Dancing With The Elephant

  • Willa: Und wie man dem Interview mit Diane Sawyer entnehmen kann, war das sein Ziel. Denn er sagt zu ihr: „Ich wollte jedermanns Aufmerksamkeit.“



    Eleanor: Meine hat er ganz sicher bekommen! Mit Zuversicht und indem ich beim Studieren dieses Films auch zwischen den Zeilen gelesen habe, gab er mir sowohl ein tieferes Verständnis für ihn als Mensch und Visionär, als auch für das Ausmaß der Herausforderungen, denen er ausgesetzt war. Letztendlich sehe ich darin einen Beweis für seinen unbezwingbaren Willen und seine beständige Hoffnung auf die Zukunft.


    Als Objekt einer Verleumdungskampagne, die jeden anderen zerstört hätte, von der Polizei brutal behandelt und vom Staatsanwalt von Santa Barbara gehetzt und schikaniert – Angriffe, die oberflächlich betrachtet, mangels Beweisen gegen ihn, aber einer Masse von Beweisen, die für ihn sprechen, keinen Sinn ergeben – analysierte er sie im Zusammenhang mit der Kulturgeschichte, um die wirklichen Hintergründe herauszufinden. Mit HIStory bekommen wir das Ergebnis dieser Analyse. Mit HIStory dreht er den Spieß für seine Ankläger um, er kriminalisiert die Gesellschaft, die versuchte, ihn zu kriminalisieren.


    Indem eine Bildsprache, die mit ‘dem Reich des Bösen’ in Verbindung steht, benutzt wird, aber Bildern des Mannes gegenüber gestellt ist, dessen größtes Verlangen es war, die Welt zu heilen, vergleicht HIStory die Werte Michael Jacksons mit den Werten der Menschen, die gegen ihn agieren und enthüllt den Ursprung dieser Werte. Einen modernen Helden präsentierend, liefert HIStory ein überzeugendes Argument dafür, dass die bösartigen Angriffe auf Michael Jackson aus der Angst entstanden, dass er – als Person und mit seiner Kunst – alle Voraussetzungen untergrub, die eine imperialistische Gesellschaft unterstützen. Eine Gesellschaft, deren Funktion auf Trennung anstelle von Vereinigung basiert, oft auf der Grundlage von Rasse.


    HIStory entlarvt die Attacken auf Michael Jackson als politisch und kulturell, deren rücksichtslose Art in sich selbst Beweis seiner politischen und kulturellen Macht und dem Ausmaß der Bedrohung ist, die er für den Status Quo repräsentierte – und weiterhin repräsentiert – eine Macht und Bedrohung, die Susan Woodward in ihrem interessanten Buch Otherness and Power: Michael Jackson and His Media Critics (‘Anderssein und Macht: Michael Jackson und seine Medienkritiker’) erkannte und analysiert.



    Willa: Ich habe durch Susans Buch auch viel gelernt. Sie wird sogar bald hier sein, um mit mir darüber zu sprechen. Aber zurück zu dem, was du über HIStory gesagt hast. Es stimmt, dass es das erste Album ist, was nach den Anschuldigungen von 1993 herauskam, und mit dem HIStory Teaser startete die Veröffentlichungskampagne des Albums. Und wow… er machte es sehr deutlich, dass er sich nicht von all dem, was über ihn gesagt wurde und was die Polizei und Presse ihm angetan hatte, beschämt zum Schweigen bringen lassen würde. Der HIStory Film ist mutig und trotzig, soviel ist sicher. Aber es ist interessant, dass du ihn auch als direkte Herausforderung der zu Grunde liegenden politischen und kulturellen Ideologie siehst – nicht nur der Anschuldigungen an sich, sondern auch wie das Einfließen dieser Anschuldigungen in die bereits existierenden Vorurteile die kulturelle Wut auslöste, die darauf folgte. Darüber würde ich gerne mehr erfahren.



    Eleanor: Willa, ich bin tatsächlich auch sehr glücklich, meine Gedanken zu teilen. Wie du erwähnt hast, kamen mir diesen Sommer, als ich an meinem Buch arbeitete – und über die Beziehung von Imperialismus zu Rassismus, insbesondere über die Rolle, die imperialistische Werte bei der Behandlung Michael Jacksons spielten, nachdachte – die ‘imperialen’ Bilder des History Teasers in den Sinn.


    In meinem Buch geht es allgemein darum, wie die Macht von Mythen die Lebensweise einer Gesellschaft formt, und insbesondere über die Macht des Schöpfungsmythos in der Genesis, um die imperialistische Lebensweise durch das Anerziehen eines Glaubens an einen körperlosen, über das Materielle hinausgehenden Gott, zu formen und zu bewahren.


    Die Genesis trennt Gott und das Heilige von der Natur und der materiellen Welt, erhebt ihn darüber, stellt ihn an die Spitze, und erschafft die Menschheit nach seinem Bild, eine transzendente Weltanschauung und ein Wertesystem kreierend, das auf Trennung und Hierarchie basiert, und die Menschheit von der Natur und den Körper vom Geist trennt.


    Durch die ganze Geschichte des christlichen Abendlandes hindurch, hat ein Reich nach dem anderen diese Weltanschauung genutzt, um eine Rasse oder Nation als die am perfektesten nach „Gottes Ebenbild“ erschaffene herauszustellen und hat diese dann als die „vollkommenen Menschen“ definiert und sie damit über alle anderen erhoben, sie an die Spitze gestellt und mit ihnen eher das Geistige als das Körperliche verbunden. Diejenigen, die beherrscht wurden, anstatt zu herrschen, wurden definiert als Masse, als Körper ohne Verstand. Sie sind üblicherweise dazu bestimmt, die kulturell weniger wertvolle, körperliche Arbeit zu erledigen und ihnen wird ihr volles Menschsein abgesprochen – sofern sie überhaupt als menschlich definiert werden. In der U.S. Verfassung (Artikel 1, Abschnitt 2) z.B. wird der Wert eines Sklaven nur mit 3/5 des Wertes einer freien Person angesetzt.



    Willa: In einem weiter zurück liegenden Post sprachen wir mit dir über die Zusammenhänge dieser Transzendenz-Ideologie und wie sie zu Frauenfeindlichkeit und Rassismus beiträgt. In diesem Post hast du erklärt, wie du ‘Transzendenz’ als zentrales Konzept der jüdisch-christlichen Kultur siehst, und gemeint, dass Michael Jackson regelrecht eine neue Ideologie verkörperte, die der ‘Immanenz’. Es war sehr faszinierend und eines der Gespräche, die meine Sicht der Welt wirklich veränderten. Du hast auch die üblen Konsequenzen dieser Ideologie der ‘Transzendenz’ für Mensch und Umwelt erläutert.



    Eleanor: Ja, für mich liegt die kulturelle Signifikanz Michael Jacksons darin, dass er die Inkarnation von Immanenz ist. Indem er eine Alternative zu der transzendenten Weltsicht repräsentiert, ist er auch die Verkörperung anti-imperialistischer Werte. Für mich ist es faszinierend, dass er sich in HIStory auf Triumph des Willens bezieht, das sicherlich effektivste Beispiel einer imperialistischen Propaganda, das je erschaffen wurde.


    Ich hatte immer angenommen, Triumph wäre gedreht worden, als das Naziregime auf dem Gipfel der Macht war, und dass es sich um eine direkte Dokumentation einer wichtigen Naziversammlung handelte. Aber in Wirklichkeit wurde es schon viel früher gefilmt, 1934, und die Versammlung wurde extra für den Film organisiert. Riefenstahl hat also nicht die Realität dokumentiert, sondern sie hat sie konstruiert, indem sie die Bilder verwendete, die das Weltbild der Nazis nicht einfach widerspiegelten, sondern die es erschufen. Riefenstahl kreierte den Mythos, der Nazi-Deutschland erschuf und stützte.



    Willa: Wow, Eleanor, das ist faszinierend.



    Eleanor: Gemäß einem Artikel, der 2003 kurz nach ihrem Tod geschrieben wurde, heißt es: “Bis heute wird keine Dokumentation über den Nationalsozialismus ohne Bilder aus diesem Film veröffentlicht, kein anderer Film hat unsere visuelle Vorstellung darüber, was Nationalsozialismus bedeutete, so geprägt, wie dieser Film.“


    http://www.wsws.org/en/articles/2003/09/rief-s15.html



    Willa: Das ist sehr interessant, und es passt zu dem, was mich schon lange beschäftigt – die Kraft der Kunst liegt nicht nur darin, die Realität zu reflektieren, sondern sie schafft eine neue Realität.


    Im 18. Jahrhundert gab es z.B. gleichzeitig zwei wichtige Trends: Das Entstehen einer neuen, zuvor nicht existierenden Gesellschaftsschicht (der Mittelschicht), und einer neuen Kunstform (dem Roman). In ihrem Buch über die politische Historie des Romans Desire and Domestic Fiction: A Political History of the Novel, erörtert Nancy Armstrong, dass diese neue literarische Form nicht nur die Interessen dieser neuen Gesellschaftsschicht reflektierte, so wie es Wissenschaftler vorziehen, wenn sie über diese Zusammenhänge schreiben, sondern dass der Roman vielmehr dazu beigetragen hat, die Mittelschicht zu erschaffen. Armstrong argumentiert damit, dass der Roman eine Art neues soziales Bewusstsein erschuf, indem die Menschen nicht nur nach ihrem Stand beurteilt wurden, sondern nach der „Beschaffenheit ihres Geistes“, und dieses neue Bewusstsein erschuf die ideologische Basis für soziale Mobilität (Durchlässigkeit) und dadurch die Mittelschicht.


    Das ist der gleiche Prozess, den du bei Triumph des Willens beschreibst. Es wird weniger die breite öffentliche Akzeptanz der Nazi-Ideologie dokumentiert, als dass eine Vision davon geboten wird, wie ein Nazi-Triumph aussehen könnte, und unterstützt dadurch gleichzeitig, es zur Wirklichkeit werden zu lassen.


    Ich sehe ein sehr ähnliches Bild bei Michael Jackson. Durch sein ganzes Werk hindurch erschafft er nicht nur kraftvolle Kunst, sondern dadurch auch ein neues kulturelles Verständnis, das gesellschaftliche Veränderungen ermöglicht. Er zeigt uns, wie unsere momentanen Gesellschaftsstrukturen versagen, besonders bei denen, die an den Rand gedrängt und machtlos sind und schlägt neue kulturelle Möglichkeiten vor.

    Wenn jemand mit unvergleichlichem Talent geboren wird und dieses mit unvorstellbarer Disziplin und Leidenschaft vollendet, dann verändert er die Musikwelt für immer.


    Und wenn aus dieser Kunst eine unendlich reine und schöne Seele spricht, dann berührt sie die Herzen der Menschen für immer.

  • HIStory Teaser
    Ich finde und fand schon immer, dieses Video ist grandios und zugleich provokativ und auch da sehen die Leute wie immer nur das Schlechte und die
    wenigsten gaben sich die Mühe, einmal hinter die Fassaden zu schauen! Was ist denn so schlimm daran, sollte es eine Ähnlichkeit mit Leni R. Triumpf
    des Willens geben (und da bin ich fest von überzeugt). Aber nein, die Kritiker sahen immer nur das Schlechte in Michael, Grössenwahn und Hitlerfreund
    und wer weiss was noch alles! Ich finde es spektakulär und habe mich über diese Artikel bei All4Michael damals sehr gefreut! Es ist gut zu wissen, dass
    es Menschen gibt, die sich so intensiv mit Michaels Kunst und seinen Visionen beschäftigen. Dieses Video sollte provozieren, aufrütteln und uns vor
    Augen führen, in was für einer Welt wir leben!

    "Wann immer ich einen sonnenuntergang sah, wünschte ich mir rasch
    etwas kurz bevor die sonne sich am westlichen horizont verbarg und
    verschwand. Das war so als ob die sonne meinen wunsch mit sich genommen
    hatte. Ich entließ meinen wunsch kurz bevor das letzte bisschen licht
    versiegte."


    Michael Jackson - Moonwalk

    2 Mal editiert, zuletzt von DreamDance298 ()

  • Eleanor: So ist es, indem er, wie du sagst, „ein neues kulturelles Verständnis, das gesellschaftliche Veränderungen ermöglicht“ erschafft, hat Michael Jackson, wie auch Leni Riefenstahl mit dem Medium Film, die Kraft der Kunst, unsere Sicht auf die Welt zu formen und zu beeinflussen, erkannt. Wenn er sich in seinem Film HIStory auf Riefenstahl bezieht, verkündet er, dass auch er ein Erschaffer von Mythen ist, aber er kreiert einen neuen Mythos, um eine neue Realität zu erschaffen. Anstatt jedoch die Bühne für ein weiteres Reich zu bereiten, und sich selbst „zu vergöttern“, wie die Medienkritiker dachten (siehe Diane Sawyers Zitat weiter oben), wendet sich sein Mythos gegen das Konzept, dass manche Menschen gleicher sind als andere und zerstört den imperialistischen Mythos völlig.


    Er wusste, dass HIStorys Riefenstahl-ähnliche Bildsprache – die monumentale Architektur, die weiten Boulevards und Versammlungsplätze, die Formationen im Gleichschritt – bei den meisten Menschen Nazi-Abscheulichkeiten in Erinnerung ruft und nicht etwa kaiserliche Pracht, und er vertraute darauf, dass seine Fans, und sogar die Kritiker und Medien, den Unterschied zwischen dem, was Michael Jackson symbolisiert und dem, wofür Adolf Hitler steht, erkennen würden.



    Interessanterweise repräsentierte MJ als afro-amerikanischer Musiker eine Gruppe, die von den Nazis genauso verachtet wurde, wie die Juden. „Entartete“ afro-amerikanische Musik zu hören (zu jener Zeit Jazz) war von den Nazis verboten und wurde mit Gefängnis oder gar dem Tod bestraft, als Teil ihres Drangs, die sogenannte arische Rasse und Kultur zu säubern. Hier ist ein interessanter Artikel, der sich mit der Angst und der Abscheu der Nazis vor Jazz beschäftigt, in dem es heißt, „In dem von Nazis besetzten Europa… wurde Jazz unterdrückt; ihm hing das Stigma von Unreinheit, Erneuerung, Leidenschaft an… alles von Totalitaristen missbilligte Qualitäten (sogar der antifaschistische Theoretiker Theodor Adorno hatte eine starke Abneigung gegen Jazz).“


    http://www.openculture.com/201…for_jazz_performers_.html



    Willa: Das ist ein sehr interessantes Thema, über das ich nichts wusste, bevor Midnight Boomer und Ultravioletrae es letzten Juni in den Comments angesprochen hatten. Ich würde das wirklich gerne vertiefen. Vielleicht sollten wir alle zusammen über dieses Thema einen Post schreiben.


    Im HIStory Teaser sieht man also, wie Michael Jackson an die Geschichte von Imperien und Imperialismus erinnert und sie zugleich neu schreibt?



    Eleanor: Ja. HIStory schlägt einen weiteren Nagel in den imperialen Sarg, indem die Soldaten mit den Uniformen der Sowjetunion kostümiert sind, was Erinnerungen an den Gulag und den KGB („was doggin’ me“ /„verfolgte mich“) weckt. HIStory setzt noch eins drauf durch das Hinzufügen eines amerikanischen SWAT-Teams (Anmerkung: amerikanische Spezialeinheit), in den afro-amerikanischen Vierteln bekannt dafür, Türen einzutreten und erst später Fragen zu stellen, und macht die Übel des Dritten Reichs dadurch unmittelbar greifbar.


