Dancing With The Elephant

    • Willa: Das klingt so wunderbar. Also wo sind sie im Produktionsprozess? Habt ihr eine fast fertige Show gesehen mit Kostümen und Musik und allem, oder war es noch nicht fertig – so etwa wie wir es bei This is it gesehen haben? Es hört sich an, als ob sie noch einige Entscheidungen treffen.

      Joie: Ja, die Arbeit ist noch in vollem Gange. Sie haben das schon uns gegenüber betont, aber was wir gesehen haben, war etwa 75-80 % der kompletten Show mit Kostümen und Musik von Beginn an quer durch, so wie eine Kostümprobe. Und es gab ein paar technische Patzer und Pannen, die man erwartet, wenn alles noch in Arbeit ist. Sie sind noch dabei, den Schlussteil zu perfektionieren, so dass wir etwa die letzten 30 Minuten der Show nicht gesehen haben, und uns wurde gesagt, sie würden Songs enthalten wie Billie Jean, Man in the mirror, Dirty Diana und Can You Feel It. Aber im Ganzen gesehen war es schon eine sehr ausgefeilte Show.

      Willa: Weißt du, ich weiß nicht, wie ich das fragen soll, aber was Michael Jackson für mich so besonders macht und ihn von jedem anderen unterscheidet, sind seine Ideen und wie er diese Ideen ausdrückt und seine Hingabe für seine Botschaft. Er hatte eine wunderschöne Stimme, und es hört sich so an, als hätte der Cirque du Soleil dies durch die Masteraufnahmen eingefangen, und er war ein unglaublicher Tänzer, und es hört sich so an, als würde die Show auch dies wachrufen durch die Akrobaten, Luftakrobaten und Tanznummern. Aber was ist mit seinen Ideen? Fühlt es sich an wie Michael Jackson?

      Joie: Oh, das ist eine gute Frage; ich bin so froh, dass du das fragst! Willa, sie haben sehr, sehr hart daran gearbeitet, das Wesen und das Herz von Michael Jackson einzufangen, und das sieht man. Ich habe ein News Item auf der MJFC Website über meine Erfahrungen gepostet, wo ich die Show das „ultimative Tribute für Michael“ genannt habe, und das fühle ich ganz ehrlich und ich sage dir auch, warum. Du musst bedenken, dass diese Show geleitet wird von Menschen, die Michael kannten. Menschen, die mit ihm gearbeitet haben und ihn geliebt haben. Während dieser zwei Tage in Montreal sah ich wie Greg Phillinganes, Jonathan Moffett, Zaldy und drei Führungskräfte vom Estate sehr emotional wurden, wenn sie mit mir über ihre Zeit mit Michael sprachen und wie wichtig diese Show für sie ist. Sie haben alle so viel Leidenschaft dafür, etwas zu tun, was er lieben würde und es richtig zu machen. Für ihn. Und vom Eröffnungsteil den ganzen Weg hin zum Schlussteil kannst du Michaels Präsenz fühlen; du kannst seinen Geist spüren. Und seine Botschaft von L.O.V.E. steht ganz vorne und im Zentrum. Wirklich, in einem anderen Segment der Show, ich glaube es war bei Will You Be There, tauchten plötzlich diese großen, roten, glühenden Herzen von überall aus der Arena auf und bewegten sich auf die Bühne zu. Es war wirklich bewegend, und es erinnerte dich einfach daran, dass Michaels Botschaft Liebe war. Es ist das, worüber er immer gesprochen hat, und es war das, was er predigte. Und sie haben das nicht vergessen, und es ist klar, dass sie auch nicht wollen, dass andere es vergessen.

      Willa: Ich bin so froh, das zu hören, dass die Leute, die an der Show arbeiten, sich so stark darum kümmern und leidenschaftlich mit beidem umgehen, seiner Musik und seinen Ideen. Du hast auch in dem MJFC Artikel geschrieben, dass sie um Feedback gebeten haben und tatsächlich Vorschläge übernommen haben. Hier ist das, was du geschrieben hast: „Sie hörten dem zu, was wir zu sagen hatten und sie berücksichtigten unsere Gefühle und unsere Vorschläge. Und es war nicht nur ein Lippenbekenntnis. Die Show wurde sofort entsprechend unserem Feedback geändert.“ Kannst du uns mehr darüber erzählen?

      Joie: Gut, es war wirklich eine Überraschung. Am Ende der Show, als alle herumschwirrten und wissen wollten, was wir denken, sprach ich mit Navi, dem Vertreter des MJFC U.K. über bestimmte Nummern und wie man sie noch verbessern könnte. Als sie uns fragten, erzählte er ihnen, was wir dachten und schlug Wege vor, wie man die Nummer stärker machen könnte. Und sie hörten ihm zu und fingen an, die Änderungen sofort vorzunehmen. Dann am nächsten Tag machten wir eine Führung über das Gelände des Cirque du Soleil und trafen uns mit dem Creative Director der Show, neben anderen. Und wieder wollten sie in diesem Meeting wissen, was wir denken – was unsere Lieblingsteile waren und auch, was wir nicht so mochten. Mit was wir, wenn überhaupt, Probleme hätten. Und so sagten wir es ihnen. Wir (die Vertreter der Fan Community) waren ehrlich zu ihnen mit unseren Gefühlen und wir waren uns alle einig über einen bestimmten Punkt in der Show, bei dem wir das Gefühl hatten, er wäre ein bisschen fraglich und könnte ein wenig geändert werden. Und wieder hörten sie uns genau zu und machten sich Notizen zu dem, was wir zu sagen hatten und begannen über Wege für Änderungen nachzudenken.

      Aber, ich denke einfach, es ist so vielsagend, dass diese Menschen, die die Show zusammengestellt haben so bemüht sind, mit den Fans zu reden, und ich glaube wirklich, dass sie sehr stark versuchen, es richtig zu machen. Nicht nur für Michael, sondern genauso für die Fans. Ich glaube, sie wollen damit wirklich Michaels Fans erfreuen. Ich denke, es ist wichtig für sie. Mir wurde bei dem Meeting von einem der Leute vom Estate erzählt, dass dies Punkt Eins war. Der Cirque tat so etwas nicht für die Elvis Show, auch nicht für die Beatles Show. Sie haben die Fans nicht zu einer Probe eingeladen, damit diese ihren Input geben können, bevor die Show anfängt. Und ich denke, das sagt etwas darüber, wie wichtig Michaels Vermächtnis wirklich ist. Darüber, wie bedeutend er war und immer noch ist, als beides, Künstler und kulturelle Persönlichkeit.

      Willa: Gut, nach allem, was du erzählt hast, klingt es so, als ob da eine sehr engagierte Gruppe von Menschen hinter den Kulissen arbeitet, und die Show selbst hört sich unglaublich an. Ich liebe deine Beschreibungen, Joie. Danke, dass du sie mit uns geteilt hast.



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    • ..ich hab einfach mal den aktuellen blog Eintrag übersetzt...ich hoffe, Lilly ist nicht auch gerade dabei.. :klapper:


      Der Monat, in dem Invincible gefeiert wird - Teil I, UNBREAKABLE

      Willa: Diese Woche starten Joie und ich mit einer einmonatigen Serie über das Invincible Album, mit einem genauen Blick auf Unbreakable, ein herausfordernder Kampfschrei, den wir beide lieben und mit wirklich faszinierendem Text

      Joie: Ich liebe Unbreakable. Es ist ein faszinierender Song, mit Lyrics, die dich geradezu anspringen, einfach weil sie wie ein Fenster zu dem sind, wie das Leben für ihn wirklich war.

      Now I’m just wondering, Why you think
      That you can get to me, with anything
      Seems like you’d know by now
      When and how, I get down
      and with all that I’ve been through, I’m still around


      Nun, ich wundere mich nur, dass du denkst,
      dass du mich erreichen kannst, mit irgendetwas
      Scheint als wüsstest du
      wann und wie man mich fertig macht
      und trotz allem, was ich durchgemacht habe, bin ich immer noch da.

      Es scheint, als würde er all die Sneddons, Dimonds, Chandlers - die gesamte Klatschpresse der Welt - ansprechen, und sagen: "Ihr habt alles versucht, aber ich bin immer noch hier, und es gibt nichts, was ihr dagegen tun könnt."

      Willa: Ich stimme dir zu, und mag, wie du es gesagt hast. Viele der Lieder auf Invincible scheinen wirklich Fenster zu sein, zu dem, wie das Leben für ihn wirklich war, und ich erkenne das in Unbreakable. Es ist eine wirklich trotzige Antwort auf alles, was er durchgemacht hat, und besonders fasziniert bin ich von den Zeilen: “You can’t touch me ’cause I’m untouchable.”"Ihr könnt mich nicht berühren, denn ich bin unberührbar."

      In den Kasten Systemen von Indien, Pakistan und anderen Teilen der Welt waren die Unberührbaren (und sind es mancherorts immer noch) die Menschen der untersten Schicht, die am weitesten unten waren von allen. Sie werden als unrein wahrgenommen, so unrein, dass wenn sie dich berühren, sogar wenn sie es nur aus Versehen tun, du selbst auch unrein würdest. Deshalb sind sie "unberührbar" - denn du darfst sie niemals berühren, oder dich von ihnen berühren lassen.
      Als ich in der 6ten Klasse war, freundete ich mich mit einer älteren Frau aus unserer Nachbarschaft an, die zu einer Zeit Ärztin wurde, wo nur wenige Frauen das wurden. Sie verbrachte fast 30 Jahre als Ärztin in Pakistan und Indien, und war eine wirklich unbeschreibliche Person. Ich liebte es, sie zu besuchen, und ihr zuzuhören, und von den Unberührbaren zu hören war für mich das Beeindruckendste. Ich wunderte mich darüber, wie es sein würde, wenn alles was du liebst oder um was du dich sorgst von deiner Berührung verdorben würde. - wie bei König Midas, aber schlimmer. Deine Berührung würde alles unrein machen und nicht in Metall verwandeln.

      So war Michael Jacksons Leben nach den Vorwürfen von 1993. Sein Öffentliches Image wurde so "vegiftet" und so unrein, dass jeder, der ihn unterstütze und jeder Ort, der ihm Unterschlupf gewährte, jedes Projekt, an dem er arbeitete auch davon betroffen waren. Seine Freunde und Familie, sogar seine Fans, wurden von der Presse verlacht, und Lisa Marie wurde fürchterlich behandelt - beinahe so schlecht, wie er selbst behandelt wurde. "What more can I give", ein Lied zur Unterstützung der Opfer von 9/11, wurde dargestellt als ein zynischer Versuch, sein Image anhand einer nationalen Katastrophe aufzubessern. Und seine Bemühungen, Kindern in Not zu helfen, wurden bestenfalls als unangebracht kritisiert und im schlimmsten Fall als zusätzlicher Beweis seiner korrupten Moral gesehen. In anderen Worten, zu der Zeit als Invincible herauskam, war er zu einem Unberührbaren geworden. Keiner in den Medien glaubte, seine Motive seien aufrichtig und rein, und alles, was er berührte war symbolisch verunreinigt nur durch die Verbindung zu ihm.

      Im Refrain von Unbreakable, scheint er das zu erkennen. (You can’t touch me ’cause I’m untouchable”- Du kannst mich nicht berühren, denn ich bin unberührbar), doch dann macht er etwas bemerkenswertes, wie er es in seiner ganzen Karriere immer machte, er nimmt diese Kultur Geschichte und wendet sie von innen nach aussen, schreibt sie komplett neu. "You can’t touch me ’cause I’m untouchable” hört sich nicht nach einem Eingeständnis an. Es hört sich nach einem Statement der Stärke an. Er ist "unberührbar" weil er zu mächtig ist, um berührt zu werden, zu unbesiegbar, um verletzt zu werden. Diese Neudefinition vermittelt er sowohl durch die reine Kraft seiner Stimme, wenn er diese Zeile singt, als auch durch eine zweite, hinzugefügte Zeile, die wie ein Echo der ersten ist, und diese frech betont, in dem sie sagt:

      You can’t touch me ’cause I’m untouchable . . .
      You’ll never break me ’cause I’m unbreakable


      Du kannst mich nicht berühren, denn ich bin unberührbar
      Du kannst mich nicht zerbrechen, denn ich bin unzerbrechlich

      Diese Zeilen singt er 6x im Verlauf von Unbreakable, inklusive 3 mal in Folge am Ende der Aufnahme. Diese Worte sind wichtig, und fassen im Kleinen zusammen, was Jackson in seiner Arbeit immer wieder tat. Er setzt sich selbst mit den Besitzlosen gleich und gibt ihnen eine Stimme - in diesem Fall sind es diejenigen, die als unrein gelten, ausgestoßen, unberührbar (incl. ihm selbst) - indem er die Geschichte, die sie machtlos macht, grundlegend ändert. In diesem Zusammenhang wird sein Schrei "Ich bin unberührbar" zu einer trotzigen Herausforderung für diejenigen, die versuchen, seine Absichten zu verdrehen und ihre übelsten Interpretationen auf ihn zu projizieren.

      Joie: Wow..das haut mich wirklich aus den Socken! Ich habe nie im Zusammenhang mit dem Kastensystem über Unbreakable nachgedacht. Ich las über das Kastensystem in vielen Teilen der Welt, und du hast Recht, es ist zugleich faszinierend und traurig. Aber ich habe nie diesen Song unter dem Gesichtspunkt betrachtet.
      An der Stelle muss ich etwas gestehen. Ich verehre das Invincible Album, ich liebe es sehr, und die meiste Zeit konkurriert es mit Dangerous um den Titel meines Lieblings MJ-Albums. Ich habe beide mehrmals. Es sind die einzigen Michael CDs, von denen ich mindestens 3 Kopien haben muss, eine fürs Auto, eine für den Truck von meinem Mann, eine für den CD Spieler in der Küche, (damit ich beim kochen auch Musik hören kann) Und da sind nichtmal die digitalen Kopien mitgezählt auf meinem PC und I Pod.
      Unnötig zu sagen, dass ich dieses Album sicher eine Million mal angehört habe, und wenn ich Unbreakable höre, hat mich diese Zeile über das "unberührbar sein" zuvor nie so berührt. Ich bin wirklich fasziniert von der Idee, dass er sich mit dieser Zeile mit den Menschen aus der niedrigsten Klasse der Erde identifiziere, und jetzt, wo du es so herausgearbeitet hast, macht es auch Sinn für mich. Eine wirklich gute Beobachtung! Und du hast Recht, wenn du sagst, dass jeder, er ihn unterstützte auch davon betroffen war. Und ich denke als Fans können wir alle bestätigen, dass wir es immer noch zu einem gewissen Grad so empfinden. Dieses Stigma hörte nie wirklich auf. Nicht für uns und bestimmt nicht für ihn und seine Familie.

