Der Freispruch von Michael Jackson (Artikel vom 17. Juni 2005 )

    • Der Freispruch von Michael Jackson (Artikel vom 17. Juni 2005 )

      Michael Jacksons Freispruch vom Vorwurf des Kindesmissbrauchs und ähnlichen Anklagepunkten ist in jeder Hinsicht zu begrüßen. Unabhängig davon, ob er auf einen Umschwung in der öffentlichen Meinung hindeutet, oder ob es sich bloß um eine isolierte Erscheinung handelt, die Entscheidung der Jury von Santa Maria (Kalifornien), die den Sänger in zehn Hauptanklagepunkten und drei minder schweren Delikten für nicht schuldig befand, kann sowohl in juristischer als auch menschlicher Hinsicht nur als korrekt bezeichnet werden. Im heutigen Amerika ist es leider nur allzu selten, dass in einem derart erbärmlichen Fall eine vernünftige und zivilisierte Entscheidung getroffen wird.

      Die Entscheidung der Jury, Jackson freizusprechen, kommt einer geharnischten Kritik an der rachsüchtigen Anklagebehörde in Person des Bezirksanwalts von Santa Barbara, Thomas Sneddon, gleich, der von der gesamten ultra-rechten Meute unterstützt wurde. Ob die acht Frauen und vier Männer der Jury sich darüber vollständig im Klaren waren oder nicht, das Urteil, das auch geringfügige Anklagepunkte abwies, ist an sich ein klarer Beweis für den betrügerischen und böswilligen Charakter der Anklage. Außerdem steht der Spruch der Jury in offenem Widerspruch zu mehreren Entscheidungen des Richters Rodney Melville, die den Bezirksanwalt begünstigt hatten.

      Jacksons Freispruch ist zudem eine Anklage gegen die üble Rolle der amerikanischen Massenmedien, die den Prozess gegen den Sänger gerechtfertigt haben und alles taten, um seinen Fall aufzubauschen. Das Urteil verblüffte viele Schreiberlinge, die in den letzten 18 Monaten alles in ihrer Macht Stehende getan hatten, um Jackson zu stigmatisieren und zu verteufeln.

      Unmittelbar nach der Urteilsverkündung, ehe die TV-Moderatoren und erlauchten Kritikaster die Möglichkeit hatten, ihre Version der Story zu basteln, mussten zahlreiche Fernsehreporter zugeben, was zuvor keiner von ihnen öffentlich eingestanden hatte - dass es niemals einen ernstzunehmenden Fall gegen Jackson gegeben hatte. Aber schnell fanden die Medien sich mit der neuen Situation ab und versuchten jetzt, die Bedeutung des Urteils herunterzuspielen und die Vorbehalte herauszustreichen, die einige Jurymitglieder wegen Jacksons früherem Verhalten hegten.

      Auch hier stellten die Chefredakteure und Schreiberlinge wieder ihre Ignoranz und unwillkürliche Feindschaft gegen elementare demokratische Prinzipien zur Schau. Ganz gleich, ob einige Jurymitglieder Vorbehalte gegen Jacksons Verhalten hatten oder früheres Fehlverhalten für möglich hielten, taten sie genau das, was sie tun mussten: Sie hörten sich die Beweisaufnahme an, diskutierten sie unter sich und kamen zum Schluss, dass die Anklage ihren Fall nicht über vernünftigen Zweifel hinaus bewiesen hatte. Gerade dieses hartnäckige Festhalten an juristischen Normen und demokratischen Prinzipien - einschließlich der Unschuldsvermutung - ärgerte das juristische und journalistische Establishment, das sich solcher Skrupel schon längst entledigt hat.

      Doch selbst wenn Jackson der sexuellen Belästigung schuldig gewesen wäre, hätte er eine so grausame Behandlung nicht verdient, wie sie ihm der Staat und die Massenmedien bereiteten. Diesen Kräften ist keine Erniedrigung zu groß und keine Entwürdigung zu weitgehend.

      Jackson machte gegen Prozessende einen erschöpften Eindruck, als bewege er sich am Rande des Zusammenbruchs. Sneddon verkörpert in seiner Brutalität das ganze Wesen der amerikanischen herrschenden Elite in ihrer ignoranten, rücksichtslosen und bösartigen Endlos-Verfolgung von allem und jedem, das auch nur entfernt nach Opposition oder "Gegenkultur" aussieht.

