehr zu ändern ist, aber über die du ein Gefühl der moralischen Entrüstung empfindest. Und ich habe das Bedürfnis, darüber zu sprechen, wenn ich kann. Aber genauso wichtig ist es, Michael Jacksons Kunst noch einmal zu überdenken, um anzufangen zu verstehen, was er getan hat, denn es gibt in seinem Werk so tiefgreifende Deutungsmöglichkeiten, in beiderlei Hinsicht - künstlerisch und kulturell. Er hat wirklich eine völlig neue Art des Denkens über Kunst und ihr Verhältnis zum sozialen Wandel geschaffen, und das impliziert nicht nur, wie wir ihn sehen und deuten, sondern der Zugang dazu öffnet sich für alle Künstler, die nach ihm kommen.

      JC: Ich kenne viele Fans, mich selbst eingeschlossen, die wirklich sehr gern eine Kopie deines Buches für ihre MJ Bibliothek haben würden. Wirst du weitermachen und versuchen, zu erreichen, dass dein Buch im Standardbuchformat veröffentlicht wird statt nur in elektronischer Form, wie sie im Moment angeboten wird?

      WS: Definitiv. Ich hätte es am liebsten, wenn es auf die Art veröffentlicht würde. Obwohl ich sagen muss, es ist eine schöne Sache, es selbst herauszugeben, da ich dabei die komplette Kontrolle über den Text habe. Mir fällt es manchmal sehr schwer, zu Leuten „Nein“ zu sagen, und wenn ich über die Veröffentlichung dieses Buches nachdenke, dann stelle ich mir einen jungen enthusiastischen Herausgeber vor mit einer Menge Ideen darüber, was er alles ändern will, um es seiner Meinung nach besser zu machen und dagegen mich, wie ich sagen muss „Nein, nein, nein“ und damit ihren kleinen Herausgeber-Geist niederschlage. Ich habe mich wirklich geärgert darüber, wie damit umgegangen wird, denn ich habe eine sehr starke Meinung über dieses Buch und was ich sagen will, und wie ich es sagen will und ich bin nicht gewillt, Änderungen vorzunehmen. So war es die ganze Zeit, als sich die Verleger das Buch ansahen; ich habe lange Spaziergänge gemacht und einfach geübt zu sagen „Nein, nein, nein, das ist eine sehr interessante Idee, aber Nein“. Wenn ich es selbst veröffentliche, kann ich all das umgehen. Niemand hat das Buch „betrunken“ gemacht, damit es sich besser verkauft oder die Gedanken verwässert, um sie schmackhafter zu machen. Ob es nun besser oder schlechter ist, dieses Buch sagt genau das, was es sagen soll!


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