      Willa: Das ist interessant, weil mich diese Zeile immer in der Art angesprochen hat. Mag sein, wegen diesen Geschichten, die meine Freundin mir damals erzählte, als ich in der 6ten Klasse war, und wegen den starken Parallelen zu seinem Leben in dieser Zeit. Das ist ein Grund, weshalb ich denke, dass es so wertvoll ist Interpretationen seines Werks zu teilen - denn wir alle haben verschiedene Sichtweisen, und wir können soviel gewinnen, wenn wir diese verschiedenen Sichtweisen teilen. Durch meine Konversation mit dir habe ich schon soviel erkannt. Und diese Zeile von Unbreakable, hat in mir immer ein starkes Bild hervorgerufen - von Michael Jackson, der sich für etwas, was er nicht getan hat, schämen musste und als "unberührbar" erklärt wurde, und der es dann als eine Proklamation von Stärke neu geschrieben hat.

      Aber du hast Recht, dieses Stigma hörte nie auf, und die Konsequenzen sind furchtbar, persönlich, beruflich und künstlerisch. Wir sehen Hinweise zu dem Schmerz dieses Stigmas auf Invincible. Es ist, als könne er ihm nie entkommen, und ich weiß wirklich nicht, wie er es so lange aushielt. Es lähmte auch seine Bemühungen, anderen zu helfen, was sehr frustrierend für ihn sein musste. Er war dem Erreichen eines sozialen Wandels leidenschaftlich ergeben, und dem Versuch, denen zu helfen die als Außenseiter deklariert wurden - eine Verpflichtung, die wir seine ganze Karriere hindurch erkennen können, von Ben, seinem ersten Solohit mit 13, bis zum Earth Song, an dem er noch an dem Tag als er starb, arbeitete. Auch wenn er nach 1993 sehr daran gehindert wurde, weil alles was er tat durch eine Linse von Korruption und Unaufrichtigkeit gesehen wurde. 2001 war er zu einem wirklich erstaunlichen Künstler herangereift, und hätte am Gipfel seiner Kreativität sein sollen, aber er wurde eingeschränkt durch diese Vorwürfe. Nicht nur, dass er in der Presse beschimpft wurde, er wurde auch von anderen Künstlern gemieden - sogar seine eigene Record Company zögerte, ihn zu unterstützen.

      Dieser Beitrag wurde bereits 2 mal editiert, zuletzt von maja5809faithkeeper ()

    • Joie: Ich gebe dir Recht und empfinde es so, dass er sich nie ganz von den Vorwürfen von 1993 erholen konnte. Ich frage mich oft, wie seine Karriere ausgesehen hätte, wenn das nie geschehen wäre. Ich meine, er war so ein aussergewöhnliches Talent mit so viel Leidenschaft und Vorstellungskraft, und ich frage mich, welchen erstaunlichen Dinge er in seiner Karriere noch vollbracht hätte - und auch in seinem Leben - wenn die Vorwürfe von 1993 nie stattgefunden hätten. Wie hätte sich seine Kariere entwickelt, wenn er nie fälschlich für diese kriminellen Handlungen beschuldigt worden wäre? Aber ich weiß, diese Gedanken sind sinnlos, denn es ist so passiert, und so ist es jetzt. Aber für Invincible frage ich mich auch, welche Höhen dieses unbeschreibliche Album hätte erreichen können, wenn Sony hinter ihm gestanden hätte und es richtig vermarktet hätte.

      Diesen Monat gibt es eine Aktion von Michaels Fans in der ganzen Welt, das Invincible Album im Oktober auf Platz 1 der Chats zu bekommen. Es nennt sich die"Invincible Kampagne" und ist eine zweigleisige Aktion. Das erste Ziel ist es, das Album auf Platz 1 zu bekommen, zu seinem 10ten Geburtstag, seit seiner Veröffentlichung im Oktober 2001. Und sie zweite Absicht der Kampagne ist es, die Musik dieses Albums wie als Zeichen eines friedlichen Banners während des CM Trials wirken zu lassen, um die Welt daran zu erinnern, dass Michaels Kunst "unbreakable" und "invincible" ist.

      Willa: Es bringt auch Fans und die Öffentlichkeit dazu, von dem Album noch einmal Notiz zu nehmen, weil es bei seiner Veröffentlichung nie die Beachtung fand die ihm zugestanden hätte. Es gibt hierfür eine lange Geschichte, aber das Ergebnis war, dass Sony es nicht richtig vermarktete. Noch schlimmer ist, nach meiner Meinung, dass Sony ihn davon abhielt, die Videos zu schaffen, die er für dieses Album geplant hatte. Ich denke, seine visuelle Kunst war genauso wichtig, wie seine Musik - denn er war in der Lage seine Ideen im Film noch besser auszudrücken, als mit der Musik. - und es ist für ihn und für uns tragisch, dass man diese künstlerische Ausdrucksmöglichkeit beschnitten hat. Kannst du dir das Thriller Album ohne die Billie Jean , Beat it oder Thriller Videos vorstellen? Er machte 10 Videos für das Bad Album, und 9 für Dangerous, und Sony stoppte ihn nach nur 2 Videos für Invincible, sie lehnten es ab, ihn das geplante Video für Unbreakable produzieren zu lassen, und auch alle anderen - eine Entscheidung die ihn wütend machte. (es war nach dieser Entscheidung, dass er seinen Protest in Harlem öffentlich machte.)

      Joie: Michael erschuf wirklich nur ein Video für das Invincible Album, denn er regte sich so über Sony auf, dass er nicht in dem Video für Cry mitspielt. Aber du hast Recht, es war wirklich eine Schande, dass sie ihn nicht unterstützten.

      Willa: Für mich ist diese Entscheidung fast kriminell. Welche große Kunst wurde der Welt vorenthalten, wegen der kurzsichtigen Entscheidung von Sony? Wirklich, Michalangelo hatte eine Vorstellung von einer Skulptur und wollte dafür einen 20 foot Marmorblock - und dann gibt man ihm diesen Marmorblock. Man sagt nicht zu ihm, dass Marmor zu teuer ist. Man gibt ihm alles, was er braucht, um seine künstlerische Vision zu vollenden. Und wenn Michael Jackson ein Video erschaffen wollte, dann tust du alles, was in deiner Macht liegt, das zu unterstützen. Kannst du dir vorstellen, dass der Welt Michelangelos Pieta und David vorenthalten worden wären, weil man ihm den Marmor verweigert hätte, diese zu erschaffen?

      So sehe ich die Entscheidung von Sony.

      -fortsetzung folgt -
    • So sehe ich die Entscheidung von Sony. Ich bin einfach fassungslos, dass sie sich so verhielten - besonders deshalb, weil es ohne Michel Jackson die Sony Musik Abteilung wie wir sie kennen, garnicht gäbe - und ich frage mich wirklich, was er für Unbreakable geplant hatte. Es ist interessant, darüber nachzudenken, besonders weil es ein so fasziniernder Song ist.. Was z.B. ist mit diesen Textzeilen: "You can't believe it / You can't conceive it." (Du kannst es nicht glauben/ du kannst es nicht begreifen/verstehen) Was bedeutet das? Was denkt er. Und hätte er im geplanten Video Hinweise dazu gegeben? - ein Video, dass ihn seine eigene Plattenfirma hinderte, zu machen.

      Joie: Ich stimme völlig mit dir überein. Was ein großer Fehler von Sony, ihren größten Künstler gewissermaßen im Stich zu lassen, und es ist gut zu verstehen, warum Michael dachte, die Firma hätte sich gegen ihn verschworen. Ich meine, sogar der Name des Albums frustrierte ihn. Der Titelsong sollte natürlich Unbreakable werden, aber Sony lies das Cover versehentlich mit dem falschen Titelsong Invincible drucken, und es war zu spät, das zu korrigieren.

      Aber ich möchte auch sagen, dass es zu der Zeit bei Sony anders war als jetzt. Tommy Mottola, der Chef von Sony zu der Zeit war, und der Michael das Leben so schwer machte, ist sein 2003 nicht mehr dort. Seitdem Mottola ging, hatte Sony 3 verschiedene Vorsitzende/CEOs. Es herrschen da jetzt wirklich andere Zustände als damals.

      Die ganze Auseinandersetzung zwischen Michael und Sony wurde eine ziemlich öffentliche Sache, mit Aufrufen zur Verschwörung gegen Sony/ATV, und ich glaube, Michael hatte sehr gute Gründe so zu handeln, wie er es tat. Aber das Ergebnis davon war, dass eine wirklich wundervolle Arbeit von Michael Jackson, in die er viel Zeit investiert hatte, in die er monatelang sein Herz und seine Seele gesteckt hat, nicht beachtet wurde und bei all dieser Verwirrung auf der Strecke blieb. Das Invincible Album ist außerhalb der Fan-Welt fast unbekannt, und es ist eine Schande, dass der Rest der Welt es verpasste, denn auf dieser Platte gibt es einige wirkliche musikalische Juwelen. Deshalb machen Willa und ich es uns im Oktober zur Aufgabe unseren Teil dazu zutun, den 10 Geburtstag von Invincible zu feiern, in dem wir einen Monat lang eine Serie über das Album machen.

      Und ich muss gestehen, dass ich and der Kaufkampagne gestern teilnahm. Ich kaufte noch eine Invincible CD. Aber das mache ich sowieso von Zeit zu Zeit..es ist wie eine Krankheit, ich bin wie besessen von diesem Album.

      Willa: Wie du weißt bin ich nicht die Technik-versierteste Person der Welt, aber ich habe diesen I Pod mit dem ich mich gerade anfreunde. Ich kann jetzt e-mails abrufen und im Net surfen. Aber mein Sohn lacht immer noch über mich, weil ich so zögerlich darin bin, ihn zu benutzen. Er sagte, ich hätte ihn sogar nach dem Kauf erst noch Monatelang in der Schachtel liegen lassen, bevor ich ihn überhaupt mal auspackte. Er beobachtete die Sache und fragte sich, wie lange ich wohl dafür brauchen werde, und schließlich entschied er, ihn für mich auszupacken und in Betrieb zu nehmen, bevor noch die Garantie erloschen wäre. Und das erste, was ich damit bewerkstelligte, war ein Foto von meinem eigenen Auge zu machen. Er findet das alles sehr lustig - diese Situation mit seiner 50jährigen Mutter, die versucht herauszufinden, wie ein I Pod funktioniert. Er lacht sich tot.

      Aber ich habe dieses Teil jetzt seit 10 Monaten, und habe immer noch keine Musik darauf. Deshalb dachte ich mir Invincible runter zuladen - mein erster Download! Und damit möchte ich gleichzeitig diese Kampagne unterstützen. Wünsch mir Glück! Und nächste Woche führen wir unser Gespräch über dieses bemerkenswerte, aber häufig übersehene Album fort.
    • Chat mit Joe Vogel über Earth Song
      29/09/2011

      Joie: Willa und ich sind sehr glücklich, dass sich Joe Vogel uns in dieser Woche anschließt. Wie ihr alle wisst, wird am 1. November sein lang erwartetes Buch Man in the Music erscheinen, und nun geht es um die gedruckte Version seines eBook Earth Song. Danke Joe, dass du dich uns anschließt!

      Also, hier ist das, was ich gern wissen möchte. Warum hast du Earth Song ausgewählt, um separat darüber zu schreiben? Hast du für dich selbst eine spezielle Vorliebe für den Song oder bist du einfach fasziniert von Michaels Vorgehensweise oder wurde es zur Besessenheit, als du für Man in the Music recherchiert hast?

      Joe: Ich habe Earth Song immer geliebt. Die Kraft und Erhabenheit und Leidenschaft des Songs hat mich tief ergriffen. Obwohl, als ich an Man in the Music arbeitete, war ich Michaels Werken so nah, dass viele Songs ganz neue Eindrücke bei mir hinterließen. Earth Song war einer von ihnen. Je mehr ich darüber erfuhr und je mehr ich zuhörte, umso überzeugter wurde ich davon, dass dies Michaels bedeutendster Song war. Er umfasst so viel. Das Rufen und Antworten mit dem Chor ist für mich einer der kraftvollsten Momente in der Musikgeschichte. Jedoch gab es so wenig Anerkennung für diesen Song in den Kritiken. Sehr wenig wurde nur geschrieben, das nicht herablassend und abschätzig war. So wollte ich irgendwie in einer Art darüber schreiben, die seine Power herüberbringt – und ich war aufgeregt über die Aussicht, wirklich ganz nah an einen Song „heranzuzoomen“ und all die Interviews zu machen und mit dieser Konzentration und Tiefe zu recherchieren.

      Willa: Ich hab‘ das geliebt! Der Grad an Detailliertheit, den du bietest, ist wundervoll, und ich liebe die Art, wie dein Buch Einblick in beides gibt, in Earth Song und genauso in Michael Jacksons kreativen Prozess. Du beginnst dein Buch damit, wie sehr unsere Welt in Gefahr ist und mit der Beschreibung von ihm, wie er diese Gefahr als einen fast körperlichen, wortlosen Schmerz empfindet – und dann zeigst du, wie er beginnt, diese grundlegenden Gefühle in seine Musik zu lenken und zu formen. Kannst du uns mehr über diesen Prozess und einige der Schlüsselmomente erzählen, darüber wie Earth Song zu dem wurde, wie wir ihn heute erleben?