      Warum stand Michael Jackson eigentlich vor Gericht? Weil sein Lebensstil anders und sogar bizarr ist, weil er als schwul gilt, weil er schwarz ist. In der paranoiden, pornographischen Sicht der extremen Rechten, deren perverses Geistesleben es wert wäre, von Freud analysiert zu werden, stellt Jackson eine Provokation und eine Gefahr für die "amerikanischen Werte" dar.

      Für den Medienmainstream in den USA war der Jackson-Prozess ein Gottesgeschenk. Unfähig und nicht bereit, in wichtigen Dingen die Wahrheit zu sagen, greift die Medienwelt unwillkürlich alles auf, was die gesellschaftliche Atmosphäre vergiften kann. Während sie George W. Bushs Irakkrieg und seine Innenpolitik vollständig unterstützt, ist sie immer verzweifelter bemüht, die Aufmerksamkeit der Bevölkerung von den brennenden Tagesfragen abzulenken.

      Die allgemeine Medienreaktion auf das Jackson-Urteil war gehässig, wenn nicht sogar verleumderisch. Ein Gast in Shepard Smith‘s Fox News bezeichnete Jackson als das "Teflon-Monster" und verstieg sich zur Aussage: "Wir brauchen IQ-Tests für Geschworene." Zahlreiche Kommentatoren fragten Sneddon, den Verteidiger Thomas Mesereau und mehrere Geschworene, ob sie nicht der Meinung seien, hier komme ein Kinderschänder ungeschoren davon. Das heißt, diese Elemente haben nicht nur die Unschuldsvermutung über Bord geworfen, ihnen bedeutet auch ein einstimmig von der Jury beschlossener Freispruch gar nichts.

      Fortsetzung folgt ......
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      "When people's minds are clouded by anger or hatred, no angel can reach them". ~Michael Jackson~
    • Nancy Grace, die ehemalige Staatsanwältin, die Abend für Abend ihr reaktionäres Gift über CNN verbreitet, konnte sich kaum von dem Jackson-Urteil erholen. Grace, die seit Monaten beteuerte, ihrer Meinung nach sei Jackson schuldig, eröffnete ihre Sendung mit den Worten: "Ein neuer Wind weht in einem kalifornischen Gerichtssaal. Im Fall Michael Jackson hat die Jury ein Urteil verkündet, das die Nation verblüfft: Nicht schuldig in allen Punkten.... Ein 13-jähriger hispanischer Junge hat Michael Jackson vor Gericht gebracht. Und heute Abend heißt es: Nicht schuldig - weil Jackson eine Celebrity ist."

      Grace hetzte gegen den Sprecher der Jury, Paul Rodriguez, und fragte an einer Stelle provokativ: "Was glauben Sie, hätte es noch gebraucht, um diese Jury zu überzeugen, dass Jackson diesen Jungen belästigt hat?"

      Debra Opri, die Anwältin von Jacksons Eltern, gab Grace endlich Kontra: "Nun, dies ist die bittere Pille, die Sie schlucken müssen, Nancy. Das ist die Wirklichkeit, und nicht das, was Sie seit einem Jahr als Wirklichkeit verkauft haben. Michael Jackson ist nicht schuldig. Man soll ihn sein Leben in Frieden leben lassen, aber nicht versuchen, den Fall wieder aufzurollen, und genau das ist es, was Sie hier versuchen."

      Wie schon bemerkt, stürzten sich die Medien besonders auf Bemerkungen eines Geschworenen, von Raymond Hultman, der es für möglich hielt, dass der Sänger früher im Umgang mit minderjährigen Jungen ein unangemessenes Verhalten an den Tag gelegt habe, auch wenn es nicht genug Beweise gab, ihn in diesem Verfahren zu verurteilen.

      Bezeichnend war folgender Wortwechsel zwischen Katie Couric, der Ko-Moderatorin der Today Show von NBC, und Jacksons Anwalt Mesereau:

      Couric : Einige Geschworene sagen, dies sei ein Nicht-schuldig-Urteil, kein Unschuldsspruch. Ein Geschworener sagte, er glaube, Michael Jackson habe andere Kinder, bloß nicht dieses eine, sexuell belästigt. Ist dies also wirklich die Rehabilitation, die Michael Jacksons Anhänger in ihr sehen?