    Durch die Verknüpfung von sowjetischem Totalitarismus und dem amerikanischen Polizeistaat (der schon bald in deiner Nachbarschaft auftaucht) mit Nazi-Faschismus verbindet HIStory alle drei mit imperialer Unterdrückung, diejenige der Vergangenheit und der Gegenwart. Addiert man zu dieser Mischung Michael Jackson, einen schwarzen Künstler mit außergewöhnlichen Visionen und einem großen Herzen, sowie dessen ethnische und private Geschichte, gibt HIStory Hoffnung für die Zukunft und erinnert uns gleichzeitig an die Vergangenheit – auch an seine.



    Willa: Und von seinen anderen Werken her wissen wir, dass das Thema Imperialismus für ihn von Bedeutung ist. Mehrfach erweckt er geschickt unsere koloniale Vergangenheit und stellt die anhaltenden Konsequenzen von Kolonialismus und Imperialismus einander gegenüber. Darüber sprachen wir beispielsweise kurz in Artikeln über die Kurzfilme für Black or White, They Don’t Care About Us und Liberian Girl. Und ich glaube, dieses langjährige Interesse für die fortdauernden Effekte von Imperialismus ist bei der Annäherung an den HIStory Teaser von großer Bedeutung.


    Du denkst also, dass er in HIStory seine andauernde Beschäftigung mit dem Imperialismus auf Faschismus und andere autoritäre Gesellschaftsstrukturen ausdehnt? Das ist wirklich interessant – und es hilft dabei zu erklären, warum er auf Triumph des Willens als Vorlage zurückgreift.


    Ehrlich gesagt habe ich den Film nie zuvor gesehen, aber ich habe ihn auf YouTube gefunden. (Auf YouTube findet man fast alles!) Hier ist ein Link:


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    Ich muss sagen, nach allem, was wir darüber wissen, wie alles so schrecklich falsch lief bei der Nazi-Bewegung, nähere ich mich diesem Film mit großer Angst …



    Eleanor: Bevor wir diesen Post machten, hatte ich ihn auch noch nie gesehen, Willa, nur kleine Ausschnitte. Und ich fühlte dasselbe. Eigentlich nähere ich mich sogar HIStory mit Furcht.



    Willa: Triumph ist sehr verstörend, wie du vorhin gesagt hast. Und diese faschistische Bildsprache ist ein weiterer Grund, warum ich so zögerlich dabei war, es anzusehen. Aber es war überhaupt nicht das, was ich erwartet habe. Und im Grunde gibt es da einige Aspekte, die auf überraschende Art direkt mit Michael Jackson in Verbindung gebracht werden können.


    Der Film betont zum Beispiel, dass Hitler den Nazismus als jugend-basierte Bewegung versteht. Hitler hält im Verlauf des Films fünf ganz kurze Reden, und seine vielleicht beste Rede ist an ein Meer etwa 12-jähriger Jungen gerichtet. (Diese Szene beginnt bei etwa 45 Minuten). Hier ist das, was er zu ihnen sagt:


    Wir wollen ein Volk sein. Und ihr, meine Jugend, sollt dieses Volk nun werden. Wir wollen keine Klassen und Stände mehr sehen. Ihr dürft dies nicht zwischen euch entstehen lassen.


    Er richtet also seine Botschaft an Kinder, an vorpubertäre Kinder, und seine Betonung ist, dass sie alle „ein Volk“ sind – ein sehr nach Michael Jackson klingendes Konzept. Hitler sagt weiter:


    Und ich weiß, das kann gar nicht anders sein, denn ihr seid Fleisch aus unserem Fleisch und Blut, von unserem Blut. Und in euren jungen Gehirnen brennt derselbe Geist, der uns beherrscht. Ihr könnt gar nicht anders, als mit uns verbunden zu sein.


    Diese Worte – „Ihr seid Fleisch aus unserem Fleisch und Blut, von unserem Blut“ – hat wirklich meine Aufmerksamkeit gefesselt, aus mehreren Gründen. Während Hitler zum einen sagt, dass sie „ein Volk“ ohne „Klassenunterschiede“ seien, glaubte er keineswegs daran, dass alle Menschen oder sogar alle Deutschen „ein Volk“ seien. Genau das Gegenteil war der Fall. Er wollte unbedingt Einteilungen zwischen einigen Gruppen von Menschen behalten, solche wie Juden und Heiden, Schwarze und Weiße, Hetero- und Homosexuelle, körperlich gesunde und behinderte Menschen, besonders jene mit genetisch bedingten Behinderungen.


    Er spielt hierauf unterschwellig in seiner abschließenden Rede im Film an, als er sagt: „Die Einteilungen der Vergangenheit wurden durch einen hohen Standard, der nun die Nation anführt, ersetzt. Wir tragen das beste Blut in uns, und wir wissen das.“ Dieses Thema des Blutes ist also ein sehr Wichtiges für Hitler, denn er setzt es ein, um seine Gedanken der Rassenreinheit zu unterstützen.



    Eleanor: Ja, nach allem, was wir wissen, lassen diese Worte mein eigenes Blut gefrieren. Hitler spricht nicht nur über irgendein Blut, sondern über „das beste Blut“ – das Blut „unserer Menschen“, die von Gott erschaffen wurden.


    Nichts wird aus dem Nichts kommen, wenn es nicht auf einem größeren Auftrag beruht. Dieser Auftrag wurde uns nicht von einem irdischen Vorgesetzten gegeben. Er wurde uns von Gott gegeben, der unser Volk erschaffen hat.


    Um seine eigenen Ambitionen zu untermauern bezieht sich Hitler mit diesen Worten auf die Schöpfungsgeschichte im ersten Buch Mose, und behauptet damit, dass der den Nazis auferlegte soziale und politische Auftrag – der Faschismus – von Gott ausgeht, und dass das deutsche Volk (wenigstens einige von ihnen) nach Gottes Ebenbild gemacht wurden, dem Bild des allmächtigen und allwissenden und alles überragenden Geistes. Oder wie Riefenstahl es im Fall von Hitler und den Nazis ausdrückt, im Begriff des „Willens“.


    Obwohl als Katholik geboren, war Hitler selbst nicht gläubig, aber die Mehrheit des deutschen Volkes war es. Um also seine eigene Agenda zu legitimieren, stellte er seine Ansichten im Rahmen des christlichen Glaubens dar. Basierend auf den Studien zu diesem Film (und darauf, was ich allgemein über Hitler weiß) erscheint es mir so, dass er die Deutschen und die Nationalsozialistische Partei und auch seine eigenen Ambitionen als den reinsten Ausdruck göttlichen Willens vermarktet.



    Willa: Daher kommt also der Titel Triumph des Willens? Ich habe mich gefragt, was der Titel bedeutet …

    Wenn jemand mit unvergleichlichem Talent geboren wird und dieses mit unvorstellbarer Disziplin und Leidenschaft vollendet, dann verändert er die Musikwelt für immer.


    Und wenn aus dieser Kunst eine unendlich reine und schöne Seele spricht, dann berührt sie die Herzen der Menschen für immer.

  • Eleanor: Nun Willa, ich vermute es nur. Aber der Wille ist die Manifestation des Geistes, und Gottes Wille, so wie in „sein Wille geschehe“, ist ein wichtiger christlicher Begriff, der weithin bekannt ist. Es ist außerdem sehr wahrscheinlich, dass der Begriff „Wille“ einen Bezug zu dem Titel von Schopenhauers Buch Die Welt als Wille und Vorstellung (‘The World as Will and Idea’) herstellt. (Im Deutschen nutzen beide Titel dasselbe Wort für „Wille“). Als große Mythenerschafferin stellt Riefenstahl wahrscheinlich eine Anzahl von unbewussten und bewussten Assoziationen her – um aus einem einzelnen Wort so viel Reichweite wie möglich zu erhalten – genau wie MJ durch vielfältige Assoziationen eine enorme Reichweite mit einem Vier-Minuten-Film erzielt. Triumph ist Riefenstahls Wiedergabe von Hitlers Version vom Mythos der Überlegenheit. Hitlers Wille, der Wille des deutschen Volkes und der deutschen Menschen selbst wird durch Riefenstahl als der Triumph von Gottes Willen zum Mythos erhoben, was wir aber wirklich erleben ist der Triumph vom Willen Hitlers.


    Diejenigen, die ihren Willen einsetzen, um andere zu kontrollieren – „die Herrenrasse“ – werden als natürlicherweise und grundsätzlich über jenen, die die Gesellschaft darstellen, stehend definiert, indem sie ein Grundprinzip für die systematische Entmenschlichung, Ausbeutung, Missbrauch und sogar Beseitigung anderer Völker (im Fall der Nazis), besonders Völker anderer Rassen, bereitstellt. In Hitlers Welt wurden einzig und allein die Arier, nur jene, die das „beste Blut“ in sich trugen, als vollwertige Menschen gesehen – alle anderen wurden als Schädlinge betrachtet, als etwas, das ausgerottet werden musste.



    Willa: Es ist wirklich entsetzlich, wie dieser Gedanke des reinen Blutes oder „besten Blutes“ benutzt wurde, um Rassismus und Völkermord zu rechtfertigen. Aber wenn du dir dann Michael Jackson ansiehst, dann stellst du fasziniert fest, dass das Bild des Blutes für ihn ebenso eine große Bedeutung hat, aus genau dem gegenteiligen Grund: nämlich um Rasseneinteilungen und andere künstliche Grenzen zwischen uns zu widerlegen. Es ist fast wie eine Metapher für das, was er während des gesamten HIStory Films macht – er nimmt eine von Hitler vorgelegte kulturelle Erzählung und verkehrt sie in ihr komplettes Gegenteil.


    In Michael Jacksons Vision ist Blut das eine Element, das uns alle verbindet. Wir alle – alle Rassen, alle Religionen, alle Nationalitäten – wir alle haben Blut in unseren Adern. Wir alle bluten, wenn wir verletzt sind. Unser menschliches Blut ist eins der Dinge, die uns als „ein Volk“ kennzeichnen – wahrhaftig ein Volk. Michael Jackson drückt dies auf wunderbare Art in Can You Feel It aus, als er singt: „Wir sind alle gleich / Ja, das Blut in mir ist auch in dir … Ja, das Blut in meinen Adern ist auch in deinen“ („We’re all the same / Yes, the blood inside of me is inside of you … Yes, the blood inside my veins is inside of you“).



    Eleanor: Ja, er weist nicht nur das Konzept von sich, dass manche mehr Mensch sind als andere, sondern er definiert neu, was es bedeutet, Mensch zu sein in Begriffen von Verbindung statt Trennung, indem er den Geist wieder dem Körper und die Menschlichkeit der Natur zuordnet. Seine Vorstellung radiert nicht nur Grenzen aus, sie ist allumfassend. Ausgedrückt in Planet Earth erweitert er den Gedanken der Blutsverwandtschaft über das Menschliche hinaus, hin zu allem Leben durch alle Zeiten, wenn er sagt:


    In meinen Adern habe ich das Geheimnis
    aller Zeiten gespürt, Geschichtsbücher
    Lebenslieder im Lauf der Zeit, pulsierend in meinem Blut
    Haben den Rhythmus von Ebbe und Flut getanzt


    In my veins I’ve felt the mystery
    Of corridors of time, books of history
    Life songs of ages throbbing in my blood
    Have danced the rhythm of the tide and flood


    Anders als Hitler, in dessen Vorstellung Blut einen Geist (und Willen) symbolisierte, der einzig dem deutschen Volk vorbehalten war („Ihr seid … von unserem Blut … eins mit uns. In euren jungen Gehirnen brennt derselbe Geist, der uns beherrscht“), setzt Michael Jackson den Begriff des Blutes als Symbol für die uns alle gemeinsame Lebenskraft ein. Alles Leben, einschließlich der Menschheit, ist ein Ausdruck für die heilige Kraft innerhalb der Natur, die durch unsere Körper und unsere Adern pulsiert.


    Seine Rolle im HIStory Teaser besteht darin, eine alternative Sicht zur vorherrschenden und dominierenden Weltanschauung anzubieten und diese gleichzeitig anzuzweifeln. Indem er Bilder von sich selbst – einem Mann, der seine „Menschlichkeit“ wiederholt unter Beweis gestellt hat – den Bildern des Reichs gegenüberstellt, besonders jenes Reichs, das unterdrückte Völker, die er selbst als Farbiger repräsentiert, ghettoisiert hat (und schlimmer), stellt HIStory den imperialen Gedanken des „vollkommenen Menschen“ als unmenschlich, als grausam und korrupt, als etwas, das mehr den Tod als das Leben verkörpert, dar.


    In der Welt Michael Jacksons ist niemand ein „vollkommenerer“ Mensch als irgendjemand anderer. Niemand ist grundsätzlich mehr – oder weniger – wert aufgrund von Rassenzugehörigkeit oder sexueller Neigung oder Religion oder Nationalität. In der Welt Michael Jacksons tritt der Wunsch nach Gemeinschaft und Verbindung und Empathie an die Stelle des Drangs zu trennen und Überlegenheit zu erlangen. Mitgefühl ersetzt Kontrolle.


    Wenn es jemandes tiefstes Bestreben ist, dem auserwählten Club der vollkommenen Menschen anzugehören, wie in der imperialen Werteorientierung ausgedrückt, dann bestätigt jener Wunsch diese Werte und die bestehende Ordnung. Wenn du aber den Club und alles, wofür er steht, zurückweist und noch dazu den Einfluss eines Michael Jackson hast, dann kannst du die komplette Machtstruktur zu Fall bringen. Und genau deshalb war er so gefährlich.

    Wenn jemand mit unvergleichlichem Talent geboren wird und dieses mit unvorstellbarer Disziplin und Leidenschaft vollendet, dann verändert er die Musikwelt für immer.


    Und wenn aus dieser Kunst eine unendlich reine und schöne Seele spricht, dann berührt sie die Herzen der Menschen für immer.

  • Willa: Ja, aber seine „Macht“ ist eine sehr interessante, denn er erreicht seinen Einfluss zu großen Teilen aus der Sehnsucht – aus unserer Sehnsucht nach ihm und nach dem, für das er steht, seine Vision für die Zukunft. Und dies klingt zunächst einmal wirklich ungeheuerlich, also hab‘ Nachsicht mit mir, bis ich es erklärt habe, aber dies ist eine weitere bedeutsame Parallele zwischen Hitler und Michael Jackson, zwischen Triumph des Willens und dem HIStory Promotionfilm.


    Ich war von Triumph des Willens wirklich überrascht, denn es war nicht die lange Rede, die die Werte der Nazis rechtfertigt, wie ich es erwartet hatte. Eigentlich geht er hinsichtlich der Nazi-Ideologie gar nicht so sehr ins Detail und Hitlers Reden sind sehr kurz – größtenteils 2-3 Minuten lang. Die letzte Rede ist bei weitem die längste, aber selbst die ist nur etwa 9 Minuten lang. Es ist ein Propagandafilm, aber ein Publikum durch Redekunst zu beherrschen, scheint nicht der Punkt zu sein. Stattdessen scheint das Ziel des Films die Erzeugung von Sehnsucht zu sein – besonders Sehnsucht nach Hitler und nach einem strahlenden, gesunden, starken Deutschland.