      Joe: Sicher. Ich denke, zuerst einmal, bietet der Prozess des Earth Song ein großes Spektrum dazu an, wie Michael als Künstler funktioniert hat. Das ist es, was mir so viel Spaß beim Schreiben bereitet hat. Du beginnst, Verbindungen herzustellen, fügst Teile zusammen. Zum Beispiel sprach ich mit Matt Forger über dieses ursprüngliche Konzept von Earth Song als Trilogie (mit einem Orchesterteil, dem Song selbst und einem gesprochenen Poem); nachdem ich das wusste, kam ich zurück zu Bill Bottrell, um herauszufinden, wer der Komponist war, mit dem Michael zusammengearbeitet hat und wie es klang; Bill führte mich zu Jorge del Barrio, der wie ich daraufhin erfuhr, mit Michael genauso an Songs wie Who Is It und Morphine gearbeitet hat. Durch del Barrio bekam ich einige wunderbare Einblicke in das Konzept und Gefühl, das Michael erreichen wollte und wie es entstand, Du sprichst also verschiedenartige Menschen an, und alle möglichen neuen Verbindungen entstehen: Neue Details, neue Blickwinkel. Und du erfährst, wie gewissenhaft und gedankenvoll Michael mit seinen Werken umgeht. In Interviews neigte Michael dazu, nur sehr vage über seinen kreativen Prozess zu reden, aber was Earth Song enthüllt, ist, wie besessen er mit jedem Detail seiner Arbeit umging, vom Beginn den ganzen Weg bis zum finalen Mix. Er umgab sich mit großen Talenten, aber es war seine schöpferische Vision und sein Perfektionismus, der seine Projekte antrieb.

      Willa: Du hast etwas beleuchtet, das mich wirklich umgehauen hat, als ich dein Buch las. Du zeigst, dass er technisch sehr versiert war und involviert in den tatsächlichen technischen Prozess, den Earth Song zu erschaffen – dass er in jede Stufe des Prozesses eingebunden war. Aber in Interviews blieb er vage in seinen Aussagen darüber, wie du sagst, und distanzierte sich auf eine Art selbst von diesem Aspekt, lenkte den Blick mehr auf Inspiration und wie empfänglich er dem Song gegenüber war. Er sagte in zahlreichen Interviews, dass die Musik einfach zu ihm komme und „in seinen Schoß falle“. Du schreibst in deinem Buch, dass er oft erzählte, er würde „die Musik sich selbst erschaffen lassen“, und du hast dies zurückgeführt auf eine Aussage von John Lennon, die er für sich selbst als Erinnerung mitführte, während er an Earth Song arbeitete:

      „Wenn die wirkliche Musik zu mir kommt, die Musik der Sphären, die Musik, die den Verstand übertrifft – das hat mit mir nichts zu tun, denn ich bin nur der Kanal. Die einzige Freude für mich ist, dass es mir gegeben wurde und es wie ein Medium umzusetzen … Das sind die Momente, für die ich lebe.“

      Wenn ich diesen Abschnitt deines Buches lese, denke ich sofort an die Romantiker. Wenn wir uns Auszüge ihrer Gedichte ansehen, bearbeiteten sie sie und waren tatsächlich sehr wissend und in das Handwerk des Erschaffens der Poesie eingebunden, Sie waren sachkundige Wortschöpfer. Aber wie Michael Jackson waren sie sehr zurückhaltend, darüber zu reden. Sie zogen es vor, über das Erschaffen von Poesie als einem Akt von Inspiration zu sprechen eher als von Handwerk und tendierten dazu zu sagen, sie wären bloß Schreiber – nur die Worte niederschreibend, die einige schöpferische Impulse, größer als sie selbst, durch sie ausdrücken würden – eher als Schöpfer, welches ein Gedanke ist, den Michael Jackson wiederholt ausdrückte. In der Tat kämpfte er irgendwie darum, dies auszudrücken während der Aussage für den Plagiatsfall für Dangerous 1994, als er sagte, er schreibe alle seine Songs selbst, aber in einer Art täte er es auch nicht – sie kämen einfach zu ihm.

      Ich weiß, Du hast die Romantiker studiert, also weißt du viel mehr darüber als ich. Ich fragte mich, ob du ein bisschen was über dieses Ideal des Künstlers der Romantik sagen kannst, der bloß empfangende Kanal zu sein, durch den die Kreativität durchfließt, eher als ein Schöpfer, und wie dies zwei Jahrhunderte später von John Lennon und Michael Jackson reflektiert wird.

      Joe: Eine hauptsächliche Metapher in der Romantischen Dichtung ist die Windharfe: Wenn der Wind bläst, kommt die Musik. Du kannst es nicht erzwingen. Du musst darauf warten.

      Willa: Das ist wunderschön.

      Joe: Michael glaubte ganz stark an dieses Prinzip. Es muss gesagt werden, Michael war ohne Frage ein technischer Meister. Er veröffentlichte kaum Werke in Rohfassung. Eine andere Metapher, die er gern heranzog, um seinen Schaffensprozess zu verdeutlichen ist Michelangelos Philosophie, dass in jedem Stück Marmor oder Stein „eine schlafende Form“ verborgen ist. Sein Job als Künstler ist es dann, ihn zu behauen, zu formen und zu polieren, bis er das Verborgene befreit hat. Also erfordert es viel ausführende Arbeit. Du kannst vielleicht eine Vorstellung darüber haben, wie es aussehen sollte, aber um während des ganzen Prozesses im Einklang damit zu sein, musst du hart arbeiten, um es zu realisieren.

      Willa: Was für ein wundervolles Bild! Ich mag den Gedanken der „schlafenden Form“, und es macht wirklich deutlich, wie sehr der Erschaffensprozess beides benötigt, Inspiration und technisches Know How. Die Idee des Songs offenbart sich ihm und erschafft sich selbst, wie Michael zu sagen pflegte, jedoch erfordert es die Fähigkeit und Hingabe eines Handwerkers, um ihn zu „befreien“.
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    • Joie: Joe, in deinem Buch sprichst du über die Absurdität der Tatsache, dass Earth Song niemals als Single in den USA veröffentlicht wurde, sogar obwohl Michaels vorangegangene Single You are not alone als Nummer Eins debütierte. Und trotzdem wurde Earth Song in anderen Teilen der Welt nicht nur als Single veröffentlicht, sondern direkt Nummer Eins in 15 Ländern. Ich stimme dir zu, wenn du sagst, es sei aufschlussreich, dass die Entscheider nicht das Gefühl hatten, das „Land des Überflusses“ würde einen Song tolerieren können mit solch einem „Blick in dein Gesicht“ gegenüber dem menschlichen Befinden. Aber, ich glaube, diese Entscheidung war ein Riesenfehler. Ich denke, wäre es hier veröffentlicht worden, es wäre sehr gut gelaufen. Trotz der verächtlichen Beurteilungen, die es bekam, ist es ein Song, der schwerlich ignoriert werden kann, und ich denke, es hätte bedeutende Radiospielzeiten bekommen, wenn es den Stationen angeboten worden wäre.

      Joe: Du könntest recht haben. Es ist schwer zu sagen. Auf der einen Seite hatte Michaels Popularität in den USA wegen der Anschuldigungen 1993 abgenommen. Aber seine ersten zwei Singles erreichten die Top 5. Es ist seltsam, wie schnell Sony sich für das Album verbürgte nach dem Start der Singles. Es wäre schön gewesen, wenn dem Song wenigstens eine Chance mit den amerikanischen Hörern gegeben worden wäre.

      Joie: Ich liebe die Art, wie du Earth Song mit John Lennons Imagine vergleichst, indem du sagst, beide bitten den Zuhörer, sich mehr um die Welt zu sorgen, die wir haben, als von einem Leben nach dem Tod zu träumen. Aber kannst du ein bisschen was über deine Feststellung sagen, dass Imagine für den Durchschnittshörer eher „genießbar“ ist als Earth Song?

      Joe: Gut, Imagine ist ein absolut schöner Song, der ebenso umtriebig ist. Weil er so angenehm ist und eine solche Nostalgie heraufbeschwört, realisieren viele Leute dagegen einfach nicht, was er tatsächlich sagen will. Er ruft zur Revolution auf, aber er wird einvernehmlich in Zahnarztpraxen und Kaufhäusern gespielt. Also wird der Eindruck von ihm auf gewisse Weise abgestumpft. Wenn er am Neujahrsabend auf dem Times Square in New York gespielt wird, wirkt er wie eine Art Wohlfühlhymne. Daran ist nichts Falsches. Tatsächlich denke ich, dass Man in the mirror sehr ähnlich ist in der Art des Tons und des psychologischen Effektes. Aber Earth Song ist anders. Er hat eine andere Dringlichkeit und Intensität. Stell dir vor, Earth Song würde am Neujahrsabend mit voller Lautstärke aus den Lautsprechern schmettern. Noch besser, stell dir Michael vor, wie er damit auftritt. Die Zuhörer würden wahrscheinlich in Erstaunen versetzt werden. Der Song wurde nicht gemacht, damit die Leute sich wohlfühlen; er wurde gemacht, das Bewusstsein der Menschen anzupieksen, die Leute aufzuwecken.

      Joie: Was mich einmal mehr fragen lässt, wie es aufgenommen worden wäre, wenn es eine ordentliche Promotion und das Abspielen über Radiostationen in den USA erfahren hätte.

      Willa: Und dass das hier nicht funktioniert hat, sagt auch etwas Wichtiges aus, denn es hat in vielen anderen Ländern funktioniert.

      Joe: Große, prophetische Kunst wird oft abgelehnt oder in seiner Zeit missverstanden. Dafür gibt es so viele Beispiele, von Blake über Van Gogh zu Tchaikovsky und Picasso. Michael war ein Studierender der Geschichte und Kunst, und er hat das verstanden. Er war selbstsicher darin, dass die Werke, die er erschuf, die Zeit überdauern würden. Earth Song ist ein Song, der in der ganzen Welt extrem populär war und weiter sein wird. Aber letztlich war es ein Song, der gegen den Strom ging – also macht der Widerstand der Firmenmachthaber, Kritiker und anderer Gatekeeper Sinn.

      Joie: Also gut, ich danke dir, dass du uns begleitet hast und mit uns über Earth Song gesprochen hast.

      Joe: Ich danke euch, mich eingeladen zu haben. Es war mir eine Freude, und mir gefällt die ganze Idee des Dancing with the Elephant als einem Ort für gedankenvolle Diskussionen über Michael Jackson wirklich sehr.

      Joie: Danke. Willa und ich haben eine großartige Zeit damit! Ich bin neugierig darauf, was wir als nächstes von Joe Vogel erwarten dürfen, nun, da dass Erscheinungsdatum für Man in the Music gerade um die Ecke kommt und Earth Song ebenfalls auf dem Weg ist, in Buchform zu erscheinen. Hast du irgendwelche Pläne für Büchersignierungen oder auf andere Art, in Erscheinung zu treten?

      Joe: Ich arbeite mit meinem Agenten und Publizisten an all den Plänen bezüglich der Promotion für Man in the Music und ich werde in den kommenden Wochen klarere Gedanken dazu haben. Es wird geschäftig werden, aber ich bin aufgeregt, dass die Leute endlich das lesen werden, an dem ich all diese Jahre gearbeitet habe.

      Joie: Gut, ich habe die Vorab-Kopie, die du dem MJFC überlassen hast, regelrecht verschlungen, ich weiß, die Fans werden es lieben. Es ist ein wirklich wundervolles Buch! Gibt es irgendwelche Schreibprojekte, an denen du zur Zeit arbeitest?

      Joe: Ummmm… Ich habe immer einen Haufen Projekte in Arbeit. Ich kann aber noch nicht sagen, welche ich verwirklichen werde. Man in the Music und Earth Song könnte es für mich in Sachen Michael Jackson Bücher gewesen sein. Aber wir werden sehen. Es gibt viele praktische Berücksichtigungen, die es schwierig machen, aber es ist schwer zu widerstehen „wenn der Wind bläst“.

      Willa: Also, wir haben es wirklich genossen, mit dir zu reden. Und wenn irgend jemand sich uns bei dieser Unterhaltung anschließen will, Joe wird diese Woche auf unserer Kommentarseite vorbeischauen, so dass ihr Fragen oder Kommentare für ihn posten könnt.


      The truth must dazzle gradually
      Or every man be blind
      Emily Dickinson
    • Celebrating Invincible – Part 2
      13/10/2011

      Willa: Vor einigen Wochen besuchte Pamela unseren Blog und postete diesen Kommentar:

      Ich glaube, immer wenn Michael einen Song über eine Frau schrieb, dann meinte er mit der Frau uns, die Fans. Ich denke, er verstand die Liebesbeziehung, die wir füreinander hatten (die Fans und Michael) … Ich fühlte, er sah uns, die Fans, als einzelne Beziehung, und das war seine Inspiration. Wenn du seine Songs verfolgst kannst du begleitend zu den wichtigen Vorkommnissen in seinem Leben die Gefühle, über die er schreibt, dahingehend verfolgen, wie er in jener Zeit über die Gefühle der Fans ihm gegenüber dachte.

      Ich finde, dies drückt sehr schön das aus, was Joie und ich genauso gefühlt haben: dass Michael Jacksons Liebeslieder als Romanze mit einer Frau interpretiert werden können, aber auch metaphorisch die fortlaufende „Liebesaffäre“ zwischen ihm und seinem Publikum beschreiben.Wenn man es auf diese Art sieht, dann fällt es auf, dass Invincible so viele Songs über unerwiderte und nachlassende Liebe enthält. Von Heartbreaker und Invincible in der donnernden Eröffnungstrilogie mit ihren Geschichten über kaltherzige Frauen, die sich nicht um ihn kümmern oder die ihm keine Chance geben bis hin zu dem lyrischen Don’t Walk Away und Whatever happens und ihrer schmerzlichen Darstellung einer schwierigen, nachlassenden Liebesbeziehung, Invincible ist voll von Songs unerfüllter Liebe.