      Mesereau : Ja, das ist sie. Macaulay Culkin kam und sagte aus, er sei niemals angerührt worden. Mr. Robinson sagte aus, er sei nie berührt worden. Mr. Barner bezeugte, auch er sei niemals angerührt worden. Ich meine, man hat versucht, Theorien über Mr. Jacksons Verhalten in Umlauf zu setzen, die in sich zusammengebrochen sind, weil sie nicht wahr sind.

      Couric : Aber finden sie es nicht beunruhigend, Mr....

      Mesereau : Ich denke, es ist eine vollständige Entlastung.

      Couric : Finden sie es nicht dennoch beunruhigend, Mr. Mesereau, dass ein Geschworener sagt: ‚Ich glaube, dass Michael Jackson Kinder belästigt, oder früher einmal Kinder belästigt hat’?

      Mesereau : Nein. Ich finde es nicht beunruhigend, weil wir den Fall gewonnen haben, und wir mussten ihn auch gewinnen. Er ist unschuldig.

      Laut Meinungsumfragen glaubt weiterhin eine Mehrheit an Jacksons Schuld. Aber woher bekommt die Öffentlichkeit ihre Informationen? Verteidiger Barry Schenk wies in der Today Show darauf hin, dass die Öffentlichkeit den Prozess durch das Brennglas der Medien verfolgte, während die Geschworenen ihn direkt miterlebten.

      Die ausgekochte Verschwörung, die Sneddon Jackson vorwarf - er habe die Familie seines angeblichen Opfers entführt und sie nach Brasilien transportieren wollen - erwies sich als absurd. Mesereau konnte ohne Schwierigkeit beweisen, dass Familienmitglieder während ihrer angeblichen Gefangenschaft auf Einkaufstour waren. Die Mutter des damals 13-Jährigen hatte sich sogar einer Schönheitskur unterzogen, und der Junge und sein Bruder waren beim Kieferorthopäden. Zeugen sagten aus, dass die Familie drei Mal von Jacksons Neverland Ranch "entwichen" und wieder zurückgekehrt sei, einmal in einem Rolls Royce, aber nie um Hilfe gerufen habe.

      Die Verteidigung legte auch unwiderlegte Beweise vor, dass die Mutter des Jungen von J.C. Penney eine Entschädigung von 152.000 Dollar kassierte, nachdem sie Sicherheitsleute beschuldigt hatte, sie begrapscht zu haben, obwohl die Verletzungen von Misshandlungen durch ihren Ehemann stammten. Es gelang Mesereau, die Mutter als geschickte Betrügerin darzustellen, die auch früher schon Geld für ihren Krebskranken Sohn aus Berühmtheiten herausgeholt hatte.

      Mitglieder der Jury sagten nach dem Prozess vor der Presse, dass die Mutter des Jungen einen sehr ungünstigen Eindruck auf sie gemacht habe. In ihrer Aussage hatte die Frau behauptet, "Killer" hätten ihr während ihrer angeblichen Gefangenschaft gedroht und geplant, ihre Kinder in einem Heißluftballon zu entführen.

      Mehrfach entpuppten sich Initiativen der Staatsanwaltschaft als Rohrkrepierer. Die von Sneddon als Zeugin aufgerufene Debbie Rowe, Jacksons Ex-Frau, erwies sich als dem Sänger recht gewogen. In seiner Eröffnung hatte der Bezirksstaatsanwalt der Jury angekündigt, Rowe werde aussagen, dass ein Video, das sie zur Unterstützung von Jackson aufgenommen habe, unter Druck gemacht worden sei, und dass ihr Auftritt genau festgelegt gewesen sei. In ihrer Aussage wies Rowe, die mit Jackson im Streit um das Sorgerecht liegt, diese Version zurück und nannte den Popsänger "meinen Freund".