    Triumph des Willens beginnt mit zwanzig Minuten Musik und Bildern – keine Gespräche. Zwanzig Minuten sind eine ziemlich lange Zeit in einem Film, besonders in einem, der insgesamt weniger als zwei Stunden dauert. Und wir sehen sehr wenig von Hitler selbst in diesen ersten zwanzig Minuten. Stattdessen sehen wir Luftaufnahmen von der wunderschönen Architektur Nürnbergs (wir als Zuschauer fliegen wie Hitler in Nürnberg ein) und wir sehen auch, immer noch aus der Luft, eine gewaltige Anzahl von Soldaten, Truppenaufstellungen – wie im HIStory Film – die zu dem Platz marschieren, an dem Hitler sprechen wird.


    Dann sehen wir, wie sein Flugzeug landet – man erhascht einen schnellen Blick auf ihn, wie er die Stufen des Flugzeugs hintergeht – und dann folgen wir der Wagenkolonne in die Stadt. Aber wir sehen sehr viel mehr Filmmaterial über die Menschenmenge und ihre begeisterte Wahrnehmung von ihm als von Hitler selbst.


    Das Entscheidende hierbei ist Spannung aufzubauen, Sehnsucht zu wecken, und der HIStory Film beginnt auf exakt die gleiche Art. In der ersten Hälfte sehen wir Soldatentruppen, die auf das Zentrum der Stadt zu marschieren und Stahlarbeiter bei den Vorbereitungen für seine Ankunft. Wir erkennen außerdem schreiende Fans, aufgeregte Kinder, in Ohnmacht fallende Frauen. Aber wir sehen sehr wenig von Michael Jackson selbst. Wir sehen nicht einmal sein Gesicht bis zur Mitte dieses ersten Teils, und selbst danach sind es nur ein paar flüchtige Eindrücke.


    Die erste Hälfte des HIStory Films verläuft also im Vergleich genau wie die ersten zwanzig Minuten von Triumph des Willens. Beide Filme bauen Spannung auf, erzeugen Sehnsucht – und es handelt sich um sehr ähnliche Arten von Sehnsucht. Es ist fast eine Art von romantischer Liebe oder sogar sexueller Ekstase. Das ist ein weiterer Grund, dass mir die Zeile „Ihr seid Fleisch aus unserem Fleisch und Blut, von unserem Blut“ wirklich ins Auge sprang.


    In der Entstehungsgeschichte der Bibel sagt Adam zu Eva, dass sie „aus seinem Fleisch“ ist, und diese Zeile wird oft in Hochzeitszeremonien wiederholt. Wenn also Hitler diese Worte spricht, sagt er damit unterschwellig, dass seine Beziehung zu seinen Zuhörern wie die Verbindung zwischen Mann und Frau ist. Und Michael Jackson impliziert dasselbe – dass seine Beziehung zu seinem Publikum wie eine Liebesbeziehung ist. Dieser Gedanke wird durch die vielen Aufnahmen der Menschenmenge verstärkt, sowohl in Triumph des Willens, als auch im HIStory Teaser, besonders durch die Aufnahmen der in Ohnmacht fallenden Frauen, als wären sie in einem Zustand der Ekstase.



    Eleanor: Du hast Recht. Riefenstahl selbst war in ihn verliebt, und ich vermute, ganz Deutschland war in ihn verliebt – und er hatte Bewunderer außerhalb Deutschlands, einschließlich dem Herzog und der Herzogin von Windsor. Ich war wirklich schockiert, als ich über diesen 2009 veröffentlichten Artikel auf der Express Website gestolpert bin, der behauptet, dass „der frühere britische Monarch dem Journalisten sagte, dass es tragisch für die Welt sein würde, wenn der Nazi-Diktator gestürzt würde. Hitler sei nicht nur der richtige und zwingend logische Führer des deutschen Volkes, sondern, darauf bestand der Herzog, er wäre auch ein großartiger Mann“.


    http://www.express.co.uk/expre…self/113232/The-Nazi-King



    Willa: Wow, der gesamte Artikel ist schockierend. Ich wusste, dass er Hitler mal unterstützt hat, aber ich dachte, dass das sehr früh gewesen war – vor dem Krieg. Ich habe nicht bemerkt, dass es während des Krieges andauerte und sogar das Weiterleiten von Informationen an die Deutschen beinhaltete und den Versuch Roosevelt davon abzuhalten, Großbritannien zu helfen. Wenn das wahr ist, dann ist es ein Glück, dass er auf die Thronfolge verzichtet hat. Ich möchte demnächst mehr darüber erfahren …


    Aber ich denke, dass Riefenstahls Beziehung zu Hitler kompliziert war. Ich habe kürzlich ein Interview mit Quincy Jones gelesen, in dem dieser ein gemeinsames Essen mit ihr beschrieb und meinte, dass sie ziemlich kritisch mit der Führung der Nazis, einschließlich Hitler, umging, und dass sie alle kokainabhängig gewesen seien. (Jones sagte außerdem, dass Kokain „jegliche Ängste oder Probleme mit Gewalt unterbinden würde“, was interessant ist, besonders in Verbindung mit der Führungsriege der Nazis.)


    http://www.theguardian.com/mus…riller-producer-interview


    Aber Quincy Jones traf Riefenstahl natürlich lange nach dem Zweiten Weltkrieg, und der gesamte Schrecken dessen, was passiert war, ist inzwischen offengelegt worden. Ihre Gefühle waren wahrscheinlich vollkommen anders, als sie 1934 den Film gedreht hat, bevor die Konzentrationslager in Betrieb genommen wurden und andere Gräueltaten passierten – noch zu einer Zeit, als Hitler wie eine Art Retter erschien, der Deutschland einen Neuanfang versprach.



    Eleanor: Ich habe den Artikel auch gelesen. Ist es nicht interessant, dass Quincy Jones Leni Riefenstahl getroffen hat?



    Willa: Das ist es.



    Eleanor: In diesem Artikel sagt er, dass er ein großer Fan wäre. Ich frage mich, ob MJ von ihm über Triumph erfahren hat. Ich hatte angenommen, dass es durch sein Interesse an Chaplin kam. Aber, vielleicht auch nicht …



    Willa: Ich hatte genau den gleichen Gedanken. Es gibt Michael Jacksons Einsatz von Triumph im HIStory Teaser ganz sicher eine weitere Dimension, nicht wahr?



    Eleanor: Wie du sagst, jenes Treffen fand lange nach den Ereignissen des Zweiten Weltkriegs statt. Zu der Zeit, als sie Triumph drehte, sagte sie:


    Für mich ist Hitler der größte Mann, der jemals gelebt hat. Er ist wirklich ohne Fehler, so einfach und doch voll männlicher Kraft … Er ist wirklich schön, er ist klug. Eine Strahlkraft geht von ihm aus. All die großen Männer Deutschlands – Friedrich, Nietzsche, Bismarck – haben ihre Fehler gehabt. Hitlers Anhänger sind nicht makellos. Nur er ist rein.


    http://www.wsws.org/en/articles/2003/09/rief-s15.html


    Für mich sind dies die Worte einer verliebten Frau. Wenn also Riefenstahls Gefühle irgendein Indikator für die Gefühle der Menschen gegenüber Hitler sind, dann war Sehnsucht eine Komponente für seine Anziehungskraft.


    Aber Michael auf diese Art mit Hitler zu vergleichen ist immer noch fast mehr als ich verarbeiten kann. Das zeigt, wie schädlich dieses Zeug ist. Das ist der Grund, warum das, was Michael in HIStory tat, so riskant war.



    Willa: Ich verstehe, was du meinst. Michael Jackson mit Hitler zu vergleichen fühlt sich einfach falsch an, auf so vielen Ebenen. Ihre Ansichten, Wahrnehmungen, Zukunftsvisionen, emotionale Reaktion auf das Leid – alles an ihnen scheint genau entgegengesetzt zu sein. Aber Michael Jackson selbst zog den Vergleich in seinen Unterhaltungen mit Rabbi Boteach, die 2009 als The Michael Jackson Tapes veröffentlicht wurden. Als er mit Rabbi Boteach über Hitler und den Holocaust sprach, war er ganz klar entsetzt:


    Als ich herausfand, wie viele Kinder allein während des Holocaust starben … (er bricht ab, weil er nicht weiterreden kann). Welcher Mensch kann so etwas tun? Ich verstehe das nicht. Es spielt keine Rolle, um welche Rasse es geht. Ich kapier’s nicht. Ich verstehe es überhaupt nicht. Wirklich nicht. Wie muss man sein … Ich verstehe solche Art Dinge nicht. Bereitet dich jemand darauf vor so sehr zu hassen? Ist es möglich, dass sie es deinem Herzen antun können?


    (Nebenbei gesagt, die in Klammern gesetzte Bemerkung, dass er „abbricht“, während er vom Holocaust spricht, stammt von Rabbi Boteach.) Also sind seine Ansichten der Nazi-Ideologie genau entgegengesetzt. Selbstverständlich.

    Wenn jemand mit unvergleichlichem Talent geboren wird und dieses mit unvorstellbarer Disziplin und Leidenschaft vollendet, dann verändert er die Musikwelt für immer.


    Und wenn aus dieser Kunst eine unendlich reine und schöne Seele spricht, dann berührt sie die Herzen der Menschen für immer.

  • Eleanor: Natürlich. Es ist mir unbegreiflich, dass irgendjemand etwas anderes glauben kann. Aber ich vermute, sie taten es, was der Grund dafür ist, zu glauben, dass die Lyrics „Kike me“ („Nenn mich Jude“ gemeint als Schimpfwort) etc. in They Don’t Care About Us antisemitisch waren (ein weiterer Beweis seiner „Nazi-Tendenz“, kein Zweifel), als er für die Juden gesprochen hat, nicht gegen sie. Die Kritiker und die Medien und jene, die in das bestehende System vertraut und damit Erfolg gehabt haben, sind die Weichensteller. Um seinen Einfluss zu entschärfen, wiesen sie ihn zurück, lachten ihn aus als einen hochnäsigen, hohlköpfigen Popstar, der einen Narren aus sich machte, indem er sich aufblähte und sich mit imperialer Macht identifizierte, wo er diese doch eindeutig als eine Ideologie des Hasses kritisierte.



    Willa: Es ist „eine Ideologie des Hasses“. Er sagte zu Boteach: „Bereitet dich jemand darauf vor so sehr zu hassen?“ Und diese Ideologie des Hasses steht allem, für das er steht und woran er glaubt, vollkommen entgegen.


    Aber seine Unterhaltung mit Rabbi Boteach geht weiter und er sagt dies:


    Hitler war ein genialer Redner. Er hat viele Menschen dazu gebracht, sich zu drehen, zu verändern und zu hassen. Er musste ein Schauspieler sein, und das war er. Bevor er zu sprechen anfing, verharrte er, trank etwas Wasser und dann räusperte er sich und blickte um sich. Es war das, was ein Entertainer tut, um herauszufinden, wie er mit seinem Publikum spielen kann.



    Eleanor: Oh mein Gott, Willa. Ich werde MJ nie mehr auf dieselbe Art ansehen können, wie er für eine volle Minute oder so bewegungslos da steht und dann langsam seine Ray Bans abnimmt!



    Willa: Nun, ich denke nicht, dass Hitler diese Strategie, seinen „Auftritt“ zu verzögern, um Spannung aufzubauen, erfunden hat, aber er hat es sicherlich wirkungsvoll eingesetzt – und so tat es Michael Jackson. Es ist sehr unangenehm, daran zu denken, aber es ist wahr.


    Es ist also vollkommen falsch, anzudeuten, Michael Jackson wäre ein Sympathisant der Nazis gewesen, wie es einige Kritiker getan haben, teilweise aufgrund jener Passagen aus dem Buch von Rabbi Boteach. Vielmehr hat Rabbi Boteach selbst Michael Jackson wiederholte Male verteidigt und gesagt, dass die Leute, die ihn anklagen, diese Passagen falsch interpretieren – beispielsweise in einem Artikel der Huffington Post im November 2009 und einem weiteren Artikel ein paar Jahre später im Mai 2012.


    http://www.huffingtonpost.com/…on-despised_b_300158.html


    http://www.huffingtonpost.com/…-bodyguard_b_1502497.html


    Aber während es falsch ist, Michael Jackson einen Sympathisanten der Nazis zu nennen – weit gefehlt, er repräsentiert das genaue Gegenteil – verstand er trotzdem den Einfluss eines überzeugenden Darstellers, der ein Publikum beeinflussen kann, zum Guten oder zum Schlechten, und es ist faszinierend, dass es das ist, wie er Hitler sieht: als „einen genialen Redner“, „einen Schauspieler“ und einen Performer. Rabbi Boteach fordert ihn hierzu auf deutlicher zu werden:


    Bist du der Gegensatz zu Hitler? Gott hat dir dieses außerordentliche Charisma geschenkt und während er (Hitler) die Bestie im Menschen hervorbrachte, möchtest du etwas von der Unschuld und dem Guten im Menschen hervorbringen.


    Michael Jackson stimmt mit Boteachs Einschätzung überein und sagt „Das glaube ich“.



    Eleanor: Ja, er glaubte ab einem jungen Alter an sein Schicksal, dass er eine besondere Rolle zu spielen hatte. Und ich glaube das ebenso.



    Willa: Ich weiß nicht, ob es Schicksal war oder nicht, aber er wurde ganz sicher zu einer unglaublich einflussreichen kulturellen Persönlichkeit – eine, die buchstäblich die Welt verändert hat.


    Es ist also wichtig, Hitlers Fähigkeiten als Agitator von seiner Ideologie zu trennen. Michael Jackson verspürte ganz offensichtlich nichts weiter als Entsetzen für Hitlers Botschaft, drückte aber eine widerwillige Bewunderung für dessen Charisma und die Fähigkeit, diese Botschaft zu vermitteln, aus. Hitler setzte seine Talente dafür ein, Vorurteile und Hass zu begünstigen – und in dem HIStory Film macht Michael Jackson sich einige seiner Techniken zu eigen, um „Liebe“ zu begünstigen, wie er Diane Sawyer sagte. Oder vielmehr Sehnsucht. Ich denke, es geht im Grunde mehr um Sehnsucht, aber Sehnsucht geht eng mit Liebe einher.



    Eleanor: Ja, und Sehnsucht ist eindeutig an Charisma gekoppelt, obwohl Charisma ein Mysterium bleibt, aber ein Mysterium, das zu verstehen MJ sehr interessiert war.


    Charisma ist mehr als eine Sache der Technik. Es ist an die Macht der Botschaft gebunden – und an den Überbringer der Botschaft – um tiefsitzende und kollektiv-verwurzelte Emotionen anzuzapfen, um tief empfundene Bedürfnisse – wie du sagst, Sehnsüchte – zu befriedigen, deren äußerste Ausprägung mit dem Überleben gleichzusetzen ist. Hitler rief Sehnsucht im deutschen Volk hervor, appellierte an ihren Überlebenstrieb, indem er sie davon überzeugte, dass ihr Überleben von ihm abhing und dass sie, unter seiner Führung, nicht nur überleben, sondern wieder aus der Asche des Ersten Weltkrieges aufsteigen würden.