      Joie: Willa, du weißt, bevor ich M Poetica gelesen habe, habe ich niemals wirklich viel Zeit damit verbracht, über Michaels Liebeslieder in Bezug auf seine Beziehung zu seinen Fans nachzudenken. Ich meine, es war immer irgendwie einfach da, unter der Oberfläche. Aber ich habe niemals vorher in dieser Tiefe darüber nachgedacht, bevor du und ich seine Arbeiten in dieser ernsthaften Art diskutiert haben. Und nun, da ich mich immer mehr darauf konzentriere, ist es erstaunlich, wie es dich geradezu anspringt.

      Zum Beispiel, wenn du Don’t Walk Away zuhörst, dieser Text trifft mich teilweise als dermaßen bedeutungsvoll, wenn man ihn durch diese Linse von Michael und seinem Publikum betrachtet:

      Geh nicht weg
      Sieh, ich weiß einfach nicht, wie ich es richtig ausdrücken soll
      Ich hab es versucht, aber mein Schmerz steht mir immer im Weg
      Sag mir, was muss ich tun, damit du bleibst,
      Soll ich auf die Knie gehen und beten
      Wie kann ich es stoppen, dich zu verlieren
      Und wie kann ich anfangen, zu bleiben
      Wenn nichts mehr bleibt, als zu gehen
      Ich schließe meine Augen
      Es einfach zu versuchen und dich noch ein weiteres Mal lächeln zu sehen
      Aber es ist so lange her, nun kann ich nur noch weinen
      Können wir nicht ein wenig Liebe finden, um dies wegzunehmen
      Denn der Schmerz wird jeden Tag stärker

      Es ist, als würde er uns – das Publikum – bitten, ihm zu erzählen, wie er es in Ordnung bringen soll. Er fragt uns nicht, was schiefgelaufen ist; er ist sich der Probleme bewusst, die diese Beziehung über die Jahre austragen musste. Aber er möchte es nicht zu Ende gehen lassen. Diese Beziehung ist sehr wichtig für ihn, und er will daran arbeiten: „Kannst du nicht sehen, ich will nicht weggehen“, singt er. Er muss nur wissen, wie er es machen soll. Er findet es so nicht heraus, er fragt uns. „Wie kann ich es stoppen, dich zu verlieren?“

      Willa: Oh Himmel, Joie, diese Zeilen sind so herzzerreißend für mich, besonders jene letzte „Denn der Schmerz wird jeden Tag stärker“. Und für mich ist es keine Entweder-Oder-Entscheidung von ‚Er spricht über eine Romanze‘ oder ‚Er spricht über sein Publikum‘ – es ist beides, gleichzeitig. Es funktioniert als Geschichte über eine nachlassende Liebesbeziehung mit einer Frau und als die schwierige „Liebesbeziehung“, die er mit uns, seinem Publikum hat, wie Pamela es beschreibt.

      Und als er singt „Wie soll ich das verstehen … warum sind alle meine Träume zerbrochen?“ Ich kann mir nicht helfen, aber ich denke an die Nachwirkungen der Anschuldigungen 1993 und wie zerstörerisch das war, für beide, für ihn persönlich und für seine Beziehung zu seinem Publikum. Ich kann mir vorstellen, dass es viele Zeiten gab, in denen er das Gefühl hatte, dass die Dinge so schlimm geworden sind, dass ihm wirklich „nichts mehr übrig blieb, als zu gehen“. Aber er tat es nicht. Er hat weiter versucht, dass es funktioniert.

      Joie: Es zerbricht mir einfach das Herz! Und was es in meinen Gedanken so schmerzlich macht sind diese Zeilen: „Ich schließe meine Augen / Es einfach zu versuchen und dich noch ein weiteres Mal lächeln zu sehen / Aber es ist so lange her, nun kann ich nur noch weinen“. Das zerreißt mich einfach. Wie viele Male haben wir ihn sagen hören, dass er die Menschen einfach zu glücklich machen will? Dass er es liebt, mit seiner Musik ein Lächeln in das Gesicht der Menschen zu zaubern? Das war es, was für ihn zählte – uns glücklich zu machen. Aber irgendwo auf dem Weg hat er uns verloren; und er hat das erkannt, und er wollte das in Ordnung bringen. Aber er wusste nicht, wie. Es ist so, als ob er nicht verstand, was es ist, das wir von ihm wollen. Was sollte er tun, damit das Publikum ihn wieder liebt?

      Herzzerreißend. Teilweise, weil das Publikum, zu dem er singt – oder wenigstens die, die ihm noch zuhören – schon fest an seiner Seite sind. Wir haben ihn nie verlassen; wir haben nie aufgehört, ihn zu lieben. Aber dieser Song ist wirklich an uns gerichtet – die Fans. Mit dem Publikum sind andere gemeint – jene, die weggefallen sind, als die Dinge unbequem wurden (sie wissen, wer gemeint ist), jene die begierig teilgenommen haben am MJ-Bashing (die Medien), und jene, die auf den Zug aufgesprungen sind, weil sie dafür einen Lacher oder zwei bekommen haben (Late Night Comedians, Talk Show Gastgeber, u.a.). Das sind die Leute, zu denen er diesen Song wirklich singt. Und, wie immer bei der allgemeinen Öffentlichkeit, traf seine Bitte auf taube Ohren. Niemand hörte seine Schreie außer uns – den Fans.

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      Emily Dickinson
    • Willa: Es ist wirklich herzzerreißend, und Joie, ich finde, was du gesagt hast, ist so wichtig. Wirklich, ich denke, du legst deinen Finger auf ein entscheidendes Thema auf diesem Album. Ich habe heute Nachmittag all diese Songs über verlorene Liebe auf Invincible gehört und plötzlich fiel mir das immer wiederkehrende Thema auf, dass er unfähig ist, sich auszudrücken – oder auch unfähig überhaupt zu sprechen, oder in einer Art zu sprechen, die etwas bewirken würde. In jedem dieser Songs ist die Rede von einem Missverständnis oder einer anderen Barriere, die das Paar auseinanderbringt oder sie davon abhält, zusammenzukommen. Er will verzweifelt „diese Mauern niederreißen“ (tear down these walls), so dass sie die Wahrheit sehen wird und sie wieder vereint sein werden, aber entweder kann er nicht sprechen oder er findet nicht die richtigen Worte, damit sie ihm zuhört. Der Titelsong Invincible beginnt mit diesen Zeilen:

      Wenn ich diese Mauern niederreißen könnte, die dich und mich trennen
      Ich weiß, ich könnte dein Herz wiedererlangen und unsere vollkommene Liebe würde beginnen

      Aber entweder er kann sich nicht in einer Art ausdrücken, die sie versteht oder sie hört ganz einfach nicht zu:

      Nun habe ich dir schon viele Male von all den Dingen erzählt, die ich tun würde,
      Aber wie es aussieht, kann ich dich nicht erreichen, so sehr ich es auch versuche

      Er erzählt uns dies wiederholt im Refrain „Sogar wenn ich bitte und bettele, sie ist unbesiegbar (unerbittlich?)“, was genau das bestätigt, was du gesagt hast: „Wie immer bei der allgemeinen Öffentlichkeit, traf seine Bitte auf taube Ohren“.

      Wir sehen eine ähnliche Situation in Butterflies. Er versucht, eine Frau für sich zu gewinnen, aber er kann nicht sprechen, und sie hört auch gar nicht zu. Es beginnt mit diesen Zeilen:

      Alles was du tust ist wegzugehen und mich zurückzulassen
      Mein Lächeln nicht anzuerkennen, wenn ich versuche, Hallo zu dir zu sagen
      Und alles was du tust, ist meine Anrufe nicht zu beantworten
      Wenn ich versuche dich zu erreichen
      Das lässt mich weiter fragen warum, und alles was ich tun kann ist seufzen

      Also noch mal, er kann seine Gedanken und Gefühle ihr gegenüber nicht ausdrücken – „alles was ich tun kann ist seufzen“. Wie du vorher schon bemerkt hast, beginnt Don’t Walk Away mit diesen Zeilen:

      Geh nicht weg
      Sieh, ich weiß einfach nicht, wie ich es richtig ausdrücken soll
      Ich hab es versucht, aber mein Schmerz steht mir immer im Weg
      Sag mir, was muss ich tun, damit du bleibst,
      Soll ich auf die Knie gehen und beten

      Dieses Mal kann er sprechen, aber nicht auf eine Art, die sie versteht – „Ich weiß einfach nicht, wie ich es richtig ausdrücken soll“ – also betet er stattdessen leise.

      Er wiederholt diesen Gedanken in Whatever happens, ein wahrhaft schöner Song, den ich einfach liebe. (Ich spielte diesen Song immer wieder und wieder, während ich M Poetica schrieb. Dieses Buch zu schreiben brachte mich wirklich an einige dunkle und unbequeme Orte, und dieser Song half mir dadurch. Ich spielte einfach immer wieder diesen wunderbaren Refrain – „Was immer auch passiert, lass meine Hand nicht los“ – und er singt es so schön.) Whatever happens erzählt die Geschichte eines Paares, das durch schwierige Umstände in seinem Leben auseinandergerissen wurde, und wieder einmal sind seine gesprochenen Worte wirkungslos. Alles was er tun kann, ist beten – mit anderen Worten zu einer höheren Macht zu sprechen, da er nicht mit ihr reden kann – und hoffen, dass seine Botschaft sie auf diesem Weg erreicht.

      Alles wird in Ordnung sein, versichert er ihr
      Aber sie hört nicht ein Wort, das er sagt
      Geistesabwesend, sie fürchtet sich …
      Er weiß nicht was er sagen soll, also betet er
      Was immer auch passiert, lass meine Hand nicht los

      Immer und immer wieder in diesen Songs sehen wir dieselbe Situation des Protagonisten, der unfähig ist, Verbindung zu der Frau, die er liebt, zu erlangen, weil er nicht sprechen kann und sie ihn nicht hören kann – was genau seine Beziehung zur Öffentlichkeit zu jener Zeit beschreibt. Er „weiß nicht die richtigen Worte zu sagen“ und „sie hört kein Wort von dem, was er sagt“. Das ist ziemlich ironisch, denn er ist ein erstaunlicher Songschreiber, und es ist überhaupt nicht so, dass er sich nicht ausdrücken kann. In der Tat ist es so, dass er sehr wortgewandt dabei ist, seine Sprachlosigkeit zu beschreiben. Allerdings spielt es auch gar keine Rolle, wie eloquent er ist, wenn sein Publikum ihm nicht zuhört oder alles, was er sagt, falsch interpretiert.

      Und dann, mitten zwischen all diesen Songs des stummen Leidens, ist da Speechless, ein wunderschöner Ausdruck von Liebe und Freude. Der gesamte Song handelt von seiner Unfähigkeit zu sprechen – wie der Titel schon sagt, er ist „sprachlos“ – aber dieses Mal ist es etwas komplett Anderes. Er ist sprachlos vor Freude. Und obwohl er sprachlos ist, versteht sie ihn und liebt ihn sowieso.

      Joie: Willa, ich bin sprachlos! Bis zu dieser Unterhaltung hab’ ich dem gar keine Beachtung geschenkt, dass das so viele Songs auf diesem erstaunlichen Album sind, die in das Schema der parallelen Geschichten passen – ein Mann und seine Geliebte / Michael und sein Publikum. Oder die dieses wiederkehrende Thema haben, nicht fähig zu sein, mit der Person, die man liebt, kommunizieren zu können (oder sich mit seinem Publikum zu verbinden). Nun muss ich noch mal von vorne anfangen und all diese Songs mit ganz neuen Ohren hören!

      Aber, ich liebe, was du über Speechless sagst und ich glaube, hier gibt es einen anderen Grund für seine Sprachlosigkeit, denn, wieder einmal ist hier sein Zielpublikum ein anderes. Zuerst einmal, ich glaube ganz sicher, dass dieser Song nicht von einer romantischen Beziehung handelt, sondern über das Wertvollste in Michaels Leben – seine Kinder. Also, das ist die erste Geschichte hier. Aber parallel dazu, die metaphorische Geschichte ist, dass er zu einem ganz speziellen Publikum spricht. Jene spezielle Gruppe von Menschen, die mit ihm durch Dick und Dünn gegangen sind; die Millionen von Menschen, deren Unterstützung und Liebe ihn auch umgeben haben, wenn die Dinge hässlich wurden. Er spricht hier zu seinen Fans, und er ist dermaßen bewegt von ihrer tiefen Liebe, dass er nicht sprechen kann. Das ist der Grund dafür, dass sie ihn sowieso versteht – weil sie (die Fans) ihn wirklich bedingungslos liebt / lieben, und dies immer getan haben. Sie versteht, was er fühlt, obwohl er das nicht in Worte fassen kann.

      Willa: Weißt du, wenn du das Gefühl hast, Speechless sei ein Song über seine Kinder, das erinnert mich an etwas, was Randy Taraborrelli in seiner Biographie geschrieben hat. Er führte ein Telefoninterview mit Michael, glaube ich, und Michael Jackson erzählte ihm, dass Speechless zu ihm kam, während er mit einer Gruppe von Kindern spielte. Und natürlich, Kinder sind annehmender als Erwachsene. Sie müssen nicht immer alles mit Worten erklärt bekommen – eine Umarmung funktioniert auch. Also thematisch passt das auch.

      Joie: Gut, ich liebe diesen ganzen Monat des Invincible Feierns und ich hoffe, die anderen auch. Nächste Woche werden wir über Michael Jacksons stimmliche Bandbreite reden und darüber, dass ihm oft nicht die Würdigung zuteil wurde dafür, was für ein wahrhaft talentierter Sänger er war – etwas, was das Invincible Album perfekt beleuchtet!