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      "When people's minds are clouded by anger or hatred, no angel can reach them". ~Michael Jackson~
    • Die Anklage rief mehrere ehemalige Beschäftigte der Neverland Ranch in den Zeugenstand, die behaupteten, dass Jackson Anfang der 1990er Jahre mehrere Jungen betatscht habe. Die meisten dieser Zeugen hatten entweder Jackson verklagt oder Geschichten über ihn an die Medien verkauft. Wie Mesereau im Interview mit Couric betonte, verneinten die Jungen, die selbst aussagten, jedes Fehlverhalten Jacksons.

      Verschiedene Geschworene erklärten gegenüber den Medien, dass die Staatsanwaltschaft die Anklage einfach nicht bewiesen habe. Eine der Geschworenen, eine Mutter mittleren Alters, sagte gegenüber der Presse: "Die Beweislage sagte alles. Es gab einen ganzen Haufen Beweise, die alle auf das gleiche hinaus liefen - es war einfach nicht genug für eine Verurteilung. Die Dinge ergaben keinen Sinn"

      In einer Erklärung, die vom Richter verlesen wurde, erklärte die aus acht Frauen und vier Männern bestehende Jury: "Wir, die Jury, fühlen das Gewicht der Augen der Welt auf uns lasten. Wir haben die Zeugenaussagen, die Indizien, Regeln und Vorschriften gründlich studiert. Wir sind uns unseres Urteils sicher."

      Einige Geschworene erklärten, dass sie im Verlauf des Prozesses Jackson immer weniger als Berühmtheit gesehen hätten. "Obwohl er ein Superstar ist, ist er ein Mensch," erklärte eine Geschworene. "Wenn man ihn so während des ganzen Prozesses gesehen hat, kommt man zum Schluss, dass er ein normaler Mensch ist. Er ist dadurch für mich zu einem realen Menschen geworden."

      Rodriguez sagte in ABC’s Good morning america, dass Jackson ihnen gedankt habe.
      "Er sah zu uns herüber. Gegen Ende der Urteilsverkündung hatte ich Augenkontakt mit ihm; er bewegte die Lippen und sagte deutlich `Danke’."

      wsws.org/de/articles/2005/06/jack-j17.html
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      "When people's minds are clouded by anger or hatred, no angel can reach them". ~Michael Jackson~
    • auch die "Zeit" veröffentlichte zum Freispruch von Michael Jackson einen Bericht (16.06.2005)

      PROZESS
      Höchststrafe Freiheit
      Michael Jackson wurde für nicht schuldig befunden. Jetzt kehrt er in das Gefängnis seiner Kunstwelt zurück
      16. Juni 2005 14:00 Uhr

      Der Freispruch ist kein Freispruch. Michael Jackson ist in das Gefängnis seiner Kindheit zurückgekehrt. Nichts zeigte dies deutlicher als Jacksons letzter Auftritt selbst: Zur Verkündung des Urteils erschien er wie ein vorübergehend aus der Haft Entlassener. Die Wagenkolonne, die ihn zum Gericht brachte, war ein Gefangenentransport oder, düsterer noch, ein Leichenzug, schwarze Limousinen mit schwarzen Fenstern.

      Sie haben einen lebenden Toten gebracht – und wieder mitgenommen. Was sollte Jackson auch passieren? Es ist ihm alles schon passiert. Für Jackson ging es in dem Urteil nur noch darum, ob er in ein staatliches Gefängnis kommt oder ob er in dem Kerker weiterleben darf, den er sich mit seiner berühmt-berüchtigten Farm Neverland selbst gebaut hat. Neverland! Nur die aus Blumenrabatten gepflanzte, riesige Uhr zeigt, dass auch hier den Glücklichen wie den Unglücklichen noch die Stunde schlägt.

      Was immer die Details der Urteilsbegründung ergeben, die in den nächsten Wochen zerpflückt werden wird: Das Urteil ist gerecht, weil es dem Stand der Ermittlungen gerecht wird. Trotz der Tonnen angeblicher Beweismaterialien, die eine Hundertschaft Polizisten in der Neverland-Ranch beschlagnahmte, trotz eines kurz vor den Schlussplädoyers gezeigten Videos mit belastenden Aussagen des 13-Jährigen, der durch Zufuhr von Alkohol gefügig gemacht worden sein soll, ließ sich der Verdacht gegen Jackson nicht erhärten. Die Jury hätte auch zu einem anderen Ergebnis kommen können. Es war die dünne Faktenlage, die den Ausschlag zum Freispruch gab. Die Geschworenen haben dem populistischen Druck zu Härte nicht nachgegeben und daran erinnert, dass auch für gefallene Popstars die Unschuldsvermutung gilt.