    Willa: Das ist solch ein bedeutender Punkt, Eleanor, und beleuchtet eine weitere wichtige Parallele zwischen Triumph des Willens und dem HIStory Teaser: Sie wurden beide zu einer Zeit tiefster Demütigung und mutmaßlicher Niederlage gefilmt. Triumph beginnt mit diesen über die Leinwand geschriebenen Zeilen:


    5. September 1934
    20 Jahre nach dem Ausbruch des Weltkrieges
    16 Jahre nach dem Anfang deutschen Leidens
    19 Monate nach dem Beginn der deutschen Wiedergeburt
    flog Adolf Hitler wiederum nach Nürnberg, um Heerschau abzuhalten über seine Getreuen


    Der Film platziert sich selbst also im Kontext der Niederlage Deutschlands im Ersten Weltkrieg und der gelähmten Wirtschaftslage, die darauf folgte, welches wirklich eine Zeit großen Leidens in Deutschland war. Und Michael Jackson produzierte den HIStory Film im Jahr 1995 in Folge der falschen Anschuldigungen des Kindesmissbrauchs, welches für ihn eine Zeit großen Leidens darstellte. Menschen auf der ganzen Welt verdrehten seine Botschaft und nannten ihn einen Kinderschänder.


    Aber trotz dieses Leids und der Erniedrigung verkünden beide Filme, dass sie nicht besiegt sein werden, sie werden sich nicht beschämen lassen. Michael Jackson wird anderen nicht erlauben, ihm ihre Etiketten aufzudrücken – er wird sich selbst definieren – und so wird es Deutschland tun. Sie werden beide wieder aufsteigen, jeder auf seine eigene Art. So wie der Text zu Beginn von Triumph sagt, dass dieser Film „den Beginn der deutschen Wiedergeburt“ dokumentiert und feiert.



    Eleanor: Allerdings war Hitlers Vision nicht nur eine Vision der Wiedergeburt, sondern eine Vision der Eroberung, eine Vision, in der ein wiedergeborenes Deutschland seine Überlegenheit gegenüber allen anderen geltend machte, und wir wissen, wohin das führte.



    Willa: Ja, absolut. Das ist der Grund, warum den Film anzusehen nun, wo wir wissen, was bald danach passierte, so schaurig ist.



    Eleanor: Und Riefenstahls Film war sehr wichtig dafür, um die Sehnsucht danach zu erzeugen, dass seine Vision sich erfüllt hat – indem die Verbindung zwischen Hitlers Vision und ihrem Überleben hergestellt wird, indem sie Hitler als ihren Helden darstellt, als ihre Rettung. Und die Sehnsucht, die da erzeugt wurde, ist, wie du sagst, eine Art von „fast romantischer Liebe oder sogar schon sexueller Ekstase“.


    Kollektives Überleben, das Überleben eines Volkes oder einer Nation, schließt mehr ein als Beziehungen zu anderen Menschen und zum Land. Es schließt nämlich auch sexuelle Beziehungen ein, durch die das Überleben von einer Generation zur Nächsten sichergestellt wird. Wenn man also auf den Überlebenstrieb einwirkt, dann bedeutet das, dass damit auch sexuelles Begehren geweckt wird. Und es ist sehr gut möglich, dass Hitler eine Redewendung wie „aus einem Fleisch sein“ – und Riefenstahl stellt dies in ihrem Film ausdrücklich heraus – mit Absicht verwendete, um einen Bezug zu Adam und Eva und sexueller Liebe herzustellen.


    Triumph kann also als eine Art sexuelle Demonstration gesehen werden. In der Bildsprache von Triumph geht es vor allem um Dominanz und Macht und Stärke, mit anderen Worten um zur Schau gestellte, traditionelle Männlichkeit. Denk nur an all die Bilder der schönen, jungen Männer ganz am Anfang, wie sie halb angezogen im frühen Morgennebel auftauchen. Die Verknüpfung von Bildern männlicher Schönheit mit Bildern politischer und militärischer Stärke rufen Assoziationen an militärische und sexuelle Fähigkeiten hervor.

    Wenn jemand mit unvergleichlichem Talent geboren wird und dieses mit unvorstellbarer Disziplin und Leidenschaft vollendet, dann verändert er die Musikwelt für immer.


    Und wenn aus dieser Kunst eine unendlich reine und schöne Seele spricht, dann berührt sie die Herzen der Menschen für immer.

  • Willa: Das ist interessant. Ich habe darüber bisher gar nicht so nachgedacht, aber es stimmt, Triumph ist voll mit Bildern von männlicher Kraft in unterschiedlichsten Formen …



    Eleanor: Und wie du sagtest baut HIStory, wie Triumph, Spannung auf und weckt Sehnsucht. So wie wir nur sehr wenig von Hitler sehen in den Eröffnungssequenzen von Triumph, sehen wir nur sehr wenig von MJ. Um genau zu sein sehen wir kaum etwas von MJ, aber das, was wir sehen, ist wirklich interessant. Vor dieser großartigen Aufnahme von seinem schönen, lächelnden Gesicht sehen wir seine sexy Stiefel und seine hautengen Hosen. Wir sehen ihn gehen – und wie er geht! Dieser elegante, verwegene Gang, vollkommenes Selbstvertrauen.


    Und direkt bevor er salutiert, eine Ehrenbezeigung, die Gefühle von Empathie und Respekt für seine Truppe vermittelt und er dann die Szene verlässt, fokussiert sich die Kamera auf … seinen Schritt! Eine völlig andere, aber äußerst effektive Art Männlichkeit zur Schau zu stellen. Männlichkeit, genau wie Menschlichkeit, verkörpert durch Michael Jackson, hat mit Eroberung nichts zu tun, und die Sehnsucht nach ihm hat nichts mit der Sehnsucht zu tun, erobert werden zu wollen (bekannt aus romantischen Romanen als „Miederöffner“).



    Um eine radikale Veränderung herbeizuführen, um die Wurzeln der Machtausübung ans Tageslicht zu bringen, was er als Bedrohung für das Überleben des Planeten und der menschlichen Gattung sah – speziell eines bestimmten Mitglieds der menschlichen Gattung, sich selbst – musste Michael Jackson den Einfluss seiner Kunst einsetzen, um ein neues Bezugssystem zum Überleben zu kreieren – einen neuen Algorithmus der Sehnsucht.



    Willa: Welches der Titel deiner Buchreihe ist. So schließt sich also der Kreis …



    Eleanor: Ja, wie ist das passiert? Der Algorithmus der Sehnsucht definiert die Bedingungen für unser aller Leben – sowohl von einem Tag zum anderen als auch von einer Generation zur nächsten. Das Überleben von Imperien basierte in beiden Fällen auf dem Konzept von „Teile und herrsche“.


    Um einen radikalen Umschwung herbeizuführen, musste Michael Jackson den Überlebenstrieb – der unsere Interaktionen mit anderen Ländern und Völkern steuert – von den Vorstellungen von Trennung und Kontrolle trennen, was bedeutet, er musste die Erotik neu definieren, und ich denke, dass er das getan hat. Mit der Kraft seiner Kunst, tiefe Gefühle hervorzurufen, schuf er neue Verbindungen. Er vernetzte unsere Gehirne neu. Er veränderte, was Menschen anspricht. Ganz schön viel, was sich dieser schlanke junge Mann da zu erreichen vorgenommen hat.



    Willa: Allerdings. Aber im Lauf seiner Karriere war er wirklich erfolgreich darin, die Erotik neu zu erfinden. Er war das erste schwarze Teenager-Idol, ein Objekt der Begierde für Millionen Teenager auf der ganzen Welt: weiße, schwarze, asiatische, alle Rassen. Schon das alleine ist eine gewaltige Neudefinition der Erotik.


    Und er war auf eine andere Art sexy als die meisten seiner Vorgänger. Er war unbeschreiblich heiß, aber nicht auf Macho-Art. Er hat neu definiert, was es für einen Mann heißt, sexy zu sein.




    Eleanor: Ja. Sie hat Ja gesagt …



    Willa: Ha! Das ist lustig. Du denkst also, eine der Aussagen des HIStory-Promo-Films ist das Zerbrechen der symbolischen Verknüpfung von militärischer Macht und sexueller Potenz, von Imperium und Machismo?



    Eleanor: Ganz genau. Das ist sehr gut formuliert! Und womit könnte man Imperialismus besser in Misskredit bringen als durch das Zitieren des berüchtigtsten Beispiels der transzendenten Weltanschauung aus der jüngsten Vergangenheit, Nazi-Deutschland. Und wie könnte man Nazi-Deutschland besser zitieren, als mit den in Triumph des Willens angewendeten Techniken, die sowohl Hitlers Redekunst als auch Riefenstahls Kunst zeigen, und diese Techniken auszunutzen, um das eigene Programm voranzubringen.


    Wie wir schon erwähnten, wurde HIStory in einer sehr schweren Zeit in Michaels Leben gefilmt. Aber in einem größerem Zusammenhang gesehen, erschien Michael Jackson zu einer Zeit auf der Weltbühne, in der die Menschen das Vertrauen in die alten Lösungen verloren hatten und verzweifelt nach etwas Neuem suchten. Er war sich dieser Gezeitenwende bewusst, und „es gibt Gezeiten für der Menschen Treiben; nimmt man die Flut wahr, führt sie uns zum Glück“ / “the tide, when taken at the full, leads on to fortune” (Anmerkung: Zitat nach Shakespeare) – also nutzte er seine Chance.


    HIStory bietet uns die Vision eines modernen Helden, der sich statt Kriegen und Eroberung dem Mitgefühl verpflichtet hat. Die Kraft seiner Kunst berührt uns tief und verändert unser Leben – sie öffnet unsere Herzen und Augen, lässt uns Dinge anders sehen und fühlen, bewegt uns dazu, den ‘Tanz des Lebens’ – und nicht des Todes – zu tanzen.



    Willa: Und diese Idee des „modernen Helden“ erkennen wir auch in Charlie Chaplins brillantem, satirischen Film Der große Diktator, welcher auch auf Triumph des Willens zurückgreift, sich diesem entgegenstellt, und der auch als ein wichtiger Einfluss auf den HIStory Teaser gesehen werden kann. Auf all das konzentrieren wir uns, wenn wir diese Diskussion im nächsten Post fortführen werden.


    Bis dahin danke ich dir für deine Beteiligung, Eleanor. Du hast uns sehr viele Denkanstöße gegeben!

    Wenn jemand mit unvergleichlichem Talent geboren wird und dieses mit unvorstellbarer Disziplin und Leidenschaft vollendet, dann verändert er die Musikwelt für immer.


    Und wenn aus dieser Kunst eine unendlich reine und schöne Seele spricht, dann berührt sie die Herzen der Menschen für immer.

  • Teil 2 über den HIStory-Teaser ("der große Diktator") ist hier: http://all4michael.com/2014/11…il-ii-der-grose-diktator/


    Der dritte (und letzte) Teil dieser Serie ist hier zu finden: http://dancingwiththeelephant.wordpress.com/

    Wenn jemand mit unvergleichlichem Talent geboren wird und dieses mit unvorstellbarer Disziplin und Leidenschaft vollendet, dann verändert er die Musikwelt für immer.


    Und wenn aus dieser Kunst eine unendlich reine und schöne Seele spricht, dann berührt sie die Herzen der Menschen für immer.

  • Für alle Leseratten gibt's den dritten Teil über den HIStory-Teaser ("Eine ganz neue Art von Held") jetzt auch auf deutsch: http://all4michael.com/2014/12…e-ganz-neue-art-von-held/

    Wenn jemand mit unvergleichlichem Talent geboren wird und dieses mit unvorstellbarer Disziplin und Leidenschaft vollendet, dann verändert er die Musikwelt für immer.


    Und wenn aus dieser Kunst eine unendlich reine und schöne Seele spricht, dann berührt sie die Herzen der Menschen für immer.

  • Neu auf all4michael
    http://all4michael.com/2015/01…ndersartigkeit-und-macht/


    Michael Jacksons Andersartigkeit und Macht

    "Wann immer ich einen sonnenuntergang sah, wünschte ich mir rasch
    etwas kurz bevor die sonne sich am westlichen horizont verbarg und
    verschwand. Das war so als ob die sonne meinen wunsch mit sich genommen
    hatte. Ich entließ meinen wunsch kurz bevor das letzte bisschen licht
    versiegte."


    Michael Jackson - Moonwalk

  • http://all4michael.com/2015/01/30/michae…keit-und-macht/


    Michael Jacksons Andersartigkeit und Macht

    Hab gerade den Artikel erneut gelesen.
    Er ist für mich so super interessant, weil sich Susan Woodward mit dem auseinandergesetzt hat, was ich meide zu lesen:
    Den Ergüssen der bösartigsten Kritiken überhaupt.


    Dabei erscheint es mir unbegreiflich wie nach dem 25.06.09 ein ganzes Buch (eine von 3 ihrer Quellen) voll hasserfüllter Artikel erscheinen konnte.
    Was muss in Menschen vorgehen, so etwas als eine Art Nachruf auf jemanden der nachweislich so viel Gutes getan hat, in den Druck zu bringen???
    Nichtsdestotrozt führt gerade das Buch (The Resistable Demise of Michael Jackson/Der aufhaltsame Untergang des Michael Jackson) in dem eben 23 Autoren dieses Kalibers vereint sind, zu dieser interessanten Studie von S. Woodward.
    (Für mich ein mutachendes Beispiel, wie etwas Negatives in etwas Positives gewandelt werden kann.)
    Als klinische Sozialarbeiterin reizte sie natürlich dahinterzublicken, was diese Leute viel mehr über sich als über Michael Jackson
    aussag(t)en.


    Für mich ist dabei folgender Gedanke sehr interessant (dass ich mich künftig auch bei meiner eigenen Kritik daran erinnern will):
    Die Polarisierung einer Person und zu welchem Pol sie sich hingezogen fühlt, sagt letztendlich viel mehr über die Präverenzen (oder die innere Zerrissenheit plus der möglichen Unfähigkeit Abstufungen wahrzunehmen) der kritisierenden Person aus -
    weniger über die Person, die Objekt der Kritik ist.


    Die ganze Diskussion im Elefant Blog ist wieder so interessant, gehaltvoll und inspirierend.
    Ich liebe die Elefantenrunde. :love:
    Nach wie vor ist sie für mich mit das Interessanteste was an ernsthafter Auseinandersetzung mit allem rund um Michael Jackson als Künstler und Mensch und auch seine Kritiker und Anhänger gibt.
    Dazu sind die Gäste diejenigen die weitere Abhandlungen ins Leben rufen, die Michael endlich mal gerecht werden.


    Verblüfft hat mich auch die Tatsache, dass der Daily Mirror ja schon 1992 diesen unsäglichen Artikel über Michaels 'kaputtes Gesicht' herausbrachte
    (inklusive bearbeitetem Foto auf dem Titelblatt!)
    1 9 9 2 !!!
    Ich hatte den Artikel immer wesentlich später angesiedelt.


    Michael klagte ja erfolgreich dagegen, ließ sich sogar ungeschminkt von Ärzten begutachten
    - wobei die Richtigstellung natürlich nicht die Aufmerksamkeit erhält wie der reißerische Aufmacher :thumbdown:
    Und auf diese falschen Aussagen berufen sich bis heute die Kritiker (auch die in dem benannten Buch).


    Und diese Tatsache, dass er damals dagegen klagte, trifft mich auch sehr.
    1992 gehörte so eine verletzende (und natürlich unverschämte!) Lüge noch zu den Dingen, gegen die Michael sich wehrte.
    Ein Fliegendreck gegenüber dem, was dann folgte. :snüf:
    Angesichts der schlimmen Anschuldigungen die folgten, treten solche Gemeinheiten wie Äußerungen über sein Aussehen in den Hintergrund.
    Dabei waren die schon so verletzend!
    Ich mag mir das immer noch gar nicht vorstellen, was das alles für Michael bedeutet haben muss:
    Hässliche Kritiken, üble Verleumdungen und dann noch ein rassistischer Staatsanwalt der 12 Jahre alles tat
    um ihn mit dem widerlichsten Anschuldigungen überhaupt zu vernichten.