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    • Celebrating Invincible – Part 3 – Diese erstaunliche Stimme
      20/10/2011

      Joie: Ich bin Michael Jackson Fan buchstäblich solange ich denken kann. Michael war eine Konstante in meinem Leben seit meinen ersten Erinnerungen im Alter von drei Jahren. Er war einfach immer da. Und ich kann mich erinnern, absolut fasziniert vom Klang seiner Stimme gewesen zu sein. Ich hab’ sehr lebendige Erinnerungen daran, auf dem Fußboden in unserem Haus vor sehr großen Lautsprechern zu sitzen, als ich sieben oder acht Jahre alt war, ein Album Cover in der Hand, während ich konzentriert zuhörte, wie er zu mir sang. Jeden Tag habe ich Stunden dort allein verbracht – nur ich und die Stereoanlage und meine Alben – die Lautstärke so hoch wie es ging, bis mein Vater rufen würde, ich solle sie leiser drehen, bevor die Lautsprecher platzten. Da war einfach irgendetwas in dieser Stimme, das mich gefangen nahm, und ich bin mein ganzes Leben fasziniert geblieben.

      Michael wird immer als musikalisches Genie verehrt; seine elektrisierenden Life Auftritte, seine der Schwerkraft trotzenden Tanzbewegungen und seine astronomischen Verkaufsrekorde werden gepriesen. Aber sehr oft schien seine verblüffende Stimme einen der hinteren Plätze dem allen gegenüber einzunehmen, und das habe ich niemals wirklich verstanden, denn er ist wahrlich einer der am meisten talentierten Sänger, die sich immer an die Regeln gehalten haben, und Invincible ist das perfekte Album, darüber zu sprechen, wenn man seine stimmliche Bandbreite beleuchten will.

      Michaels langjähriger Vocal Coach Seth Riggs erklärte einmal, dass Michael einen außergewöhnlich weiten Stimmumfang hat. Riggs beschreibt ihn als hohen Tenor oder Countertenor mit einem Umfang von 3,6+ Oktaven. E2 bis B5 oder 44 Noten Mitte der 1980er Jahre. Und in den 1990ern sagte Riggs, dass der Umfang sich auf 4 Oktaven ausgedehnt habe, der es ihm erlaubte, einige zusätzliche tiefere Noten zu erreichen, während die höchsten bestehen blieben. Und das war, bevor er Falsett anwandte – eine Technik, die von männlichen Sängern benutzt wird, um Noten zu erreichen, die außerhalb ihres (normalen) Stimmumfangs liegen. Addiere dazu noch die Tatsache, dass Michael außerdem die Fähigkeit besitzt im Staccato zu singen, komplexe Rhythmen in perfektem Timing.

      Nun, ich bin kein Studierender seiner Stimme, keineswegs. Aber was all dieser technische Hokuspokus mir sagt, ist, dass Michael Jackson einen unglaublich vielseitigen Stimmumfang hat und dies mit fortschreitendem Alter immer besser wurde. Und sein umfangreiches Schaffenswerk - Invincible im Besonderen - ist Beweis dafür. In der Tat, das ist die Sache, die ich am meisten an diesem wundervollen, unglaublich unterschätzten Album liebe: die Tatsache, dass es dem Zuhörer die Möglichkeit gibt, Michaels gesamten stimmlichen Umfang zu hören, vom geschmeidigen Falsett in Butterflies bis zum überraschend reichen Bariton in 2000 Watts.

      Willa: Ich bin sicherlich auch kein Experte dafür. Tatsächlich weiß ich nur sehr wenig über technische Aspekte des Singens und der Musik, aber es gibt ein interessantes YouTube video , das einem eine Vorstellung seines Stimmumfangs vermittelt. Und offenbar war diese Bandbreite der Stimme kein Zufall. Ich meine, ein Teil davon war reines angeborenes Talent, wie wir bei Songs hören können, die er als Kind gesungen hat. Ain’t no Sunshine haut mich um. Aber es gibt nur wenige Sänger – speziell Popsänger – die so sachkundig und hingebungsvoll ihre Stimme pflegten und verbesserten.

      Joie: Nein, das war kein Zufall, da hast du Recht. Er arbeitete unermüdlich daran, dieses gottgegebene Talent zu erhalten und zu perfektionieren.

      Willa: Das ist wahr. In den 1980er Jahren gab es die Geschichte in den Medien, er würde in einer Sauerstoffkammer schlafen (dem ersten der vielen Medien-Hoaxes) und jemand befragte seine Schwester Janet darüber. Sie sagte, sie hätte nirgends diese Sauerstoffkammer gesehen, aber wenn er eine benutzen würde, hätte das sicherlich etwas mit seiner Stimme zu tun. Er war einfach fanatisch dabei, seine Stimme zu pflegen. Und Will.i.am erzählt eine Geschichte, wie er mit ihm im Studio gearbeitet hat. Sie hatten gerade einen Song abgeschlossen, entschieden dann aber, dass sie noch ein kleines fünf Sekunden langes Stück seiner Stimme einfügen müssten. Will.i.am sagt, er hätte eine Stunde lang seine Stimme aufgewärmt, damit sie vollkommen „geöffnet“ sei für die Aufnahme der fünf Sekunden. Will.i.am sagt, er konnte es nicht glauben, aber natürlich, während die Aufnahme dieses kleinen Segments weniger als eine Minute Zeit benötigte, würde es doch für ewig Teil dieses Songs sein, und er wollte, dass es einfach bestmöglich wird.

      Und er hatte eine erstaunliche Bandbreite seiner Stimme, nicht nur in der Höhe, sondern genauso auch in der Struktur. Da gibt es Momente, wo seine Stimme für mich so wunderschön klingt, einfach so unglaublich schön. Aber dann gibt es auch noch Privacy, wo seine Stimme ganz und gar nicht schön ist. Tatsächlich ist sie rau und kratzig, fast schroff. Mein Sohn macht Geländelauf, und so klingt seine Stimme nach einem richtig schweren Lauf – wirklich rau und zerrissen. Es erinnert mich an diesen Ausdruck einer „vom Laufen zerrissenen“ Stimme, er ist so schwer gelaufen, bis seine Stimme zerrissen ist. Und so klingt Michael Jacksons Stimme in Privacy, als wäre er vom Wegrennen zerrissen vor der Presse und den Paparazzi. Und natürlich unterstützt das die Bedeutung des Songs. Ich bin immer wieder fasziniert von seinen Ideen und den vielen Techniken, die er nutzt, um seine Gedanken zu vermitteln, und in diesem Fall vermittelt er die Bedeutung nicht nur durch die gesungenen Worte, sondern auch durch die Struktur seiner Stimme, wie er jene Worte singt.

      Joie: Das ist sehr wahr, Willa. Er war wirklich großartig darin, seine Stimme der Übermittlung einer bestimmten Stimmung und einem Gefühl anzupassen. Seine Stimme war wirklich sein Instrument, und er war ein Meister damit. Sein Stimmumfang war so vielseitig und gleichzeitig doch so unverwechselbar. Bei Butterflies zum Beispiel ist seine Stimmausführung so kristallklar und schön, sie gleitet ohne Anstrengung vom weichen Tenor der ersten Strophe zum süßen Falsett, das wir alle in der zweiten Strophe so lieben. Seine Stimme in diesem Song trieb Butterflies mit Hochgeschwindigkeit auf Platz 13 der Billboard Hot 100 Charts und auf Platz 2 der Hot R&B Hip Hop Singles Charts. Und das war alles nur durch das Radio, da Sony sich weigerte, es als offizielle Single zu veröffentlichen. Er wiederholt diesen Tenor mit dem Übergang zum Falsett im nächsten Song Speechless, in dem seine magische Stimme bis in einen aufgebauten Höhepunkt steigt. Aber der a cappella Abschnitt, der das Stück eröffnet, gibt wirklich den reinen, unschuldigen Ton für den ganzen Song an – noch einmal, er nutzt die Qualität seiner Stimme, um die Stimmung, in der er ist, zu vermitteln.

      Willa: Absolut, und das ein ganz tolles Beispiel. Du weißt, man braucht viel Mut, um seine innersten Gefühle so zu offenbaren und ehrlich und verletzlich sein zu lassen, und Michael Jackson hatte diese Art von Mut. Es war eins der Dinge, die mich vor so vielen Jahren zu ihm hingezogen haben, seit ich als kleines Mädchen zum ersten Mal Ben gehört habe, und wir erleben diese Ehrlichkeit und Verletzlichkeit in dem a cappella Intro zu Speechless. Dann beginnen die Geigen und die anderen Instrumente und der Chor und es wird unglaublich opulent und schön. Und dann am Ende nehmen die Instrumente und die Background-Stimmen wieder ab, und er ist allein und wieder emotional schutzlos. Es ist, als nähme er die Maske ab und ließe sich selbst emotional nackt da stehen. Es ist fast zu viel für mich.
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    • Joie: Ein weiteres großartiges Beispiel ist der Song Shout. Nun, ich weiß, er ist nicht tatsächlich auf dem Invincible Album, aber er war dafür vorgesehen und verpasste es um Haaresbreite, als es in letzter Minute durch You are my life ersetzt wurde, und es wurde als B-Seite der Cry Single veröffentlicht. Aber ich erwähne es hier, denn es ist ein anderes großartiges Beispiel dafür, wie Michael oftmals die Qualität seiner Stimme benutzt hat, um die Stimmung zu vermitteln und ein Bild zu zeichnen. Bevor er überhaupt damit beginnt, was er sagen will, bekommst du sofort das Gefühl, dass dies ein Song über Empörung und Frustration über die Weltprobleme ist – alles durch die Qualität seiner Stimme. Aber Shout ist auch ein wundervolles Beispiel für seine Fähigkeit, im Staccato zu singen. Etwas, das er besser als die meisten kann und er führt komplexe Rhythmen in perfektem Timing aus. Wir haben ihn dies viele Male tun sehen in der Vergangenheit bei Songs wie Jam und Tabloid Junkie. Es ist fast, als würde er rappen, und er ist wirklich gut darin. Du weißt, ich habe ihn einmal in einem Interview sagen hören, dass er nicht sehr überzeugt sei von seinen Qualitäten als Rapper, aber ich denke, dieser Song zeigt, dass er deswegen nicht so große Bedenken haben sollte. Ich sage nicht, dass er auf irgendeine Weise naturgemäß ein Rapper war, aber ich glaube, er konnte dem wacker standhalten, und dieser Song beweist das.

      Trotzdem, für mich ist 2000 Watts die wahre Enthüllung von Invincible. Für mich gibt es keinen Zweifel, wenn dieser Song auf dem posthumen Album Michael anstatt auf Invincible veröffentlicht worden wäre, dann hätte es von den Fans einen wütenden Aufschrei gegeben, die darauf bestanden hätten, er würde den Song nicht singen. Es gab jahrelang wilde Spekulationen darüber, ob seine Stimme digital verändert wurde für diesen Song, aber das ist nicht der Fall. Der reichhaltige und überraschend tiefe Bariton auf diesem Track ist Michael (mit Assistenz von Teddy Riley in den Sprechparts) mit seiner natürlichen Stimme – keine digitale Flickschusterei. Und es ist verblüffend! Dies ist einer meiner Für-alle-Zeiten-Lieblingssongs geworden, denn er demonstriert, wie vielseitig begabt, wandlungsfähig und kunstfertig Michael wirklich war mit seinem Instrument – welches seine erstaunliche Stimme ist.

      Willa: OK, also jetzt kommt eine peinliche Geschichte. Ich fuhr im Auto, als ich gerade das erste Mal Invincible hörte – ich hatte die CD gekauft, packte sie aus, während ich zu meinem Van ging, schob sie in die Anlage im Auto und hörte sie an, während ich nach Hause fuhr. So fahre ich und höre zu, 2000 Watts kommt, und da singt dieser Typ ein ziemlich tiefes Intro. Ich warte darauf, dass Michael Jackson mit seinem Tenorpart anfängt, aber das Intro dauert eine wirklich lange Zeit. Und dann ist der Song vorbei. Also dachte ich, oh, ich muss beim Fahren abgelenkt gewesen sein und den Hauptteil des Songs verpasst haben, so drücke ich den Replay-Knopf. Der Song fängt wieder an, da ist das Intro, mehr Intro, mehr Intro, ich warte darauf, dass der Tenorpart beginnt, er kommt nicht, und dann ist der Song wieder vorbei. Was zum Kuckuck soll das bedeuten? Also bin ich tatsächlich auf den nächsten Parkplatz gefahren, holte das Booklet aus der Hülle und lese „Lead Vocals: Michael Jackson, Background Vocals: Michael Jackson.“ Ich war fassungslos. „Dieser Typ“ singt diesen tiefen „Intro“-Part und ich hatte ihn überhaupt nicht erkannt. Ich konnte es nicht glauben. Michael Jacksons Stimme ist seit 40 Jahren in meinem Kopf, seit ich neun Jahre alt bin. Es gibt Zeiten, da ist mir seine Stimme so vertraut wie meine eigenen Hände. Und ich hatte ihn zweimal 2000 Watts singen hören und ihn nicht erkannt.

      Wie du weißt liebe ich seine tiefere Stimme. Seine hohe Stimme, wenn sie rasch nach oben geht, wie sie es manchmal tut, ist so unglaublich schön für mich, und es gibt auf Invincible diese herrlichen hohen Triller, die ich einfach liebe, direkt nach der Bridge/Überleitung in Don’t Walk Away. Aber seine tiefe Stimme macht einfach etwas mit mir. Das erste Mal, dass ich es hörte, war auf Don’t Stop ‚til You Get Enough. Ich war ein Teenager, und der Song war eine Offenbarung. Die Zeile „I’m melting like hot candle wax“ (Ich schmelze wie heißer Kerzenwachs) lässt mich nun seit über 30 Jahren erröten, und seine tiefe Stimme in diesem Song trägt definitiv dazu bei. Es ist so sinnlich.

      Joie: Willa, du errötest so leicht! Aber ich weiß, was du meinst. Das tiefe Rumpeln im Hintergrund von Don’t Stop gegen Ende, wo er singt „Don’t stop, Baby… Come on, Baby … Don’t stop, Darling“, - wirklich, wirklich HEISS!!