      Sage keiner, dies sei eine Selbstverständlichkeit. Der Jackson-Prozess war, obwohl die Öffentlichkeit aus dem Gerichtssaal verbannt wurde, ein Schauprozess im wahrsten Sinne des Wortes, in tragenden Rollen besetzt mit Talkmastern, die sich wie Richter gerierten, mit Prominenten, die sich spektakulär auf die eine oder andere Seite schlugen, mit einem Staatsanwalt auf Rachefeldzug und einem Angeklagten in strategischer Opferrolle. Dazu kamen investigative Journalisten, die für eine Hand voll Dollar mehr um Bilder kämpften. Zu den Gewinnern des Prozesses gehört allen voran der Besitzer eines Flachdachs in unmittelbarer Nähe des Gerichtsgebäudes. 300000 Dollar soll er mit der Vermietung von Parzellen an die Berichterstatter verdient haben.

      Der "Fall Jackson" ist ein Lehrstück über die Macht geworden, die die Medien über die Wirklichkeit haben. Zugleich zeigt er, wie ambivalent die Beziehung des Publikums zu Stars dieser Größenordnung bleibt. Celebrities heißen die Personen, die so viel symbolische Energie auf sich ziehen, dass am Ende alle ihre Lebensäußerungen auch nur noch als Zeichen gelesen werden.

      Wenn es in Michael Jacksons Universum ein Zeichen gab, das alle anderen himmelweit überragte, dann war es seine Jagd nach der Kindheit. Davon war er besessen. Die Kindheit, so könnte man in Anspielung auf einen Satz von Jean Paul sagen, ist das einzige Paradies, aus dem wir nicht vertrieben werden können. Für Jackson gilt das nicht. Er hat dieses Paradies in der Wirklichkeit seines Lebens nie betreten können, er hat es künstlich schaffen müssen. Am Anfang seines Lebens stand für ihn nicht Unschuld, sondern Gewalt. Der Vater hat ihn misshandelt und fürs Leben zugerichtet.

      Damit begann Michaels Drama. Er wurde mit harter Hand ins Leben geprügelt und in den Erfolg. Als der sich einstellte, schien der Vater gerechtfertigt: Seine Schläge waren eine Abschlagszahlung auf die Zukunft. Sie hatten sich rentiert.

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      Das machte den Auftritt seiner Familie zur Urteilsverkündung so wirkungsvoll. Es war eine Inszenierung, und sie hieß: Dieser Mann ist kein Triebtäter, er ist selber ein misshandeltes Kind. Der Vater, der seinem Sohn das Leben zur Hölle gemacht hatte, stand nun als Zeuge an Michaels Seite. Ist es nicht die Schuld des Vaters, wenn Jackson heute wie eine leer gesaugte, kaum des Gehens mächtige Mumie wirkt? Aber dass der Sohn den Alten bei dieser Gelegenheit als Tröster und Stütze neben sich duldete, zeigte auch: Er hat dem Vater vergeben. Es war dieses Inbild familiärer Fürsorge, Abbitte, Gnade, das nach außen wirken sollte: Wenn der Sohn seinem Vater die Grausamkeit verzeiht, so sollen auch das Gericht, die Geschworenen, letztlich das Publikum in aller Welt seinem berühmten Star jene Taten vergeben, die nicht einmal bewiesen sind.

      Das ist das größte, vielleicht auch das letzte Bild, das Jackson seinen Fans hinterlässt. Und weil er seinem Vater den Raub der Kindheit verzeiht, ist für ihn selbst endlich der Weg offen in jene zweite Kindheit, die Neverland heißt. An Neverland klebt von Anfang an die ebenso große wie infantile Hoffnung, das ihm Vorenthaltene zurückerobern zu können. Jackson wollte sein Trauma unschädlich machen, deshalb suchte er das Leben vor der häuslichen Gewalt, deshalb stand alles im Zeichen des Unversehrten. Die Kindheits-Imago war der magnetische Pol im Territorium des Pop. Michael Jackson wurde zu Peter Pan. Aber Neverland, die naive Insel im Meer der Erwachsenen, wurde zu einem Freiluftgefängnis, ein kaltes und absurdes Paradies, eine Zuchtstätte manipulierter Träume.