    Michael :herz: hat demgegenüber eine nahezu unmenschliche Stärke bewiesen.
    (Ich neige zu der angelistischen Betrachtungsweise :angel: )
    Er ist vorallem der gelbieben der er war, ein Mensch der zu Späßen aufgelgt war, Freude sehen und schenken konnte und weiter an die Liebe glaubte.
    Und doch wurde er dadurch so gebeutelt, dass es ihn in der Summe letztendlich die Lebenskraft kostete. :stuhl:


    (Interessant auch ein kleiner Bericht von Brad Sundberg von der Studioarbeit an HIStory. Dort beschreibt er Michael als den der er zu Captain EO Zeiten gewesen war, aber natürlich auch als den, der er nach den Anschuldigungen eine Menge in Muskik umzusetzen hatte).


    http://www.mjjackson-forever.c…&postID=289421#post289421


    Umso wichtiger solch Auseinandersetzungen wie im Elefant Blog.
    Ich hoffe sehr, viele werden diese kostbaren Übersetzungen noch entdecken und zu schätzen wissen.


    Manchmal ist es sehr tröstlich zu wissen, dass im www eingentlich nichts verloren gehen kann.


    :Tova:

  • ^... jaaa .. ich lese auch immer wieder gerne bei den "Elefanten" :guckstdu: ... auch ältere Sachen kruschtel ich da mal wieder vor :ja1: ... man stößt ab und an ..je nach Thema! ... an die Grenzen der (meiner!) Englisch-Kenntnisse :pomp: ...aber irgendwie klappts dann immer .. :kicher: is eben ne - tolle! - Herausforderung :Tita::-D


    ... hier und im all4michael finden wir ja auch oft einige der Themen übersetzt ... danke auch mal dafür... :blume::danke:

    Ich aber gelobte mir,
    mich niemals abstumpfen zu lassen
    und den Vorwurf der Sentimentalität
    niemals zu fürchten.

    Albert Schweitzer

  • So weit ich weiß, sind hier die ersten fast 70 ?! Themen lückenlos übersetzt worden.
    Lesestoff ohne Ende. :jubel:
    Und im all4michael blog geht es weiter, denn die Diskussionsrunde findet ja wenn auch seltener, aber regelmäßig statt.


    Ein wirklich unbezahlbares Geschenk diese hochkarätige Übersetzungsarbeit.
    Und natürlich inhaltlich, die interessanten Betrachtungswinkel von Leuten die Michael in ihrer Sparte auch 'studiert' haben,
    und somit zu (m)einem 'Michael-Studium' i-wie dazugehören :rolleyes:


    :hkuss:

  • Original: https://dancingwiththeelephant…-the-subject-i-you-me-us/
    Willa: Ich denke, eine der faszinierendsten Merkmale an Michael Jacksons Songtexten ist die Art, wie er häufig die Perspektive wechselt, indem er eine Geschichte von einem Standpunkt aus betrachtet, dann aus einem anderen und dann aus einem weiteren. Das ist etwas, das Joie und ich einige Male andiskutiert haben – zum Beispiel in Posts über „Morphine“, „Whatever Happens“, „Money“, „Threatened“, „Dirty Diana“, „Best of Joy“, „Monster“ und dem Video zu Who Is It – aber wir haben nie einen Post gemacht, der sich gezielt auf seine Verwendung mehrerer Stimmen fokussiert hat. Deshalb war ich sehr begeistert, als Marie Plasse vor ein paar Wochen diesen Kommentar geschrieben hat:
    Ich denke, dass eine der im Allgemeinen verkanntesten oder nicht beachtetsten Besonderheiten von Michaels Kunst die Art ist, wie er unterschiedliche Charaktere in seinen Songtexten einnehmen konnte und wie … er Aspekte seiner eigenen psychischen Unstimmigkeiten und Kämpfe ausgedrückt und erforscht hat. (Vielleicht war es ein vorsätzliches Missverständnis dieses Aspekts von Michaels Kunst, das zumindest teilweise die Kontroverse bezüglich des Songtextes von „They Don’t Care About Us“ ausgelöst hat.)
    Diesen Herbst habe ich ein Semester lang einen Hochschulkurs über Michael Jackson unterrichtet („Den King of Pop als kulturellen Text lesen“) und eines der Dinge, die die Klasse am erstaunlichsten (aber zunächst am schwierigsten) gefunden hat, war das eingehende Lesen seiner Songtexte und den wechselnden Perspektiven zu folgen. Die Komplexität und die schnellen Verlagerungen sind wirklich faszinierend.
    Marie ist Englischprofessorin am Merrimack College und ich bin hoch erfreut, mit ihr über diesen Aspekt von Michael Jacksons Ästhetik zu sprechen, der mich schon so lange fasziniert hat. Vielen Dank für Deinen Besuch, Marie!
    Marie: Vielen Dank für die Einladung, Willa. Ich verfolge Dancing with the Elephant schon seit langem und ich habe von Deinen Posts und den Kommentaren der Leser so viel gelernt. Ich habe nicht immer die Zeit, mich in dem Ausmaß an den Kommentaren zu beteiligen, wie ich das gerne möchte; deshalb bin ich wirklich froh über diese Gelegenheit, mit Dir zu sprechen.
    Willa: Oh, das bin ich auch! Und ich bin so froh, dass ich endlich die Chance habe, eingehend über Michael Jacksons Verwendung mehrerer Perspektiven zu sprechen. Das ist ein wiederkehrendes Merkmal seiner Kunst und ein sehr wichtiger Teil seiner Ästhetik, denke ich – und für mich persönlich ist es etwas, das mich seit langem zu seinem Werk hinzieht. Deshalb bin ich gespannt, mehr darüber herauszufinden, wie er es einsetzt und wie es funktioniert.
    Marie: Ich gebe Dir Recht, Willa. Michaels Werk als Lyriker ist genauso komplex wie bewegend und es wird so oft als ein Hauptmerkmal seiner Ästhetik übersehen. Wie Joe Vogel in Man in the Music aufgezeigt hat, liegt das vielleicht daran, dass Michaels Werk als Songschreiber „ganz anders ist als das eines traditionellen Singer-Songwriters wie Bruce Springsteen oder Bob Dylan“, wo die Songtexte viel mehr „im Vordergrund“ stehen. Joe deutet an, dass Michaels Songtexte dazu tendieren, übersehen zu werden, weil sie nur eines von „mehreren zu berücksichtigenden Medien“ sind – neben der Musik, den Kurzfilmen und dem Tanz, die in seinem Werk so markant sind.
    Aber wenn man die Songtexte und besonders ihre vielfältigen Sichtweisen sorgfältig betrachtet, offenbart sich, dass Michael mit großer Komplexität und tiefer Einsicht schreibt. Ich habe alle oben von Dir erwähnten Posts erneut gelesen, in denen Du und Joie über diese Eigenschaft der Verlagerung der Perspektiven und Positionen in Michaels Songschreiben gesprochen habt. Ich denke, ihr habt diesbezüglich bereits viele Punkte angesprochen und viele faszinierende Ideen über die möglichen Bedeutungen dieser Songs erschlossen. Statt also meine eigenen Interpretationen bestimmter Lyrics anzubieten, oder zumindest bevor ich irgendetwas davon mache, dachte ich, ich würde gerne versuchen, etwas weiter in diesen Gedanken der multiplen Perspektiven und Stimmen einzutauchen und zu sehen, wo uns das in einer allgemeineren Richtung hinführt.
    Willa: OK, das klingt wirklich interessant.
    Marie: Über Michaels Einsatz multipler Stimmen und die Perspektivenverschiebung in seinen Songs zu reflektieren, lässt mich an sein leidenschaftliches Interesse am Geschichtenerzählen denken, worüber er auf der allerersten Seite von Moonwalk spricht. Er hebt hervor, wie das Geschichtenerzählen ein Publikum bewegen kann und „sie emotional überall hin bringt“ und inwiefern es die Macht hat, „ihre Seelen zu bewegen und sie zu verändern“. Er fährt fort und sinniert darüber, „wie sich bedeutende Schriftsteller mit dem Wissen fühlen müssen, dass sie diese Macht haben“ und er gibt zu, dass er „immer wollte, das tun zu können“. Er sagt, er fühlt, dass er „es tun könnte“ und dass er seine Fertigkeiten auf dem Gebiet des Geschichtenerzählens weiterentwickeln möchte.
    Kurz bevor dieser reflektierende Abschnitt über das Geschichtenerzählen zu Ende ist und Michael in dem Kapitel zu den Anfängen seiner eigenen Lebensgeschichte wechselt, erwähnt er, dass Songschreiben die gleichen Fähigkeiten jener bedeutender Schriftsteller nutzt, die er bewundert, aber in einem viel kürzeren Format, in dem „die Story eine Skizze ist. Sie ist quecksilbrig“. Natürlich wissen wir alle, dass Michael zu der Zeit, als er Moonwalk geschrieben hat, bereits ein meisterhafter Geschichtenerzähler war und seine Fähigkeiten in dieser Kunst wurden im Laufe der Zeit nur noch besser! Er „bewegt [unsere] Seelen und verändert sie“ sehr stark in seinen Songs, Kurzfilmen und Auftritten und nutzt dabei oft ein Multimediakonzept, das viel komplexer ist als das traditionelle Geschichtenerzählen am Lagerfeuer, das er so zu bewundern scheint, da er das erste Kapitel von Moonwalk damit beginnt.
    Willa: Das stimmt. Und ich denke, Du hast einen sehr wichtigen Punkt aufgeworfen, als Du angesprochen hast, dass er Songschreiben als Geschichtenerzählen konzipiert. Ich habe gerade Damien Shields Buch Xscape Origins gelesen und Cory Rooney sprach mit Damien darüber, wie wichtig das Geschichtenerzählen bei der Erschaffung von „Chicago“ war:
    Als er an den Lyrics für den Titel gearbeitet hat, bezog Rooney Inspiration aus einer Unterhaltung, die er kürzlich mit einer von Jacksons Kooperationspartnerinnen hatte – der erfolgreichen Songschreiberin Carole Bayer Sager – die ihn aufgefordert hat, einen Song zu schreiben, der eine Geschichte erzählt. „[Michael] liebt es, eine Geschichte zu erzählen“, sagte Bayer Sager zu Rooney, der diesen Rat in die Tat umsetzte und sich daran machte, eine Geschichte für Jackson zu schreiben.
    Rooney gab diesen Rat dann an Rodney Jerkins weiter, einem der Verfasser von „Xscape“:
    Rodney rief mich an und sagte „Cory, wir sind immer noch verunsichert. Wir wissen nicht, worüber wir schreiben sollen. Wir wissen nicht, was wir tun sollen.“ … Also sagte ich ihm „Nun, ich habe einen kleinen Tipp von Carole Bayer Sager bekommen. Sie hat mir gesagt, dass Michael ein Geschichtenerzähler ist. Sie hat gesagt, dass Michael es liebt, Geschichten in seiner Musik zu erzählen. Wenn Du Dir „Billie Jean“ anhörst – es ist eine Geschichte. Wenn Du Dir „Thriller“ anhörst – es ist eine Geschichte. Wenn Du Dir „Beat It“ anhörst – es ist eine Geschichte. Er liebt es, eine Geschichte zu erzählen.“


    Bitte hier weiterlesen, da es ein sehr langer, aber höchst interessanter Artikel ist...
    https://all4michael.com/2016/1…t-andern-ich-du-mich-uns/

    "Wann immer ich einen sonnenuntergang sah, wünschte ich mir rasch
    etwas kurz bevor die sonne sich am westlichen horizont verbarg und
    verschwand. Das war so als ob die sonne meinen wunsch mit sich genommen
    hatte. Ich entließ meinen wunsch kurz bevor das letzte bisschen licht
    versiegte."


    Michael Jackson - Moonwalk

  • Original Post: 
Presidential Politics: Michael Jackson and „Soft Power“ vom 20/10/2016

    Willa: Also Lisha, ich habe gerade ein faszinierendes Buch mit dem Titel „Darstellung des Frederick Douglass: Eine illustrierte Biografie des meistfotografierten Amerikaners des 19. Jahrhundert“ von John Stauffer, Zoe Trodd und Celeste-Marie Bernier gelesen. Douglass war ein freigelassener Sklave und ein unermüdlicher Abolitionist (Anhänger der Sklavenbefreiung), und er trieb seine politischen Zielsetzungen auf verschiedenste Art und Weise voran.
    Eine Art bestand in seiner fortwährenden Beziehung mit Amerikas Präsidenten, angefangen mit Abraham Lincoln, auf den die nächsten sieben Präsidenten folgten. Er traf sie bis zu seinem Tod im Jahr 1895 alle, von Lincoln bis Harrison.
    Eine weitere Art bestand im Einsatz von Fotografie und dem öffentlichen Bild von ihm, um die Sichtweise weißer Menschen auf schwarze zu hinterfragen. Dies war besonders bedeutsam nach dem Bürgerkrieg, da so viele weiße Amerikaner seit Generationen daran gewöhnt waren, Sklaven als etwas Niedrigeres als menschliche Wesen anzusehen. Douglass glaubte, dass Fotografie die Macht besaß, Weiße dazu zu bringen, Menschlichkeit in anderen zu erkennen und auf neue Art zu sehen und zu fühlen.
    Douglass war zum Beispiel ein Unterstützer von Hiram Revels, dem ersten schwarzen Senator Amerikas. Während er ein Porträt von Revels betrachtete, sagte Douglass: „Welche Vorurteile diejenigen, die dies betrachten, auch immer haben, sie werden sich veranlasst sehen zuzugeben, dass der Senator von Mississippi ein Mensch ist.“
    Ich würde gern irgendwann einmal über Frederick Douglass reden und darüber, wie er sein öffentliches Bild einsetzte, um soziale Veränderung herbeizuführen. Es gibt einige faszinierende Verbindungen zu Michael Jackson, denke ich.
    Lisha: Das klingt faszinierend, Willa! Ich vermute, eine gute Diskussion über Frederick Douglass würde viel zur Erklärung der Bedeutung von Michael Jacksons Werk beitragen.
    Willa: So sehe ich das auch, besonders die Art und Weise, auf die er seine Bekanntheit und seine sich weiterentwickelnde öffentliche Rolle genutzt hat.
    Aber fürs Erste dachte ich, Douglass könnte ein nützlicher Ansatzpunkt sein, um eine Unterhaltung über Michael Jackson, Fotografie, seine öffentliche Rolle und die amerikanische Präsidentschaft zu beginnen.
    Lisha: Gut, ja. Weil nämlich Michael Jackson, genau wie Frederick Douglass, die subversive Macht von Bildsprache und Symbolik verstand, und das ist besonders interessant und bedeutsam, wenn wir seine Wirkung im Zusammenspiel mit den U.S. Präsidenten betrachten.
    Willa: Absolut. Douglass nahm zum Beispiel an Lincolns Amtseinführung teil – eigentlich war er einer der ersten, wenn nicht sogar der erste Schwarze, der als Gast eines amerikanischen Präsidenten fotografiert wurde. Hier ist ein historisches Foto von Lincolns zweiter Inauguration, bei dem Lincoln auf dem Podium steht und Douglass mit einem roten Kreis markiert ist.