      Willa: Himmel, Joie! Du hast gerade meine Brillengläser beschlagen lassen. Meine Güte! Also, worüber haben wir gesprochen? Ach ja richtig, die erstaunliche aber beunruhigende Stimme in 2000 Watts. Für mich fühlt sich diese Stimme komplett anders an als die tiefe Stimme in Don’t Stop – sie vermittelt eine andere Stimmung und drückt einen anderen Gedanken aus. Wie du gezeigt hast, die Stimme in 2000 Watts klingst zuerst gar nicht nach ihm, und ich frage mich, ob dieser fremdartige Beginn absichtlich so ist.

      Es gibt einige wiederkehrende Themen auf Invincible. Eines der Themen ist Sprachlosigkeit, über die wir letzte Woche gesprochen haben – dieser wiederholte Gedanke, dass er nicht fähig ist zu sprechen und auf eine bedeutungsvolle Weise zu kommunizieren, so dass andere ihn verstehen. Ein anderes Thema ist die Entfremdung – dass er dieselbe Person ist, die er immer war, aber wir ihn nicht mehr erkennen. Er ist derselbe, jedoch ist er ein Fremder für uns geworden. Wir finden dieses Thema überall auf Invincible, in allem, vom Album Cover über die Lyrics bis zu seiner Stimme in 2000 Watts. Ich spielte diesen Song ständig in den ersten Tagen, in denen ich Invincible hatte, und ich musste mich buchstäblich trainieren, um die tiefe knurrende Stimme als seine Stimme zu erkennen. Ich hatte das Gefühl, dass dies wirklich wichtig für mich war, denn es war verstörend, seine Stimme zu hören und sie nicht zu erkennen.

      Joie: Es ist sehr interessant für mich, dass du das sagst, denn für mich war es nicht so, dass ich seine Stimme nicht erkannt hätte. Tatsächlich war es genau das Gegenteil. Es hörte sich für mich sofort nach Michael an – einfach Michael mit einer eindeutig tieferen Stimme, als wir sie von ihm gewohnt waren, zu hören. Und es funktioniert großartig! Und wie du sagst, ich liebe seine tiefere Stimme. Ich wünsche nur, er hätte sie ein wenig mehr eingesetzt, so dass auch die Welt mitbekommen hätte, was die Fans schon wissen … nämlich die Tatsache, dass er wirklich solch eine wundervolle und abwechslungsreiche Stimme hatte.


      Also, wir haben diese Serie mit dem ersten Song auf dem Album begonnen, es passt dazu, dass wir sie beenden mit dem letzten Song auf dem Album, so beschließen wir unsere Invincible Feier mit Threatened. Und weil diese Woche Halloween sein wird, passt die gruselige Art des Songs perfekt!


      The truth must dazzle gradually
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      Emily Dickinson
    • :herz: :wolke1:
      Da gibt es Momente, wo seine Stimme für mich so wunderschön klingt, einfach so unglaublich schön.
      :wolke1: :herz:

      Er war wirklich großartig darin, seine Stimme der Übermittlung einer bestimmten Stimmung und einem Gefühl anzupassen. Seine Stimme war wirklich sein Instrument, und er war ein Meister damit. Sein Stimmumfang war so vielseitig und gleichzeitig doch so unverwechselbar.
      :beten:
      ich musste das zitieren..es ist einfach so treffend...es überrascht mich wirklich immernoch, wenn ich diese Unterschiede in Michaels Stimme höre..immernoch und immerwieder..unglaublich.. :wolke1:
    • Heute war wieder Elefantentag, ich freue mich schon immer darauf. Ich mag die beiden, Willa und Joie, so. In dem Originalblog sind auch immer sehr interessante Blogkommentare von Lesern und Antworten von ihnen dazu …

      Celebrating Invincible – Part 4 – Threatened!!!
      27/10/2011

      Willa: Diese Woche wollen wir uns Threatened ansehen, eine sehr ungewöhnliche Horrorgeschichte, erzählt aus der Sicht eines Monsters, das versucht herauszufinden, warum sich jeder vor ihm fürchtet.

      Threatened beginnt mit einer Einführung von Rod Serling, aber es ist mehr philosophisch und psychologisch als beängstigend. Wie Serling sagt „Die Geschichte dieser Nacht ist irgendwie einzigartig und braucht eine andere Art der Einführung / Introduction“. Er sagt weiter „Ein Monster ist in unserem Ort eingetroffen“, ein typisches Szenario in Horrorfilmen, aber dann erzählt er uns „die Hauptzutat jedes Rezeptes für Angst ist das Unbekannte“. Also anstatt uns zu ermuntern, uns zu fürchten, wie es Horrorfilme normalerweise tun, fordert er uns auf, einen Schritt zurückzutreten und diese Angst zu analysieren. Er schließt das Intro ab mit „Oh ja, ich hab’ etwas vergessen, oder? Ich vergaß, dir das Monster vorzustellen“, und sofort hören wir Jacksons Stimme, die singt „Du fürchtest mich“. Plötzlich merken wir, dass er das Monster ist. Und er versucht, in unseren Kopf zu kriechen und uns zu verstehen.

      Joie: Es ist sehr interessant, dass du das Monster so beschreibst, denn das ist überhaupt nicht das Gefühl, das ich bei dem Song habe. Es ist eindeutig aus der Sicht des Monsters erzählt, aber ich glaube nicht, dass er ahnungslos darüber ist, warum sich jeder vor ihm fürchtet. Tatsächlich ist es genau das Gegenteil. Er weiß, warum sie sich fürchten, und er mag das. Nicht nur, dass das Monster genau weiß, was es tut, es genießt das auch. Er hat offensichtlich großen Spaß dabei, die Leute zu ängstigen.

      Du solltest mich beobachten, du sollst dich bedroht fühlen
      Während du schläfst, während du kriechst, du sollst bedroht sein
      Jedes Mal, wenn deine Frau spricht, spricht sie zu mir, bedroht
      Du wirst nie auch nur die Hälfte von dem sein, was ich bin,
      also solltest Du Dich von mir bedroht fühlen


      Es ist, als ob er feiert, den Effekt feiern will, den er auf alle um sich herum hat. Er ist jemand, der wahrgenommen wird und er weiß das, und er verspottet diejenigen, die auf ihn herabsehen und sich über ihn lustig machen. Sie sind neidisch auf seine Schönheit, sein Talent, seine Macht, und das wirft er ihnen ins Gesicht. „Du hast Angst vor mir, denn du weißt, ich bin ein Ungeheuer“, singt er. Es ist die Art „Quatsch reden“ Quatsch, den Sportfans und andere sagen, wenn sie in einen Kampf gehen oder auf irgendein anderes Spielfeld, in einen Sitzungssaal oder bei einem Brettspiel.

      Willa: Ok Joie, ich stimme dir zu, dass er mit Sicherheit „jemand, den man wahrnimmt“ war. Und ich stimme dir auch zu, dass dieser Song etwas Trotziges hat, etwas Provokatives – „Quatsch reden“ ist eine gute Beschreibung. Und es kann sein, dass er die ängstliche Art der Leute in gewisser Weise genossen hat. Aber ich glaube auch, dass er diese Angst als etwas wirklich Gefährliches ansah, und er versucht zu verstehen, wo sie herkommt.

      Für mich ist dies ein weiterer Song, der direkt die Begleitumstände seines Lebens anspricht. Die Medien und ein ziemlich hoher Prozentsatz der Öffentlichkeit behandeln ihn wie ein Monster, weil sie sich „bedroht“ fühlen von ihm, aber warum? Was genau ist so bedrohlich für so viele Menschen? Was fürchten sie so?

      Dies ist für mich die entscheidende Frage im Zentrum von Threatened und die Antworten, die er vorschlägt, sind faszinierend. Ich tendiere zu der Auffassung, die Leute fühlten sich bedroht durch das Art, wie er die Grenzen verwischte zwischen Rassen, Geschlechtern und Sexualität, aber er deutet auch eine anderen Quelle an – und er hat gute Gründe dafür. Im Grunde genommen begann das Medienspektakel, bevor er wirklich diese Grenzen überschritt. Er veröffentlichte Leave me alone , eine lustige, aber trotzige Antwort auf die Medienhysterie, 1989, als seine Haut noch ziemlich dunkel war.

      Genauso wie er war einer seiner Helden, Charlie Chaplin, von der Presse verteufelt worden - Charlie Chaplin wurde wie ein Monster behandelt, wie ein „moralisch Aussätziger“, für mehr als 30 Jahre – jedoch forderte Chaplin nicht auf dieselbe Art wie Jackson soziale Begrenzungen heraus. Wir sehen eine ähnliche Dämonisierung bei Elvis, Barry Gibb, Barbra Streisand und Britney Spears. Tatsächlich können wir diese Art der Mafia-Mentalität regelmäßig durch unsere Geschichte hindurch sehen, immer da, wo die Presse und die Öffentlichkeit sich gegen einen populären Künstler auf wirklich grausame Weise wenden, und ich denke, Michael Jackson benutzt Threatened für beides, um die Mafia-Mentalität aufzuzeigen und genauso zu versuchen, sie zu verstehen.

      Wie wir in den Lyrics, die du zitiert hast, sehen, deutet er an, dass es tiefe psychologische Gründe für diese hässliche Hexenjagd gibt, einschließlich Gefühle von Unzulänglichkeit und Neid. Und überhaupt, er ist ein Sexsymbol – „Jedes Mal, wenn deine Frau spricht, spricht sie zu mir, bedroht“ – und ein sehr talentierter, sehr attraktiver, sehr erfolgreicher Rockstar –„ Du wirst nie auch nur die Hälfte von dem sein, was ich bin, also solltest Du Dich von mir bedroht fühlen“. Außerdem ist er berühmt, und sein Ruhm hat ihn so überlebensgroß werden lassen, dass niemand an ihn heranreichen kann, also gibt es nun diesen Impuls, ihn von seinem Sockel zu stoßen und auf normales Maß zurechtzustutzen.

      Joie: Willa, während ich deiner Meinung bin, dass hier die üblichen Monster in Michaels eigener Umgebung angesprochen werden, denke ich nicht wirklich, dass er versucht, aus ihnen schlau zu werden. Das ist nicht das, was hier passiert. Ich glaube nicht, dass er hier irgendeine Art von Gründen für die Ängste andeutet, und ich glaube nicht mal, dass er fragt „Warum hast du Angst?“ Stattdessen habe ich das Gefühl, er erzählt uns, dass er längst weiß, was vor sich geht. Er weiß, warum sie Angst haben. Und nicht nur, dass er ihnen erzählt, er würde es verstehen, sondern er lässt sie auch wissen, dass sie Recht haben. Sie haben guten Grund, ihn zu fürchten. „Ich habe dich verzaubert“, singt er. Dann sagt er dies:

      Dein schlimmster Albtraum, das bin ich, ich bin überall,
      Mit einem Blinzeln verschwinde ich,
      und dann komme ich zurück, um herumzuspuken


      Er lässt sie wissen, dass er nicht verschwindet. Sie sollen sich bedroht fühlen, weil sie ihn nicht beseitigen können. Er ist unaufhaltsam. Sie haben ihr Bestes versucht – Sneddon, Dimond, die Chandlers, die Tabloids – sie haben alle ihr Bestes versucht, ihn zu erledigen und sie haben ihn vielleicht für eine Minute ausgeknockt, aber er ist nicht erledigt. Und nun ist er zurück, besser als je zuvor. Sie können ihn nicht mundtot machen, sie können ihn nicht kontrollieren, sie können ihn nicht erreichen …sie können ihn nicht brechen. Letzten Endes also beendet er dieses Album mit derselben triumphierenden Bemerkung, wie er es begonnen hat: indem er allen, die versucht haben, ihn zu stoppen, erzählt, dass er immer noch da ist, nach all ihren Anstrengungen und nach allem, was er durchgemacht hat. Sie „können es nicht glauben,… können es nicht begreifen“ (can’t believe it, …can’t conceive it“). Aber es ist genau der Grund, warum sie sich bedroht fühlen sollten.

      Die Strophe, die ich vorher zitiert habe, ist genau dieselbe Art von aufmüpfigem Kampf, den wir in den Eröffnungszeilen von Unbreakable gesehen haben.

      Nun frage ich mich einfach, warum du denkst, du kannst an mich herankommen
      Es scheint als wüsstest du inzwischen
      Wann und wie ich zu Boden falle
      Und nach allem, was ich durchgemacht habe, bin ich immer noch da
      The truth must dazzle gradually
      Or every man be blind
      Emily Dickinson
    • Es ist genau dieselbe Botschaft, nur mit anderen Worten. Im Grunde genommen hat er den Zuhörer mit Invincible mit auf eine Reise genommen, deren Kreis hiermit geschlossen wird. Diese Botschaft – dass er immer noch da ist „ständig lachend, während er am Boden ist“ – ist so bedeutend für ihn, dass er das Gefühl hat, er müsste sie am Ende des Album noch einmal wiederholen. Nur um es noch mal klar zu machen, dass wir es verstanden haben, für den Fall, wir hätten es vergessen nach dem ersten Mal:

      Du solltest mich beobachten, du solltest dich bedroht fühlen.

      Er klingt glorreich in diesem Song, so als hätte er eine gute Zeit bei der Aufnahme gehabt. Wie ich schon vorher gesagt habe, es klingt, als würde er feiern, und der bedrohliche Ton seiner Stimme auf diesem Track ist ein ganz wenig gekoppelt mit reiner Freude. Ganz klar genießt er die Rolle des Monsters in diesem Song und hat Spaß dabei. Und ich glaube, er klingt so freudig, weil er uns so herausfordernd daran erinnert, dass er noch hier ist und seine Kunst und seine Ideen – seine Liebe – werden für immer unzerbrechlich sein. Sie können ihn vom Podest stoßen und ihn zurechtstutzen, aber es wird niemals wirklich funktionieren. Er wird nicht verschwinden und das sollten sie fürchten. „Du wirst nie auch nur die Hälfte von dem sein, was ich bin, also solltest Du Dich von mir bedroht fühlen“.