      Nichts dokumentiert Jacksons Tragik trostloser als diese Ranch. Je verzweifelter er der Kindheit nachjagt, desto weiter entfernt er sich von ihr. Es gibt keine Rückkehr, denn die Bilder von Unschuld und Kindheitsglück sind längst selbst kalifornisiert und Bestandteil jener erwachsenen Welt, der Jackson entfliehen will. Nichts wirkt korrumpierter und zerstörerischer als die Techniken, mit denen Jackson auch körperlich versucht, sein Trauma abzustreifen und aus seiner Haut zu fahren. Die Serie von Operationen, die unzähligen Hautaufhellungen, überhaupt der Masochismus der methodischen Selbstdisziplin – es ist eine Gewalt gegen sich selbst, die nichts anderem dient, als in den Stand der Unschuld zurückzufinden.

      Die Farbe dieser Unschuld ist für ihn Weiß. Weiß ist Jacksons Haut geworden, weiß ist letztlich auch sein berühmter Moonwalk, jener schwerelos nach rückwärts vorauseilende Tanzschritt. Hätte er ihn gegen den schlurfenden, von fehlenden Schnürsenkeln behinderten Schritt eines schwarzen Strafgefangenen überhaupt tauschen können? In dieser Frage lag, von der Ikonografie des Pop her gesehen, schon eine Vorwegnahme des Urteils. Der Schlurfschritt ist die Geste einer weit jüngeren schwarzen Popkultur, die sich damit vor dem kriminellen Bruder im Gefängnis verbeugt. Hätte sich der einzige schwarze Musiker, der sich fast vollständig in einen Weißen verwandelt hat, im Gefängnis wieder einem schwarzen Code unterwerfen können?

      Nein. Man könnte mit der gebotenen symbolischen Übertreibung sagen: Einen Schwarzen, der so hart gearbeitet und sich den Weißen bis zur Selbstaufgabe genähert hat, nun zur Umschmelzung zurückzugeben in den Kessel, das konnten die nichtschwarzen Amerikaner, von denen die Jury gebildet wurde, nicht zulassen.

      Sie vermochten ihn aber auch nicht wirklich freizusprechen. Dass er, von der irreparabel darniederliegenden Karriere einmal abgesehen, glimpflich davonkam, ist begrüßenswert nur im Sinne der dürftigen Beweislage. Ob das Urteil auch den Tatsachen entspricht, wird wohl nie mehr ans Licht kommen. Zur Art der Prozessführung gehörte nämlich auch, dass mögliche Tatbestände unter einem Wust an Gutachten, widersprüchlichen Zeugenaussagen, vermeintlichen Enthüllungen und Gegenenthüllungen verschwanden. Wer hat noch einen Überblick über die hundertseitigen Anklageschriften, die im Internet kursieren? Und was wird dort aus ihnen, wenn sie weiter kursieren, als Kopien und Kopien von Kopien? Ein unerschöpfliches, unkontrollierbares Material von Legenden.

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      Jackson kämpfte nicht nur mit Symbolen, er kämpfte auch mit den Mitteln des Rechts, und das ist am Ende sein Verhängnis. Denn es gibt auch eine Rache des Rechts. Jackson wurde freigesprochen, aber damit hat er, der immer seiner kindlichen Unschuld nachjagte, in den Augen der Öffentlichkeit seine Unschuld erst recht verloren. Der "King of Pop" ist auf mysteriöse Weise schuldig. Jackson hat den Prozess allein schon durch das Ausbreiten des Materials verloren, durch die öffentliche Intimisierung und Ausleuchtung seines Lebens. Der Prozess selbst war das Urteil, ein Standgericht in Permanenz. Er konnte ihn nur verlieren. Die Frage von Schuld oder Unschuld verwandelte sich für alle sichtbar in eine Frage der szenischen Aufbereitung vor Gericht. Dies ist die vorläufig letzte Lehre aus der Causa Jackson, und sie ist bitter: Prozesse solcher Prominenz sind wie sublimierte Kriege. Hier wie dort stirbt die Wahrheit zuerst.

      zeit.de/2005/25/Jackson