    Douglass war jederzeit sehr sorgsam dabei, in der Öffentlichkeit auf eine sehr düstere und würdevolle Art aufzutreten, und das ist in diesem Bild spürbar, denke ich – auch aus dieser Distanz und in diesem Menschengewühl.
    Lisha: Whoa! Das Foto ist erstaunlich. Ich hatte keine Ahnung, dass es überhaupt existiert. Jetzt stell mal dieses Foto von 1865 dem Foto von Michael Jackson 1984, auf dem er gerade mit dem Präsidenten und Mrs. Reagan hinaus auf den Rasen des Weißen Hauses tritt, gegenüber:

    Willa: Das ist bestechend, Lisha! Es ist so unglaublich, diese zwei Bilder wie hier gegenüberzustellen und darüber nachzudenken, dass Michael Jackson dort steht, wo Frederick Douglass 120 Jahre vor ihm gestanden hat. So viele Dinge haben sich in diesen 120 Jahren verändert, die seit dem Zusammentreffen von Frederick Douglass mit Abraham Lincoln gegen Ende des Bürgerkriegs am Weißen Haus und von Michael Jackson als einem der erfolgreichsten und einflussreichsten Männer Amerikas mit Ronald Reagan befinden.


    weiter in: https://all4michael.com/


    Originaltext: https://dancingwiththeelephant…l-jackson-and-soft-power/

    Ich aber gelobte mir,
    mich niemals abstumpfen zu lassen
    und den Vorwurf der Sentimentalität
    niemals zu fürchten.

    Albert Schweitzer

    Einmal editiert, zuletzt von Amidara ()

  • Präsidiale Politik, Teil 3
    by Ilke on 2. May 2017
    1 Vote
    Presidential Politics, Part 3
    Quelle: https://dancingwiththeelephant.wordpress.com
    Post vom 8. Dezember 2016


    Willa: Lisha, so vieles hat sich verändert seit unserem letzten Post. Diese gefühlt qualvolle Wahl ist endlich zu Ende, und ich bin so fassungslos und demoralisiert. Es fühlt sich an, als wäre unser politischer Prozess tief beschädigt, vielleicht sogar zerbrochen, wie viele Leute sagen, und es scheint, dass es jetzt mehr als jemals zuvor wichtig ist, über alternative Machtformen zu sprechen – in der Bedeutung, dass man andere Wege als Politik finden sollte, um soziale Veränderungen hervorzubringen.
    Lisha: Es war eine solch schwere Zeit für mich – angesichts der Tatsache, wie tief gespalten wir als Nation sind. Ich bin mir nicht sicher, ob unsere Institutionen stark genug sind, dem Druck, unter dem sie stehen, standzuhalten, und ich denke, da ist eine Antwort erforderlich. Michael Jackson sagte bereits in This Is It: „Es beginnt bei uns. Wir sind dran, andernfalls wird es niemals getan werden.“
    Willa: Ich glaube, du hast Recht, Lisha, und das ist ein großartiges Beispiel. Er spricht hier ausdrücklich über die Eingeschränktheit der Regierung und darüber, wie Politiker eher dazu neigen, der öffentlichen Meinung zu folgen als sie anzuführen. Das wird deutlich in den Sätzen, die den von dir zitierten Sätzen vorangehen:
    Die Leute sagen immer: „Oh, sie werden sich schon darum kümmern. Die Regierung wird es tun. Keine Sorge, sie werden …“ Sie wer? Es beginnt bei uns. Wir sind dran, andernfalls wird es niemals getan werden.
    Lisha: Michael Jackson machte diese Feststellung damals 2009 in dem Part des Earth Song, bei dem er eindringlich an den Klimawandel erinnerte. Er warnte, dass dieses Problem unsere Beteiligung erfordere, wenn es jemals gelöst werden sollte, und er wusste, dass die Zeit knapp werden würde. Ich kann mir also nicht im Entferntesten vorstellen, was er nun, mehr als sieben Jahre später, fühlen würde, mit dem Wissen, dass ein Leugner des Klimawandels als Oberhaupt der US Environmental Protection Agency (US-Umweltschutzbehörde) nominiert ist.


    Willa: Ich habe genau dasselbe gedacht. Es fühlt sich in dieser Zeit großer Umweltgefährdung an, als würden wir einen Riesenschritt in die falsche Richtung machen. Ein winziger Hoffnungsschimmer ist, dass Ivanka Trump ein Treffen zwischen ihrem Vater und Al Gore arrangiert hat, welches Gore anschließend „eine ausführliche und sehr produktive Besprechung“ genannt hat und sagte, es würde „fortgesetzt werden“.
    Lisha: Ja, es ist wenigstens ein Hoffnungsschimmer.
    Willa: Aber ich weiß nicht, ob wir uns einfach zurücklehnen und darauf hoffen können, dass alles gut ausgeht. Schließlich hat Michael Jackson nie viel Vertrauen in die Politik gesetzt.
    Lisha: Stimmt. Als das Ebony Magazin ihn damals 2007 zu seinen politischen Ansichten befragte, sagte er:
    Um die Wahrheit zu sagen, ich verfolge diese Dinge nicht. Wir wurden nicht so erzogen … wir bauen nicht auf diese Menschen, damit sie die Probleme in der Welt wieder in Ordnung bringen, das tun wir nicht. Sie können das nicht. So sehe ich das. Es geht um mehr als unsere Belange.
    Willa: Das ist ein großartiges Zitat, Lisha. Aber obwohl er skeptisch gegenüber der Politik war, bedeutet das nicht, dass er nicht sozial engagiert war. Er glaubte ganz besonders leidenschaftlich daran, dass der Einfluss der Kunst die Wahrnehmung, Vorstellungen und Gefühle der Menschen verändern könne.
    Lisha: Er war bereit die Initiative zu ergreifen und zu tun, von dem er wusste, dass es zu tun war. Und ich denke, er hat einige erstaunliche Beiträge geleistet, von denen wir heute noch profitieren.
    Willa: Richtig. In einem Interview von 1980 auf 20/20 beschrieb er, wie das Publikum reagierte, wenn er und seine Brüder auf der Bühne auftraten, und dann stellte er die Verbindung dieser Reaktionen zu bedeutenden, kulturellen Veränderungen her – der Art von tiefgreifenden emotionalen Veränderungen, die Künstler hervorrufen können, aber Politiker eben nicht. Er sagte es so:
    Wenn wir uns alle an den Händen halten und jeder bewegt sich mit, und da sind Menschen jeder Hautfarbe, aller Rassen, dann ist das die wundervollste Sache. Das ist etwas, was Politiker nicht erreichen.
    Lisha: Wow. Er war noch so jung, als er das sagte. Aber es steht sinnbildlich für so vieles in seinem Lebenswerk und für das, was noch kommen sollte.
    Willa: Genauso ist es. Und wir erkennen diesen Fokus auf tiefgreifenden kulturellen Wandel nicht nur bei seinen Konzerten, sondern auch in seinen Song Lyrics, Kurzfilmen, Gedichten und Kurzgeschichten wie auch anderer Kunst.
    Allerdings bezeichnete sich einiges seiner Kunst nicht selbst als Kunst und oft empfinden wir es gar nicht als Kunst. Aber diese andere Art der „Kunst“ war auch sehr wichtig dahingehend, soziale Veränderungen zu bewirken.
    Lisha: Das ist so wahr.
    Willa: Zum Beispiel sein Zusammentreffen mit Ronald Reagan oder dem ersten Präsident Bush im Weißen Haus könnte man als eine Art öffentliches Theater sehen, wie wir schon letztes Mal besprochen haben. Mit Bühnenbild und Kostümen, Fotografie und Kameraaufnahmen und der weltweiten Verbreitung der daraus entstandenen Aufnahmen – alle Elemente einer ausgearbeiteten, weltweit veröffentlichten Theaterproduktion.
    Und jene Bilder von Michael Jackson, die zeigen, wie er als hochangesehener Gast wie ein ehrenvoller Würdenträger im Weißen Haus empfangen wurde, hatten sowohl eine politische, als auch eine künstlerische Wirkung – sie waren dabei behilflich, die öffentliche Wahrnehmung über den „angemessenen“ Platz eines schwarzen Mannes in Amerika zu verändern. Diese Bilder eines Schwarzen, der mit Selbstvertrauen durch das Weiße Hause schreitet, kann dabei behilflich gewesen sein, dass Amerikaner sich vorstellen können, dass eines Tages ein schwarzer Mensch im Weißen Haus leben würde, und auf diese Art und Weise könnte dies den Weg für Barack Obama geebnet haben.
    Lisha: Das ist solch eine wesentliche Feststellung, Willa. Jene Bilder waren so einflussreich, dass sie dabei halfen, alte, unbewusste Vorstellungen über den großen, weißen Mann, der einzig und allein zur Führung qualifiziert sein sollte, zu lockern.


    Bitte hier weiterlesen https://all4michael.com/2017/0…aesidiale-politik-teil-3/

    "Wann immer ich einen sonnenuntergang sah, wünschte ich mir rasch
    etwas kurz bevor die sonne sich am westlichen horizont verbarg und
    verschwand. Das war so als ob die sonne meinen wunsch mit sich genommen
    hatte. Ich entließ meinen wunsch kurz bevor das letzte bisschen licht
    versiegte."


    Michael Jackson - Moonwalk

  • Michael Jackson, Leonard Bernstein und die Rolle des Künstlers in einer chaotischen Welt
    by Ilke on 10. July 2017



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    https://dancingwiththeelephant.wordpress.com
    Post vom 12. April 2017

    Lisha:
    Hey Willa! Es ist lange her, dass wir miteinander gesprochen haben.
    Willa: Ja, so ist es, und seitdem ist schrecklich viel passiert.
    Lisha: So wahr. Hier in den USA fühlt es wie Luxus an, an etwas anderes als die neusten Nachrichten des Tages zu denken – es geht hier so viel politisch Beunruhigendes vor sich. Aber vor kurzem entdeckte ich etwas, das mich wirklich ansprach und es interessierte mich, ob es für dich auch so wäre.
    Es handelt sich um ein Zitat des Dirigenten und Komponisten Leonard Bernstein, veröffentlicht im Boston Globe am 5. Juli 1970. Es stammt aus den Anmerkungen, die er anlässlich des Tanglewood Musikfestivals gemacht hatte, und in denen er „die Rolle des Künstlers in einer chaotischen Welt“ anspricht:
    Es sind die Künstler dieser Welt, die Fühlenden und Denker, die schließlich unsere Rettung sein werden, die wortgewandt sind, erziehen, die standhalten, auf etwas bestehen, singen und die großen Träume ausrufen. Nur die Künstler können das „noch-nicht“ in die Realität wenden.
    Willa: Danke, Lisha! Ich liebe alles an diesem Zitat – ganz besonders diese kühne Anfangszeile „Es sind die Künstler dieser Welt, … die schließlich unsere Rettung sein werden“.
    Wenn ich über all die Ungerechtigkeit und Gewalt in der Welt und über die steigende Intoleranz hier in den USA lese, und wenn ich darüber nachdenke, wie rasant sich der Klimawandel vollzieht, und über die kürzlichen politischen Veränderungen, die anzeigen, dass wir in den kommenden Jahren nicht nur zu langsam reagieren werden, sondern uns wahrscheinlich in die falsche Richtung zurückbewegen werden, dann frage ich mich, ob wir fähig sein werden, uns selbst und die anderen Bewohner auf diesem Planeten zu retten.
    Lisha: Es sind gefährliche Zeiten, das ist sicher.
    Willa: Es fühlt sich so an, nicht wahr? Als wären wir am Rande eines Abgrunds. Aber es gibt eine Chance, sie liegt bei den Künstlern.
    Lisha: Ja! Künstler spielen solch eine wichtige Rolle dabei, uns aufzuzeigen, wo wir stehen und wohin wir gehen müssen. Sie sind die Spitze dessen, wozu wir mit unserer Vorstellungskraft und beim Kreieren und Werden imstande sind.
    Willa: Genau! Sehr gut gesagt, Lisha. Bernstein sagte: “Nur die Künstler können das „noch-nicht“ in die Realität wenden.“ Ich glaube das wirklich. Bevor du „die Veränderung vornehmen“ kannst („Make that change“), um einen anderen visionären Künstler zu zitieren, musst du erst einmal fähig sein, diesen Wandel zu visualisieren. Und dann musst du die Leute dazu bringen, sich genug darum zu kümmern, damit sie etwas veranlassen.
    Diese zwei Taten – sich einen neuen gesellschaftlichen Weg vorzustellen und die Leute dazu zu bringen, sich genug einzusetzen, um dies zu erreichen – sind wohl die zwei wichtigsten und schwierigsten Schritte, um soziale Veränderung voranzubringen. Und diese Talente liegen in einzigartiger Weise bei Künstlern: die Fähigkeit das „noch nicht“ zu visualisieren und die Leute dazu zu bringen, sich zu kümmern.
    Lisha: Das ist es, wirklich. Und ich denke, wir können sowohl in den Werken Leonard Bernsteins als auch Michael Jacksons zwei ganz konkrete Beispiele dafür aufzeigen.
    Leonard Bernstein war einer der ersten, der einen sehr breit angelegten Blickwinkel auf amerikanische Musik hatte und verstehen wollte, was einen Sound „amerikanisch klingen“ lässt, so dass sich jeder Amerikaner mit ihm identifizieren kann. Mit dem Ergebnis, dass er unter den ersten war, die die Trennung von hoher Kunst und unterhaltender Kunst in der amerikanischen Musik hinterfragten und dabei die darin begraben liegenden rassenpolitischen Aspekte untersuchte. Dies war eine Haltung, von der er während seiner gesamten Karriere niemals abrückte.
    Willa: Das ist sehr interessant, Lisha. Wir haben so einige Male darüber gesprochen, wie Michael Jackson – neben anderen Künstlern wie Andy Warhol, Fred Astaire, Salvador Dali, Jean Cocteau und in einem gewissen Ausmaß sogar Walt Disney – die Grenzen zwischen hoher und populärer Kunst verwischt hat. Und du hast Recht – Bernstein arbeitete ebenfalls an der Überbrückung dieser Trennung.
    Lisha: Ja. Bernstein schien sich in der Welt der symphonischen Musik genauso wohl zu fühlen wie im Musicaltheater und –film, sogar in Nachtclubs, was das betrifft! Als Komponist und Dirigent stellte er die Grenze zwischen „ernster“ und „populärer“ Musik in Frage, weigerte sich, musikalische Stile zu trennen und nutzte Musik als eine Form gesellschaftlichen Engagements. Auch war er ein äußerst dynamischer Künstler. Es ist also keinesfalls überraschend für mich, dass er ein riesiger Fan von Michael Jackson war.
    Der Autor Jonathan Cott, der das letzte bedeutende Interview mit Bernstein bei einem Abendessen in dessen Haus führte, beschrieb dessen Bewunderung für Michael Jackson folgendermaßen:
    Vor allem war Bernstein, in jedem einzelnen Aspekt seines Lebens und Arbeitens, ein grenzenloser Enthusiast. Während meiner Unterhaltung während des Dinners mit ihm setzte er mich darüber in Kenntnis, dass das Wort „Enthusiasmus“ von dem griechischen Adjektiv ‚entheos‘ abstammt, was „Gott in sich tragen“ bedeutet, mit dem ihn begleitenden Sinn von ‚Leben ohne zu Altern‘, wie es die Götter auf dem Olymp taten.
    Eine meiner liebsten Geschichten über Bernstein, die auf perfekte Art sein enthusiastisches Temperament veranschaulicht und reflektiert, erzählt von einem Ereignis, als der Dirigent den damals achtundzwanzigjährigen Michael Jackson – ein weiterer dem Alter trotzender musikalischer „Gott“, den Bernstein unbändig verehrte – zu einem Konzert, das er 1986 mit den New Yorker Philharmonikern in der Los Angeles Royce Hall gab, einlud. Jackson war sprachlos nach Bernsteins hyperkinetischer Performance, und er ging während der Unterbrechung hinter die Bühne, um seinem musikgewaltigen Kollegen seine Anerkennung auszusprechen. Der äußerst wertschätzende Bernstein schlang daraufhin beide Arme um Jackson, hob ihn hoch und küsste ihn auf die Lippen. Als dieser wieder auf festem Boden gelandet war, sah sich der Sänger nur noch imstande den Dirigenten zu fragen: „Benutzt du immer denselben Taktstock?“
    Hier ist ein Foto, von dem ich glaube, dass es von diesem Treffen 1986 backstage in der Royce Hall stammt:


    Willa: Das ist eine wundervolle Geschichte, Lisha! Ich mag die Vorstellung, wie Bernstein Michael Jackson schwungvoll für eine große Umarmung hochhebt. Es haut mich immer wieder um, wie andere talentierte und kreative Leute ihn als verwandte Seele erkennen, wie Baryshnikov, als er über seinen Tanz spricht.
    Es ist lustig über Michael Jacksons Ehrfurcht vor anderen Stars nachzudenken, aber ich habe schon über einige solche Beispiele gelesen, bei denen er überwältigt war, jemanden zu treffen, den er bewundert, also glaube ich, es passierte manchmal wirklich.
    Lisha: Ja, es erscheint lustig, denn Michael Jackson war ganz offensichtlich ein viel größerer Star. Und es ist höchst amüsant, dass er auf Bernsteins enthusiastische Begrüßung mit der Frage nach seinem Taktstock reagierte!
    Willa: Ja, so ist es, und es erinnert mich an etwas, das David Michael Frank Joe Vogel erzählt hat. Frank arbeitete mit Michael Jackson im Frühjahr 2009 an einem Album mit klassischer Musik – dies hatte Priorität vor allem anderen, das Michael Jackson in den Monaten, vor seinem Tod machte, als er auch die Proben für This Is It begann.
    Frank sprach später mit Joe Vogel darüber und er erwähnte Bernsteins Taktstöcke:
    Ich hoffe, dass seine Familie eines Tages entscheiden wird, diese Musik als eine Hommage an ihn einzuspielen und der Welt die Tiefe seiner Kunst zu zeigen. … Ich erzählte Michael, ich würde einen von Leonard Bernsteins Taktstöcken benutzen, den ich auf einer Auktion ersteigert hatte, als wir die Aufnahmen machten. Ich wusste, das würde ihm einen großen Kick geben.
    Lisha: Wow! Wie cool ist das denn?


    .......

  • Willa: Wäre es nicht wundervoll, wenn das verwirklicht würde? Ich würde zu gern ein Video von Frank sehen, wie er mit einem von Bernsteins Taktstöcken ein Orchester dirigiert, das Michaels Jacksons klassische Musik spielt.
    Lisha: Oder noch besser, vielleicht hören wir es eines Tages live!
    Willa: Das würde ein Erlebnis sein! Gemäß einem Post von David Pack, der ein Treffen zwischen Bernstein und Michael Jackson arrangierte, beruhte die Bewunderung auf Gegenseitigkeit. Pack schrieb, dass Bernstein 1986 ein paar Tage vor seinem Geburtstag in Los Angeles war, und Pack fragte ihn, wie er dies gern feiern würde: „Ohne mit der Wimper zu zucken, sagte Leonard: ‘Ich möchte Michael Jackson treffen.‘“ Leider ist der Post nicht mehr da, glaube ich, aber hier ist ein Repost auf Reflections on the Dance, der die Geschichte dieses Abends wiedergibt. (Anm. d. Übers.: Die Übersetzung ist dieser Diskussion am Schluss beigefügt.)
    Lisha: Das ist solch eine bezaubernde Geschichte. Ich würde zu gern wissen, was Leonard Bernstein und Michael Jackson an dem Abend besprochen haben!
    Willa: Das würde ich auch gern wissen.
    Lisha: Ich vermute, diese Dinner Party fand am selben Abend statt, an dem Michael Jackson das Konzert der New Yorker Philharmoniker in Los Angeles besuchte, da mir aufgefallen ist, dass Michael Jackson auf all den Fotos dieselbe Kleidung trägt. Bernstein trägt einen Smoking in dem oberen Foto, aber eher zwanglose Kleidung beim Dinner. Dirigenten ziehen sich üblicherweise nach einem Konzert um und tragen ihren Smoking nicht außerhalb der Konzerthalle, es ist meiner Meinung nach also ziemlich wahrscheinlich, dass dieses Dinner direkt nach dem Konzert stattfand.
    Willa: Oh, ich wette, du hast Recht, Lisha. Gute Detektivarbeit! Es ist plausibel, dass Michael Jackson und Quincy Jones beim Dinner mit Bernstein sind, nachdem sie ihn backstage getroffen haben.
    Lisha: Ja, und es klingt so, als hätte Bernstein gehofft, dass sich aus diesem Treffen eine Zusammenarbeit ergeben würde. Gemäß Pack war es so, dass „Leonard Michael mit der klassischen Musik vertraut machen und möglicherweise zu einer Zusammenarbeit von klassischer und populärer Musik inspirieren wollte“. Ich frage mich, ob aufgefallen ist, dass keine Einführung Michael Jacksons in klassische Musik nötig war. Jermaine Jackson erzählt dies in seinem Buch You Are Not Alone:
    Michael betrachtete Musik ebenso als “Wissenschaft” wie auch als ein Gefühl. Von dem Moment an, an dem wir in das Haus am Bowmont Drive (1972) einzogen, begann er Komposition zu studieren. Er wollte unbedingt den Aufbau eines Songs verstehen, auf dieselbe Art, auf die ein Wissenschaftler beabsichtigt, die DNA einer Person zu verstehen. Zusammen hörten wir in jeden Klassik-Sender hinein, den wir auf dem Radio finden konnten, hörten in die Struktur eines Musikstücks hinein und „sahen“, welche Farben, Stimmungen und Gefühle jedes Instrument hervorrief … er liebte so viele klassische Stücke, wie sie langsam mit den Streichern begannen, zu etwas Dramatischem oder Rasenden anschwollen und sich dann wieder beruhigten. Dieser Aufbau – die A-B-A-Form – war etwas, was wir ständig analysierten. Und diese Inspiration aus der Klassik findet sich wie ein roter Faden in so vielen seiner Musikstücke … (S. 129).
    Gemäß Michael Jacksons eigenen Worten basiert das Album Thriller (das vier Jahre vor seinem Treffen mit Bernstein veröffentlicht worden war) auf Tchaikovskys Nussknacker Suite. Jetzt sag noch mal, dies sei ein Widerspruch!
    Willa: Ja, Susan Fast sprach darüber vor ein paar Jahren in einem Post. Ich war wirklich überrascht darüber, aber nachdem Susan es erklärt hatte, ergab es großen Sinn.
    Lisha: Ja, sie versteht es, komplizierte Dinge kristallklar erscheinen zu lassen!
    Und es gibt einen weiteren interessanten Einfluss. Ich glaube, fast jeder, der etwas Zeit mit dem Short Film Beat It verbracht hat, kann in Michael Jacksons Werken sehr viel von Bernsteins West Side Story entdecken.




    Willa: Ja, der Regisseur Bob Giraldi hat zwar verneint, dass es irgendeine Verbindung gäbe, aber ich habe herausgefunden, dass Michael Jacksons Regisseure oft ein ziemlich oberflächliches Verständnis seiner Filme zu haben scheinen. Und es scheint zweifelhaft, dass die West Side Story keine Inspiration für Beat It gewesen sein soll, ob Giraldi das nun bemerkt hat oder nicht – es gibt einfach zu viele Gemeinsamkeiten.
    Lisha: Da stimme ich zu. Ich zweifle Giraldis Berichte darüber, wie es sich zutrug, nicht an, aber ich denke auch nicht, dass der Einfluss der West Side Story deswegen ausgeschlossen werden muss.
    Willa: Ja, das ist eine gute Sichtweise, Lisha. Ich denke, du hast Recht.
    Lisha: Michael Jackson kannte sich mit der Geschichte der populären Musik, des Theaters und Films gut aus. Richtig gut. Viele betrachten die West Side Story als den Inbegriff dieses Genre, so dass es kaum zu glauben wäre, dass es seiner Aufmerksamkeit entgangen sein sollte. Es gibt einfach zu viele Gemeinsamkeiten zwischen Beat It und West Side Story, um sie einfach als Zufall abzutun.
    Willa: Sehe ich auch so. Die ersten Worte, die man zum Beispiel sich in Abständen wiederholend in der West Side Story hören kann, als die beiden Gangs aufeinandertreffen, lauten „Beat it!“ (unten bei 4:36 und 5:21 min). Auch auf dem Weg, den die beiden Gangs gemeinsam in der West Side Story gehen, wobei sie beim Gehen mit den Fingern schnippen – erkennen wir eindeutig immer wieder den Widerhall von Beat It. Und grundsätzlich ist die ganze Idee von einem Musical über die Überwindung von Bandengewalt im Kern beider Werke verankert. Es scheint für mich also ziemlich wahrscheinlich zu sein, dass Michael Jackson die West Side Story in einem gewissen Ausmaß im Sinn hatte, als er an Beat It arbeitete.



    Lisha: Das sind brilliante Beobachtungen, Willa! Und überhaupt, jeder, der nicht deine Analyse von Beat It in M Poetica gelesen hat, verpasst etwas. Du zeigst so überzeugend auf, wie Künstler von vorausgegangen Werken beeinflusst werden, indem du die Punkte zwischen Beat It, West Side Story und Shakespeares Romeo und Julia verbindest. Michael Jackson aktualisiert vorherige Inbegriffe der Geschichten, indem er eine Welt vergegenwärtigt, in der starke Gruppenidentifikation nicht auf ethnischen oder familiären Verbindungen basiert, so wie es den Werken der Fall ist, die seinem vorausgegangen waren.
    Das Eddie Van Halen Gitarrensolo, das mitten im Song aufploppt, illustriert diesen Punkt auf musikalische Weise, da es eindeutig als „weiß“ codiert ist, in einem Stück, das sonst in die Schublade „schwarze Musik“ gesteckt würde. Und ganz am Schluss von Beat It schwenkt die Kamera weg, um die vierte Wand zwischen Zuschauer und der Darstellung wegzuziehen. In der Annahme, dass es jeder sieht, wird deutlich, dass es sich hier um eine Vision der Welt handelt, wie sie sein könnte, als um eine naive Ausführung dessen, wie die Welt wirklich ist.
    Willa: Das ist eine wichtige Beobachtung, Lisha – eine, die die Kritiker, die Beat It als naiv bezeichnen, eindeutig verpasst haben.
    Lisha: Sich eine friedlichere, mehr farbenblinde Gesellschaft durch Musik auf der Bühne und der Leinwand zu vergegenwärtigen, fällt mir auch als ein typischer Zug á la Bernstein auf. Es erinnert sehr stark an Bernsteins erste Broadway Show On the Town, 1944 auf dem Höhepunkt des 2. Weltkriegs in Zusammenarbeit mit drei weiteren jüdischen Künstlern geschrieben: Jerome Robbins (dessen Choreografie in Michael Jacksons Werk auftaucht), Betty Comden und Adolph Green (dem Drehbuchautor für zwei sehr wichtige Einflüsse auf Michael Jackson: The Band Wagon und Singin‘ in The Rain).
    Willa: Interessant! Es gibt tatsächlich mehr kreative Verbindungen zwischen Bernstein und Michael Jackson, als ich bisher bemerkt habe.


    ........

  • Lisha: Ja, und ich finde das sehr faszinierend. Besonders wenn du in Betracht ziehst, wie revolutionär die Show On the Town zu ihrer Zeit war. Es war das erste Broadway-Musical, das von einem Sinfoniker komponiert wurde, und es war die erste Show, die Schauspieler auf eine integrierte, farbenblinde Art castete. Afroamerikanische Schauspieler spielten eine Vielzahl von Rollen direkt neben ihren weißen Gegenparts, und erschienen als typische New Yorker, Matrosen und Fußgänger – das war etwas, was wirklich niemals vorher passiert war. Es gab einen gemischtrassigen Chor, der Tänze aufführte, bei denen man sich an den Händen hielt. Everett Lee dirigierte das Orchester, das machte ihn zum ersten afroamerikanischen musikalischen Direktor am Broadway.
    Aber die vielleicht revolutionärste Besetzungsentscheidung war die für die weibliche Hauptrolle, die die japanisch-amerikanische Tänzerin Sono Osato als ultimative „All-American-Beauty“ Ivy Smith zeigte. Das war zu jener Zeit ein wahrlich radikaler Schritt, wenn man bedenkt, dass Osatos Vater einer der 120.000 internierten Japan-Amerikaner während des Krieges war.
    Hier ist ein Bild von Sono Osato und John Battles in On the Town aus Carol J. Ojas Bernstein Meets Broadway: Collaborative Art in a Time of War:

    Und hier ist ein Bild der Original Broadway-Besetzung von On the Town im Jahr 1944:

    Willa: Wow, Danke für den Einblick in On the Town, Lisha! Es klingt wirklich nach einer Produktion á la Michael Jackson, nicht wahr? Ich meine, denk dran, wie er den ganz und gar weißen Nachtclub aus The Band Wagon in die multi-ethnischen Besucher von Smooth Criminal oder You Rock My World verwandelt hat.
    Lisha: Ja, es ähnelt der kreativen Philosophie von Michael Jackson. Und ich bin so froh, dass du You Rock My World erwähnt hast, Willa, denn das ist eine weitere starke Verbindung zu Leonard Bernstein. Bernstein schrieb die Musik für den Film On the Waterfront (Die Faust im Nacken) mit Marlon Brando, auf den in You Rock My Worlddurchgängig angespielt wird, inklusive eines Cameo-Auftritts von Brando persönlich.
    Willa: Das stimmt! Ich hab das alles nicht im Zusammenhang gesehen, Lisha, aber das ist eine weitere wichtige Verbindung … und eine wirklich interessante. Danke, dass du den Zusammenhang aufgezeigt hast.
    Und ich bin immer noch fasziniert von deiner Beschreibung von On the Town. Es klingt, als wäre dies ein früher Wegbereiter der Art grenzüberschreitender Sensibilität, die wir durchgängig in Michael Jacksons Werk sehen – und das zu einer Zeit, als gemischtrassige Beziehungen weit weniger akzeptiert waren. Eigentlich war es eher so, dass es 1944 in vielen Staaten Gesetze gegen die Rassenmischung gab.
    Lisha: Ja und vergiss nicht, dass dies während des Zweiten Weltkriegs stattfand, als Amerika trotz offensichtlicher Unzulänglichkeiten hier zu Hause im Ausland für Menschenrechte und Freiheit kämpfte.
    Willa: Das ist richtig, und als die Angst vor “Fremden” an seinem Höhepunkt war, besonders gegen Japan-Amerikaner. Was du vorhin sagtest, Lisha, hat mich wirklich getroffen, dass der Vater der Hauptdarstellerin einer der Tausende war, denen das Zuhause genommen wurde und die gezwungen waren, während des Krieges in Lagern zu leben.
    Lisha: Ich musste es wirklich einen Moment sacken lassen, besonders im Hinblick auf unsere gegenwärtige Situation. 1944, als Japan-Amerikaner abtransportiert und in Internierungslager gebracht wurden, reagierte eine Gruppe junger jüdischer Künstler damit, ein neues Schönheitsidol aufzubauen: die Japan-Amerikanerin Sono Osato als das jugendlich-frische, typisch amerikanische Mädchen von nebenan.
    Willa: Ja, es ist sehr kreativ, den Mächtigen auf diese Art die Wahrheit zu sagen.
    Lisha: Das ist sicher. Wenn man sich aus der Perspektive von 2017 diese Fotos der Originalbesetzung von On the Town ansieht, würde man niemals darauf kommen, dass hier etwas ganz Radikales vor sich geht, bis einem jemand die Geschichte dieser Show erzählt. Es gibt da absolut nichts zu sehen, dass für unsere Augen des 21. Jahrhunderts ungewöhnlich erscheint. Aber im Jahr 1944 war es ganz und gar nicht das, was das Publikum erwartete.
    Ein Indiz dafür, wie wahrlich radikal die Show war, war die Tatsache, dass, als MGM fünf Jahre später eine Filmversion veröffentlichte, die rassenpolitischen Hinweise entfernt wurden waren, ich muss hinzufügen, auf sehr verstörende Weise. Und der Großteil von Bernsteins Musik war ebenfalls entfernt worden – alles außer drei Songs und dem Ballett. Die Produzenten waren der Meinung, es wäre zu symphonisch, also nahmen sie an, das Publikum würde es nicht mögen oder verstehen.
    Willa: Wirklich? Obwohl Bernstein als einer der größten Komponisten und Dirigenten des 20. Jahrhunderts galt? Ich muss sagen, Geschichten wie diese bringen mich auf die Palme – es erinnert mich daran, was mit dem Panther Dance Segment von Black or White passiert ist. Man denkt normalerweise, dass, wenn ein Künstler vom Kaliber eines Bernstein oder Michael Jackson ein revolutionäres, neues Werk veröffentlicht, es ein gewisses Maß an Vertrauen in ihr Urteilsvermögen gibt, und man eher zögert, es zu schnell zu verurteilen. Aber das scheint nicht der Fall zu sein.
    Lisha: Ja, es ist wirklich schwer zu ertragen. Ich empfehle, sich die MGM Version von On the Town einmal anzusehen, einfach um zu sehen, wie schrecklich die neue Musik ist und wie fürchterlich die rassendiskriminierenden Nachtclub-Szenen wirklich sind! Und warum? Es kostete sie viel Geld das Original durch schwache Qualität zu ersetzen!
    Willa: Wow, Lisha, es birgt eine ziemliche Ironie in sich, wenn du es auf diese Art betrachtest …
    Lisha: Aber vielleicht ist es das, was passiert, wenn Künstler ihrer Kultur zu viele Schritte voraus sind: Nicht jeder kapiert es. Michael Jackson schien sich dessen bewusst zu sein. Ich vermute, dass das der Grund dafür ist, dass er einlenkte und eine Entschuldigung für den Panther Dance veröffentlichte. Wenn du zu schnell zu weit vorpreschst, kommt die Botschaft nicht rüber.
    Das ist eines der interessantesten Dinge an Bernstein und der Originalproduktion von On the Town. Er überhäuft dich nicht direkt mit zu offensichtlich politischen Statements – durch die Show kann man sich einfach vorstellen, wie die Welt sein könnte, was schon immer der Einflussbereich der Kunst war. Die Musikwissenschaftlerin Carol Oja schreibt in ihrem Aufsatz „Bernstein‘s Musicals: Reflections of Their Time“ Bernstein war …
    … jemand, dessen Musik die Art politischer Orientierung hatte, die es wert war, dass man ihr folgt. Aber die politischen Botschaften in Bernsteins Aufführungen waren selten konflikthaft und belehrend … Vielmehr entwickelten sich die politischen Gedanken durch den allgemeinen Ethos der Aufführung …
    Mir fällt auf, dass genau dies der Ansatz Michael Jacksons für viele seiner Songs und Kurzfilme ist.
    Willa: Ja, wir könnten viele seiner Filme oder auch so etwas Subtiles wie „The Girl is Mine“ als Beispiele nennen. Es gibt nicht eine einzige Erwähnung von Rasse in dem Song, aber sobald du Paul McCartneys Stimme und Michael Jacksons Stimme erkennst – was 1983 so ziemlich jeder tat – dann weißt du, dass ein Schwarzer und ein Weißer darüber singen mit derselben Frau auszugehen und darüber debattieren, wen sie lieber mag. Das war 1983 ein radikales Szenario.
    Lisha: Da hast du Recht. So peinlich wie es ist, dies zuzugeben, das war ein radikales Szenario 1983. Aber der Song behandelt das Thema auf solch eine wenig konfrontative Art, dass ich wetten möchte, nur wenige bemerkten die politischen Andeutungen überhaupt, als sie die Botschaft vergnügt aufnahmen und mitsangen.
    Willa: Da magst du Recht haben, Lisha – besonders junge Zuhörer. Und ich denke, du sprichst einen wesentlichen Punkt in Bezug auf Kunst an, nämlich, dass sie nicht zu moralisierend oder konflikthaft sein sollte.
    Ich habe in den vergangenen Monaten sehr oft über sozialen Wandel und wie er tatsächlich entsteht, nachgedacht. Wir wissen – und dafür gibt es umfangreiche Beweise -, dass das Überwinden von Rassismus und anderer Arten der Intoleranz sehr wichtig für Michael Jackson war und dass er jederzeit für eine gerechtere Gesellschaft eintrat. Aber gleichzeitig ließ er Leute mit rassistischer Haltung sich niemals dumm oder unaufgeklärt oder schlecht fühlen. Ich denke, es ist wirklich wichtig für uns, dass wir das im Kopf behalten, aus dem ganz pragmatischen Grund, weil es einfach nicht funktioniert. Man kann die Herzen oder Gedanken der Menschen nicht ändern, indem man ihnen erzählt, sie seien ignorant. Im Grunde glaube ich, dass es oft genau den gegenteiligen Effekt hat und die Leute in ihrer Haltung noch bestärkt.


    ......

  • Was dagegen wirklich zu wirken scheint, ist Kunst. Wie du über On the Town sagtest: „Es war … die erste Aufführung, in der die Rollen der Schauspieler auf integrierende, farbenblinde Art besetzt wurden“ – etwas, was Michael Jackson ebenso wiederholte Male tat und darüber viele Male sprach, indem er sagte, er stelle Talente ein, nicht Farben.
    Lisha: Bei Michael Jackson gab es immer die Vorstellung von radikaler Inklusivität. Er sagte 1984 in einem Rolling Stone Interview:
    Ich bin farbenblind, ich stelle keine Farben ein, ich stelle Kompetenz ein. … Rassismus ist nicht meine Devise. Ich erwarte ganz stark, dass sich eines Tages alle Farben als eine einzige Familie fühlen.
    Willa: Ja, genau, und diese Weigerung an den sozialen Normen jener Zeit, besonders in rassenbezogener Hinsicht, festzuhalten, war sowohl für Bernstein als auch für Michael Jackson eine revolutionäre Haltung. Schließlich weigerten sich zahlreiche Radiostationen „The Girl is Mine“ zu spielen, weil in dem Song gemischtrassiges Dating impliziert wurde … ganz abgesehen von der Kühnheit eines Schwarzen, der einem Weißen (keinem Geringeren als einem Beatle!) sagt, sie würde ihn bevorzugen.
    Aber so radikal dies 1983 auch gewesen sein mag, er erledigte dies mit einer gewissen Leichtigkeit. Ich denke, diese Art von Kunst, die ganz subtil die Grenzen dessen, was akzeptabel ist, hinterfragt, hat eine führende Rolle bei der Veränderung allgemeiner Vorstellungen über Rasse und gemischtrassige Beziehungen übernommen.
    Ein Beispiel dafür, wie sehr sich die sozialen Konventionen geändert haben, sind die Reaktionen – oder Nicht-Reaktionen – des Publikums auf die neue Version von Disneys Beauty and the Beast (Die Schöne und das Biest), welches ganz subtil „eine Besetzung auf eine integrierende, farbenblinde Art“ hat, wie du vorhin über On the Town gesagt hast. Es gibt dort eine Vielzahl von Mitwirkenden, die durch eine böse Zauberei in Haushaltsgegenstände verwandelt wurden, und die sich danach sehnen, die Gesichter ihrer Lieben berühren zu dürfen, es aber nicht können, weil sie in diese leblosen Formen eingesperrt sind – wie zum Beispiel in ein Klavier, eine Kommode, einen Kronleuchter oder was auch immer. Am Ende wird der Bann gebrochen und jene Darsteller, die uns schon ans Herz gewachsen sind, werden in ihre menschliche Form zurückgeführt, unter ihnen zwei gemischtrassige Paare. Eigentlich sind in Beauty and the Beast die ersten zwei Fälle eines gemischtrassigen Kusses in einem Disney Film enthalten … und so gut wie nichts wurde darüber gesagt, weder positiv noch negativ.
    Gemischtrassige Beziehungen sind so sehr zum Mainstream geworden, dass sie sogar in Disney Filmen vorkommen, und dass kaum Notiz von ihnen genommen wird. Ich glaube, auf vielfältige Art und Weise können wir diese Veränderung visionären Künstlern wie Bernstein und Michael Jackson zuschreiben.
    Lisha: Ich stimme dir vollkommen zu, Willa. Es spielt durchaus eine Rolle, wenn ein Leonard Bernstein oder ein Jerome Robbins eine sich an den Händen haltende Tanzgruppe zusammenstellen, damit man sehen und spüren kann, um was es bei Rassengerechtigkeit geht. Es spielt eine Rolle, wenn Michael Jackson eine riesige Brücke auf der Bühne aufbauen lässt und er uns dabei hilft, uns den Klimawandel als ein Problem vorzustellen, an dessen Lösung sich jeder beteiligen sollte, ungeachtet der Zugehörigkeit, denn es handelt sich hier um eine Krise, die nicht von einer Nation oder irgendeiner Gruppe allein gelöst werden kann. Unsere einzige Hoffnung, das Desaster abzuwenden, liegt in unserem Willen als eine Einheit zusammenzuarbeiten. Und es ist ein Versagen der eigenen Vorstellungskraft, nicht voraussehen zu können, wie desaströs das Ergebnis sein könnte, wenn wir nicht sofort handeln.
    Willa: Ja, gut gesagt, Lisha. Und Bernstein sagte dies in dem Statement, das du zu Beginn dieses Posts zitiert hast, es sind die Künstler, dies uns auf diesem Weg anführen werden.
    Lisha: Bevor wir aufhören, möchte ich den zweiten Teil jenes Zitats über die Verwandlung „des ‚noch nicht‘ in die Realität“ teilen:
    Wie machst du das? Finde heraus, was du besonders gut kannst, einzigartig gut, und dann tu es mit aller Kraft. Und ich meine nicht „sein eigenes Ding machen“ im hippen Sinn, wie es gerade in ist. Das ist Passivität, das scheidet aus, das bringt gar nichts. Ich rede über das Tun in dem Sinn, deiner Gemeinschaft zu dienen, ob es nun eine kleine Stadt ist oder sechs Kontinente.
    Willa: Das ist wirklich inspirierend, Lisha.
    Lisha: Das denke ich auch, Willa. Man spürt, dass wir unsere Bernsteins und Michael Jacksons jetzt mehr denn je brauchen!
    Michael Jackson, Jesus und ich
    Meine Geschichte über christliche Verbundenheit mit dem King of Pop

    Von links: Quincy Jones, Michael Jackson, Leonard Bernstein, Jamie Bernstein und David Pack
    Von David Pack
    Im August 1986 befand sich der berühmte Komponist Leonard Bernstein in Los Angeles, um in der UCLA Royce Hall ein klassisches Konzert zu dirigieren. Da ich wusste, dass sein Geburtstag in diese Woche fallen würde, fragte ich ihn, was er sich wünsche. Ohne eine Sekunde zu verlieren, sagte Leonard: „Ich möchte Michael Jackson treffen.“
    Zu jener Zeit war Michael der größte Popstar des Universums. Er hatte gerade den überwältigenden weltweiten Erfolg von Thriller, eine ausverkaufte Welttournee und zahlreiche Grammy-Gewinne hinter sich gelassen, was ihn, wo auch immer er hinkam, in anspruchsvolle Höhen beatlesquer Tumulte katapultierte. Er wurde in der Musikindustrie als das größte, noch unverfälschte Talent seiner Generation gesehen, und die Kombination von Michael Jackson und Quincy Jones in einem Studio setzte einen Standard, der wohl nie wieder erreicht werden würde.
    Leonard war seinerseits ein globaler Superstar und eine Persönlichkeit des Fernsehens auf ganz eigene Art – er wird in vielen Veröffentlichungen als der am meisten gefeierte Musiker, Dirigent und Komponist des 20. Jahrhunderts genannt. Und doch erstarrte Leonard in Ehrfurcht vor Michaels Talent, beschrieb ihn als „den am meisten durch und durch gehenden Popstar, den ich seit den Beatles gesehen habe“. Leonard wollte Michael mit klassischer Musik vertraut machen und ihn eventuell zu einer Zusammenarbeit mit klassischer und Popmusik zu inspirieren.
    Ich war entschlossen Leonard seinen Geburtstagswunsch mit einem Treffen meiner beiden Freunde zu erfüllen. Also rief ich einen weiteren Freund an, Quincy Jones, ebenfalls ein Musiktitan und eine Legende, den ich Leonard im Jahr vorher bei einem anderen Dinner vorgestellt hatte.
    Quincy betete Leonard Bernstein an, also sagte er, er würde Michael anrufen und fragen. Eine Stunde später rief er mich zurück, um mitzuteilen, dass Michael nicht kommen könne. Als ich Leonard erzählte, dass Michael nicht kommen würde, sagte er: „Was? Du musst ihm sagen, dass ich, Leonard Bernstein, ihm befehle, zu meinem Konzert zu kommen!“ Ich ging zurück zu meinem Telefongespräch mit Quincy. Zwei Stunden später rief Quincy an, um zu sagen, dass Michael kommen würde. „Aber er war noch nie bei einem klassischen Konzert, das wird also interessant werden!“
    Bei dem Konzert liebte Michael es Leonard zu beobachten, der an einer Stelle während eines Instrumentalabschnitts drei Fuß hoch in die Luft sprang und mit einem lauten ‚Aufprall‘ wieder auf dem Boden landete. (Quincy, Michael und ich waren ziemlich sicher, dass Leonard hiermit versuchte vor Michael eine Schau abzuziehen.)
    Später an diesem Abend, während des Dinners in meinem Haus, erlebte ich Michael als einen Mann mit der süßesten Seele, die ich je erlebt habe. Er dankte mir immer wieder dafür, ihm „befohlen“ zu haben zu dem Konzert zu kommen. Er bat mich ihm einige von meinen Hits mit Ambrosia in Erinnerung zu bringen, also sang ich den Refrain von „Biggest Part of Me“. Seine Augen begannen zu leuchten wie die eines kleinen Kindes, und er übernahm den Gesang und sang mir den gesamten Refrain vor.


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