      Willa: Wow Joie, das klingt verblüffend für mich. Als wir zuerst überlegt haben, ob wir einen Post für Threatened machen wollen und jeder von uns sagte, wie sehr er es liebt, habe ich angenommen, wir sehen es auf dieselbe Art und liebten es aus den gleichen Gründen. Ich kann nicht glauben, dass wir es so verschieden sehen. Ich liebe Threatened wirklich – es ist einer meiner liebsten Songs auf Invincible – aber ich hätte nie gesehen, dass es glorreich oder freudig oder feiernd wäre. Aber ich muss sagen, ich habe es in letzter Zeit sehr oft gehört und langsam beginne ich mich deiner Denkweise anzunähern. Vorher war ich so darauf fokussiert, wie schrecklich es sein muss, wenn jeder denkt, du wärst ein Monster, ich konnte mir einfach nichts Schönes darunter vorstellen. Aber du hast Recht, das ist eine ganz schön mächtige Position. Und er scheint sich wohl zu fühlen (zu feiern) mit dieser Macht, wie du schon sagtest. Er lässt definitiv seine Muskeln spielen in diesem Song, und das finde ich so interessant.

      Ich sehe Threatened als eine aufschlussreiche psychologische Studie, obgleich es das ist, was mir an diesem Song als Erstes auffiel. Ich denke, er erforscht die Gründe, warum sich dieser hässliche Mob so oft gegen populäre Künstler entlädt, und die Gründe, die er aufdeckt, sind faszinierend und haben mit der Natur des Berühmtseins an sich zu tun und dieses verrückte Doppeltsehen von Prominenten, die uns einerseits vertraut sind und doch grundsätzlich unbekannt. Du weißt ja, die unheimlichsten Horrorfilme sind nicht diejenigen über außerirdische Monster; sie sind über jemanden oder etwas Vertrautes und Bekanntes, das zu etwas Fremdem und Unheimlichem wird. Der Vater in The Shining wird verrückt und greift seine eigene Familie an. Die Eltern in The Omen werden von ihrem Sohn ermordet, der gar nicht wirklich ihr Sohn ist. Die Tochter in The Exorcist ist besessen von Dämonen und wird unberechenbar. Die Mutter in Rosemary’s Baby entdeckt, dass ihr Baby die Ausgeburt des Teufels ist. Die unheimlichsten Monster sind nicht Godzilla und King Kong – es sind die Lieblingspuppe oder der Teddybär oder der Familienhund oder ein Elternteil oder ein Kind oder ein vertrauter Nachbar, wenn sie plötzlich zu Mördern werden und die angreifen, die sie lieben und am meisten vertrauen.

      Michael Jackson war uns auf so vielfältige Arten vertraut. Vielleicht war das Bedeutendste an ihm seine unglaubliche Fähigkeit, mit einem Publikum mitzuempfinden. Immer wieder reden die Leute über die tiefe Verbindung, die sie zu ihm gefühlt haben. Wenn er sang, hattest du das Gefühl, als wüsste er, was du denkst und fühlst und drückte deine eigenen Gedanken und Gefühle aus und gab sie so an dich zurück. Wie er in Threatened singt „Ich habe dich verzaubert“, und er hat uns verzaubert. Wir waren verzaubert von allem, was er tat. Und er war nicht einfach eine Berühmtheit; er war eine Berühmtheit, die vor unseren Augen aufwuchs. Wir hatten das Gefühl, als würden wir ihn kennen, seit er ein Junge war. Also schien er uns in diesem Sinne sehr vertraut zu sein.

      Zusätzlich war er eine solche Berühmtheit und so unglaublich bekannt, so gab es auch diese Art von Vertrautheit. Er singt es auch in Threatened „Ich bin es, ich bin überall“. Und es ist wahr, er war überall, und er ist es noch. Sein Gesicht, seine Musik, seine Dance Moves, sein Handschuh und Fedora, seine ganze Ikonographie – es ist wahrhaft erstaunlich, sein Einfluss ist überall. Ich sah mir vor kurzem mit meinem Sohn ein Schoolhouse Rock Video an, es hieß Dollars and Sense, und plötzlich ging der Cartooncharakter im Moonwalk an einem Musikgeschäft vorbei. Er ist sogar in Schoolhouse Rock. Du kannst ihm nicht entfliehen, genauso wie du den Zombies in einem Horrorstreifen nicht entkommen kannst.

      Joie: Oh, Schoolhouse Rock! Ich habe solche Dinge immer geliebt. Aber genau! Das ist der Punkt, auf den ich hier kommen wollte. Wir können ihm nicht entfliehen, weil er überall ist. Genau wie er uns in diesem Song erzählt „Dein schlimmster Albtraum, das bin ich, ich bin überall / Mit einem Blinzeln verschwinde ich, und dann komme ich zurück, um herumzuspuken“. Er weiß, sein Einfluss ist unausweichlich; er weiß, dass sie ihn niemals ganz los werden können und so verspottet er sie mit den Worten „Du solltest mich beobachten, du solltest doch bedroht fühlen.“
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      Or every man be blind
      Emily Dickinson
    • Willa: Genau. Aber dann wurde er erwachsen und veränderte sich, und einige Leute begannen sich zu fragen, ob wir ihn wirklich so gut kannten, wie wir dachten. Es wurde daraus diese tiefe, unaussprechliche Angst des Vertrauten, das plötzlich fremd und „bedrohlich“ wird. Dann klagt ihn ein Mann an, seinen Sohn belästigt zu haben und diese Angst explodierte. Und wie er uns in Threatened erzählt, wir können dieser Angst nicht entkommen, denn sie kommt nicht von ihm, sie kommt von uns selbst – es ist in uns selbst, in unseren Köpfen. Es sind die „dunklen Gedanken“ in unseren Köpfen:

      Du fürchtest mich, denn du weißt, ich bin ein Ungeheuer
      Das dich beobachtet, wenn du schläfst
      Wenn du im Bett liegst, liege ich darunter
      Du bist in Hallen gefangen, und mein Gesicht ist die Wand
      Ich bin der Boden, wenn du fällst
      Und wenn du schreist, ist es wegen mir
      Ich bin der lebende Tote, die dunklen Gedanken in deinem Kopf
      Ich habe gerade gehört, was du sagst
      Deshalb fühlst du dich bedroht von mir


      Dieser Song nimmt mir den Atem. Er erscheint mir so brillant auf so vielen Ebenen, mit tiefen psychologischen Erkenntnissen, besonders wie er die komplexe Mischung von Angst und Vertrautheit eingefangen hat, die die Leute über ihn empfinden.

      Aber bevor wir angefangen haben zu reden, Joie, habe ich diese Angst niemals als potentielle machtvolle Kraft für ihn gesehen – etwas, das er nutzen konnte, um uns auf tiefe psychologische Weise zu bewegen – und die all dies weiter verkompliziert. Langsam stimme ich dir immer mehr zu, es klingt, als würde er diese Macht feiern, und für mich eröffnet sich dadurch ein ganz neuer Weg, diesen Song zu sehen. Wow.

      Joie: Gut Willa, du hast einige großartige Punkte angesprochen über das Vertraute, das unheimlich und bedrohlich wird, und ich finde das alles sehr faszinierend. Aber für mich war Threatened schon immer einer meiner Lieblingssongs auf dem Invincible Album und vom allerersten Mal, als ich es gehört habe, hatte ich immer das Gefühl, dass dies ein Song über Triumph und Sieg ist. Ein Song über eine festliche Orgie und Freude. Es ist eine Art Ausstellung. ‚Sieh mich an, ich bin hier und ich bin großartig!‘ Das ist die Botschaft, die ich von diesem Song erhalte. Das ist es, was ich jedes Mal höre, wenn ich ihm zuhöre. Und nochmal, für mich ist es eine Rückbestätigung derselben Botschaft, die wir in dem ersten Song auf diesem Album hören. Und für einige mag das ein bisschen wie ein Egotrip oder ein kühnes Statement für jemanden sein, aber wir sprechen hier über Michael Jackson. Genau denselben Künstler, der eine 32 ft. hohe Statue von sich selbst auf die Themse hinunter gelassen hat, um ein Album zu promoten. Über diese Nummer haben die Leute sicher geredet und ich kann mir vorstellen, dass Threatened dazu gedacht war, das gleiche zu bewirken.

      In seinem heiß ersehnten Buch Man in the Music. The Creative Life and Work of Michael Jackson erzählt uns Joe Vogel, dass Michael die Absicht hatte, einen Kurzfilm mit der Horrorthematik für diesen Song komplett mit Special Effects auf dem neuesten Stand zu drehen, natürlich wurde das verworfen, als Sony die Promotion strich. Also werden wir niemals wissen, was er hiermit für uns auf Lager hatte, aber ich bin sicher, es wäre, wie der Song selbst, etwas Wunderbares geworden.


      The truth must dazzle gradually
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      Emily Dickinson
    • Liebe Lilly,
      du hast es geschafft, mir nun endlich meinen ersten Beitrag hier im Forum abzuringen. :bohr:
      Hab ja schon immer eifrig den Danke-Button gedrückt, aber ich möchte einfach nochmal
      in aller Deutlichkeit sagen, wie großartig ich es finde, dass du dir die Mühe machst,
      sowohl Willas "M. Poetica", als auch den Blog "Dancing with the Elephant" für alle zu
      übersetzen. Seit Ebmeiers wegbereitendem "Phänomen" hatte ich lange und sehnsüchtig
      auf weitere Beiträge aus der "Gebildeten-Ecke", wie er sie nennt, gewartet. Es scheint
      ganz so, als hätte man es dort nun ENDLICH auch begriffen und überlässt MJ nicht mehr
      allein den Medien. Das war SOOOO wichtig und du hilfst dabei, diese Ansichten einem
      noch größeres Publikum zugänglich zu machen. :cheerlead:
      Das finde ich sowas von klasse und es bedeutet mir unglaublich viel. Danke Lilly! :danke: :applaus1:
      Du bist großartig! :clapping: Wie übrigens alle anderen fleißigen Übersetzer/innen hier. :herz:
      :herz: Michael Jackson - forever the King of Pop. A genre of music. Mainly, a beautiful human being. :herz:
      es ist, was es ist... sagt die liebe

    • @ biba

      Vielen Dank für deine lieben Worte ! Es freut mich sehr, dass die Übersetzung dir Anlass für dein erstes Post gegeben hat ... Das Übersetzen macht wirklich Spass und ich bin unheimlich motiviert, einfach weil ich absolut überzeugt bin von Willa Stillwater und Joie Collins.

      Liebe Grüße
      Lilly
      The truth must dazzle gradually
      Or every man be blind
      Emily Dickinson
    • biba schrieb:

      Liebe Lilly,
      du hast es geschafft, mir nun endlich meinen ersten Beitrag hier im Forum abzuringen.
      Hab ja schon immer eifrig den Danke-Button gedrückt, aber ich möchte einfach nochmal
      in aller Deutlichkeit sagen, wie großartig ich es finde, dass du dir die Mühe machst,
      sowohl Willas "M. Poetica", als auch den Blog "Dancing with the Elephant" für alle zu
      übersetzen. Seit Ebmeiers wegbereitendem "Phänomen" hatte ich lange und sehnsüchtig
      auf weitere Beiträge aus der "Gebildeten-Ecke", wie er sie nennt, gewartet. Es scheint
      ganz so, als hätte man es dort nun ENDLICH auch begriffen und überlässt MJ nicht mehr
      allein den Medien. Das war SOOOO wichtig und du hilfst dabei, diese Ansichten einem
      noch größeres Publikum zugänglich zu machen.
      Das finde ich sowas von klasse und es bedeutet mir unglaublich viel. Danke Lilly!
      Du bist großartig! Wie übrigens alle anderen fleißigen Übersetzer/innen hier.

      Danke, liebe biba, für Deinen ersten Post! :hkuss: Ich kann mich da nur anschließen!
      Lilliy, ich finde es so toll, dass Du uns diese großartigen Texte zugänglich machst! :drück: :kiss:
    • Ich werde genau das sein, was du sehen willst
      03/11/2011

      Willa: Diese Woche feiern wir Halloween mit einem von Michaels „unheimlichen“ Songs. Und ich muss zugeben, ich war ziemlich aufgeregt, als Joie vorschlug, über Is it scary zu reden, denn es ist einer meiner Lieblingssongs.

      Joie: Es ist auch einer meiner Lieblingssongs. Als ich Is it scary zum ersten Mal gehört habe, war ich sofort erschüttert darüber, wie traurig er war, und ich habe tatsächlich geweint. Ich erinnere mich, mehrmals die Wiederholungstaste gedrückt und die Strophen mitgelesen zu haben, um sicher zu sein, dass ich Michaels Worte richtig verstanden habe, denn für mich ist dieser Song so vielsagend und total herzzerreißend. Alles, was du tun musst, ist dem Text zuzuhören, um einen sehr realistischen Eindruck davon zu bekommen, in welcher Art von Schmerz er sich befunden haben musste.

      Ich werde genau das sein, was du sehen willst
      Du bist es, der mich verspottet
      Denn du willst
      Dass ich der Fremde in der Nacht bin
      Amüsiere ich dich
      Oder verwirre ich dich einfach nur
      Bin ich das Biest, das du dir vorstellst
      Und wenn duExzentrische Seltsamkeiten sehen willst
      Werde ich grotesk in deinen Augen sein
      Lass sie wahr werden


      Es lässt dich fragen, welchen Tribut es von einem Menschen fordern muss. Immer als eine Art Freak oder Monster gesehen zu werden. Immer hören zu müssen, dass die ganze Welt denkt, du wärst sonderbar, seltsam und bizarr. Ständig ein sehr gemeines Etikett auf deinem Namen geklebt zu bekommen und als öffentlicher Feind Nummer Eins gesehen zu werden. Wie fühlt sich das an? Wie gehst du damit um? Wie weh tut das? Michael Jackson wusste die Antworten auf diese Fragen. Und als ich das erste Mal Is it scary hörte, bekam ich das Gefühl, er wollte, dass der Rest der Welt diese Antworten auch wissen soll. Nur für einige Minuten sich selbst an seine Stelle setzen und fühlen, was er gefühlt haben muss.

      Aber er wollte uns nicht nur an seine Stelle setzen für eine Weile. Er wollte, dass wir einen Blick auf uns selbst werfen, er wollte, dass wir die Tatsache durchblicken, dass nicht er die Kuriosität in dieser Freak Show ist – wir sind es! Wir sind es, die ihm diese hässlichen Label aufdrücken. Wir sind die, die es aus irgendeinem Grund brauchen, dass er die Rolle des Monsters in unserem eingebildeten Horrorfilm spielt. Wir sind die mit den kranken Gedanken, die darauf bestehen, er habe unangemessene Dinge mit unpassenden Leuten gemacht. Wir – natürlich nicht die Fans, aber der Rest der Welt – haben ihn geprüft und verurteilt für etwas, an das er nicht einmal gedacht hat. Alles nur, weil er seltsam zu sein „schien“.

      Willa: Joie, ich fühle genau das gleiche. Ich glaube nicht, dass wir beginnen können uns vorzustellen, wie grauenhaft diese Anschuldigungen von 1993 für ihn waren. Der Schmerz dieser Beschuldigungen begleitete ständig seine spätere Arbeit. Wir haben das letzten Monat bei Invincible gesehen. Der Schmerz der Anschuldigungen ist unter der Oberfläche jedes einzelnen Songs auf dem Album. Er konnte es nicht hinter sich lassen, er konnte dem nicht entfliehen. Es ist einfach ein bleibender Schmerz. Und wir sehen es so deutlich in Is it scary, das geschrieben, aufgenommen und veröffentlicht wurde direkt in den Jahren, nachdem die Anschuldigungen aufkamen. Seine Stimme ist so schön und so ausdrucksvoll in diesem Song, und wenn er diese Zeilen singt, möchtest du dich einfach nur verbeugen und weinen:

      Also bist du zu mir gekommen
      Um deine Fantasien zu sehen
      Genau vor deinen Augen dargestellt
      Ein quälendes geisterhaftes Vergnügen
      Der schaurige Betrug
      Und Geister tanzen in der Nacht
      Aber wenn du gekommen bist
      Um die Wahrheit, die Reinheit zu sehen
      Sie ist hier in einem einsamen Herzen
      Also lass die Vorstellung beginnen


      Aber hier geht auch noch etwas anderes vor sich. Er drückt nicht nur einfach den Schmerz aus, den er wegen der Anschuldigungen fühlt. Er erzählt uns auch, wie er darauf antworten wird. Wie er in den Lyrics sagt, die du zitiert hast, Joie „Ich werde genau das sein, was du sehen willst“. Mit anderen Worten, wenn die Leute darauf bestehen, dass er ein Monster ist, dann wird er eines – er wird ihre Fantasien erfüllen und ihnen geben, was sie wollen. Wie er sagt „Denn du willst / Dass ich der Fremde in der Nacht bin“. Speziell die Tabloidpresse, aber auch ein großer Teil der Öffentlichkeit „wollen“ ihn als Pädophilen (als Fremden in der Nacht / Stranger in the night) sehen, auch wenn die Tatsachen klar dagegen sprechen. Die Fakten zählen nicht, obwohl dies ohnehin nichts mit Begründungen oder Logik zu tun hat. Es geht um Massenhysterie – die gleiche Art von Massenhysterie brachte uns dazu, den Irak anzugreifen, einen unabhängigen Staat, ohne einen Grund. Wir neigen dazu, zu denken, wir hätten uns weiterentwickelt seit den Tagen der Hexenprozesse von Salem, aber ich glaube das nicht. Wir reagieren unsere Ängste nur auf andere Art ab. Und er ist mitten in dieser Hysterie gefangen und ist das Ziel all dieser sinnfreien Ängste, und er versucht, damit zurecht zu kommen. Er und seine Anwälte versuchten, gegen diese Anschuldigungen zu kämpfen, indem sie die Beweise lieferten, und das alles machte keinen Unterschied. Tatsächlich sah es so aus, als würden die Dinge aufgeblasen und schlimmer, wenn das noch möglich war. Also hat er nun eine künstlerische Antwort darauf entwickelt. Wie er uns erzählt „Und wenn du / Exzentrische Seltsamkeiten sehen willst / Werde ich grotesk in deinen Augen sein / Lass sie wahr werden“.

      Joie: Ich glaube, du hast vollkommen recht, Willa, und ich finde, die Lyrics sind so selbsterklärend. Alles, was du tun musst, ist, dem was er hier sagt, Beachtung zu schenken, und du wirst alles sehen. Er erzählt uns ganz genau und unmissverständlich, was er als Nächstes tun wird. Weißt du, es ist wie bei einem aufmüpfigen Teenager, der gegen seine Eltern rebelliert: ‚Oh, ihr denkt, dass ich mich aufspiele? Okay, wartet ab.’ Es ist eine sehr seltsame Tendenz, wie wir als Menschen auf persönliche Angriffe in dieser fast selbstzerstörerischen Art reagieren. Es ist, als würde Michael sagen ‚Also, du möchtest mich als Freak Show sehen? Okay, halte dich fest, denn ich zeige dir eine Freak Show!’ Dies ist ein Punkt, den er so gut in Ghosts darstellt, als er mit dem Bürgermeister konfrontiert wird.

      Willa: ‚Halte dich fest’ ist richtig! Es war ein ziemlich wilder Ritt danach, besonders der Skandal um die plastischen Operationen oder die Geschichte, die in Vanity Fair gedruckt wurde, dass er einem Hexer aus Mali $ 150.000 gezahlt habe, der 43 Kühe opfern und Steven Spielberg und David Geffen mit einem Fluch belegen sollte. Das ist verrückt. Ich kann nicht glauben, dass sie das tatsächlich gedruckt haben.

      Joie: Ich kann es auch nicht glauben, dass sie eine so lächerliche Geschichte gedruckt haben. Weißt du, manchmal denke ich, je verrückter die Presse wird, desto mehr dient es allein dazu, sie selbst dumm aussehen zu lassen, nicht Michael. Und die Tatsache, dass die Öffentlichkeit das geglaubt hat, hat mich einfach umgehauen. Es ist kein Wunder, dass er entschieden hat „genau das zu sein, was du sehen willst“. Er muss das Gefühl gehabt haben, dass er sowieso nicht gewinnen kann.
      The truth must dazzle gradually
      Or every man be blind
      Emily Dickinson
    • Willa: Und Joie, ich nehme an, ein Teil davon war Trotz. Er hatte definitiv einen starken Zug von Widerstand in seinem Charakter – ich denke nicht, dass er alles, was er durchmachen musste ohne diese Eigenschaft überstanden hätte – das könnte also ein Grund dafür sein, warum er entschied, zu sein, „was du sehen willst“ und das Monster wurde, das die Presse und die Öffentlichkeit sehen wollte.

      Aber ich denke, es geht hier außerdem noch um etwas ganz anderes, etwas entscheidend Wichtiges. Und um das zu verstehen, glaube ich, dass es hilft, für einen Moment einen Schritt zurückzutreten und sich seine anderen „Monster-Werke“ zu betrachten: Thriller, Ghosts, Threatened, Monster. Immer wieder sehen wir, wie er die Rolle des Monsters übernimmt, aber dies sind keine Horrorgeschichten im herkömmlichen Sinn. Zum einen sind sie nicht sehr unheimlich. Eine konventionelle Horrorgeschichte lässt uns in eine unheimliche Situation und in bedrohliche Gefühle eintauchen, aber das tut er nicht. Er berührt das Thema, dann zieht er sich wieder zurück und zeigt uns, dass es eine Täuschung war, dann spricht er es wieder an und zieht sich wieder zurück. Wir sehen dieselbe Struktur in allen seinen Werken. Er will uns nicht wirklich ängstigen. Darum geht es nicht. Er sagt das auch in dem MTV Interview von 1999, als er gefragt wird, ob er Horrorfilme mag.

      „Ob du es glaubst oder nicht, ich fürchte mich davor, Gruselfilme anzusehen. Ehrlich, ich mag es eigentlich nicht. Ich hätte nie gedacht, dass ich mal daran beteiligt sein würde, diese Art Dinge zu tun.“

      Aber er machte auch nicht wirklich „diese Art Dinge“, denn dies sind nicht wirklich Horrorgeschichten. Aber was sind sie?

      Um das zu verstehen, denke ich, es ist hilfreich, weiter zurück zu gehen – genau genommen mehr als 2000 Jahre – und sich die Theorien von Aristoteles über Kunst anzusehen. In Ars Poetica sagt Aristoteles, dass eine Funktion von Kunst – speziell Tragödien – ist, Katharsis zu bewirken, was die seelische Reinigung durch das Hervorrufen solcher fundamentalen Emotionen wie Angst bedeutet. Ich denke, das ist es, was Michael Jackson in seinen „Monsterwerken“ macht. Er fordert uns nicht auf, diese fundamentalen Emotionen zu fühlen. Fakt ist, er macht genau das Gegenteil – er reinigt uns von diesen Gefühlen. In Thriller versucht er, uns von einer bestimmten Art von Rassenvorurteilen zu befreien – die Angst, die viele Menschen wegen ihm als sehr begehrenswertem farbigen Mann, sogar ein Sexsymbol und unser erstes Schwarzes Teenidol, empfanden. Und in Ghosts, Threatened, Monster und Is it scary versucht er uns von der grauenhaften Mob-Mentalität, die in der Hysterie nach den Anschuldigungen 1993 ausbrach, zu erlösen.

      Joie: Gut Willa, ich habe Aristoteles seit meiner Philosophiestunde im College nicht mehr gelesen, ich kann dazu wirklich nicht viel sagen. Aber ich verstehe den Gedanken der Katharsis und der Reinigung fundamentaler Emotionen und dem Reinigen und Heilen der Psyche. Also ich glaube, das macht sehr viel Sinn.

      Willa: Weißt du, ich versuche das immer noch für mich selbst herauszufinden, aber ich sehe etwas wirklich Andersartiges in diesen Werken, und in den „exzentrischen Kuriositäten“, die nach dem Veröffentlichen von Is it scary die Medien beherrschten. Meine Meinung ist, dass er eine neue Art von Kunst erschaffen hat – tatsächlich denke ich, man kann sagen, dass er ein ganz neues Genre von Kunst erschaffen hat – und das fasziniert mich einfach. Und ich glaube, ich hab‘ es seit einer ganzen Weile nicht erwähnt, lass es mich noch einmal sagen, ich denke, Michael Jackson war brillant – er haut dich aus den Socken, er lässt deine Augen aus dem Kopf fallen, er haut dich um.

      Joie: Ich weiß, was du meinst; es ist bisweilen wirklich unglaublich, wenn du darüber nachdenkst, wie brillant er einfach war. Fast erschreckend brillant, tatsächlich, und ich habe niemals diese Leute verstanden, die das nicht verstehen. Ich weiß, ich bin ein Hardcore-Fan, aber es verblüfft mich einfach, zu wissen, dass es Leute da draußen gibt, denen nicht bewusst ist, dass Michael Jackson die allerfaszinierendste kreative Person ist, die jemals auf der Erde wandelte. Ich bin einfach so fassungslos deswegen, wie ist das nur möglich? Warum ist nicht jeder verrückt nach ihm, so wie ich es bin? Ich verstehe das einfach nicht.

      Willa: Joie, das ist so lustig, denn ich habe mir genau dieselben Fragen auch gestellt. Warum fühlen sie sich so bedroht von ihm, und warum verachten sie ihn so? Können sie denn nicht sehen, wie erstaunlich und wichtig seine Werke sind? Kapieren sie das nicht? Ich habe tatsächlich sehr viel darüber nachgedacht vor kurzem – darüber, warum Michael Jacksons Fans ihn so anders sehen, als es jeder andere tut – und ich habe entschieden, das die Antwort ganz einfach ist: Es ist, weil wir ihn lieben. Und wenn du mit jemandem empfindest, dann siehst du ihn anders, als wenn du das nicht tust.

      Vor einigen Monaten war ich in einem Lebensmittelladen, und da stand eine ältere Frau etwas entfernt von mir in der Schlange. Sie war ziemlich langsam und durcheinander und beantwortete die Fragen des Kassierers auf eine schroffe, fast unhöfliche Art, und man merkte, dass der Kassierer ziemlich gereizt wegen ihr war, und so wurden es auch die anderen Leute in der Schlange. Aber ich hatte mit dieser Frau und ihrem Ehemann schon zusammen in einem Gemeindeprojekt gearbeitet, und obwohl ich sie nicht besonders gut kannte, wusste ich doch, dass ihr Sohn in der Woche vorher nach einem langen Kampf gegen Krebs gestorben war. Als ich den Laden verließ, bemerkte ich, dass sie im Eingang stand und verloren aussah und nach ihrem Schlüssel suchte. So ging ich zu ihr hinüber und sagte Hi, und Joie, ich sage dir, sie konnte sich kaum auf den Beinen halten. Dieser Weg zum Lebensmittelladen ging über ihre Grenzen. Und einfach nur ein wenig über ihre Geschichte und was sie durchgemacht hatte, zu wissen und sie mit Mitgefühl zu sehen, ließ mich ihre Worte und Taten auf eine ganz andere Art sehen, als die anderen Leute in der Schlange.

      Ich glaube, dasselbe ist wahr bei Michael Jackson und wie verschiedene Menschen ihn sahen. Jene von uns, die seine Musik und seine Anschauungen kennen – die wussten, wie verpflichtet er sich dem sozialen Wandel fühlte und wie bedeutsam Kinder für ihn waren, persönlich und in Hinsicht auf soziale Veränderungen – verstanden sehr viel besser, durch was er gehen musste, nachdem die Anschuldigungen 1993 aufkamen, und das ließ ihn uns mit Sympathie sehen und ihn in einer sehr viel mitfühlenderen Art interpretieren. Und wenn du ihn und die Situation aus dieser Perspektive betrachtest sieht alles ganz anders aus als in den brutalen, verurteilenden Kritiken, die du in den Zeitungen gelesen hast.
      The truth must dazzle gradually
      Or every man be blind
      Emily Dickinson